Neue Dating-App für Community Vertrauen und reale Begegnungen sollen im Mittelpunkt stehen
Mit MeetMarket ist eine neue digitale Plattform für queere Menschen an den Start gegangen, die nach Angaben ihres Gründers einen anderen Weg einschlagen will als etablierte Dating- und Hookup-Apps. Statt sich ausschließlich auf schnelle sexuelle Kontakte zu konzentrieren, soll das Angebot auch soziale Begegnungen, lokale Vernetzung und gemeinschaftliche Aktivitäten fördern.
Das Wichtigste im Überblick
- Der Berliner Calum Bowden hat die queere Plattform MeetMarket gegründet.
- Die App soll Dating, Community-Funktionen und lokale Vernetzung miteinander verbinden.
- Innerhalb von 48 Stunden registrierten sich nach Angaben des Unternehmens mehr als 12.000 Menschen.
- MeetMarket zählt inzwischen rund 60.000 Nutzerinnen und Nutzer.
- Werbung soll es auf der Plattform nicht geben.
- Nutzer sollen Kontrolle über ihre Daten behalten und Mitspracherechte erhalten.
- Gründer Bowden kritisiert bestehende Angebote wie Grindr als ausbeuterisch und vertrauensschädigend.
Rasches Wachstum nach dem Start
Hinter dem Projekt steht der in Berlin lebende Calum Bowden, der in sozialen Medien unter dem Namen „Don Jackoghue“ bekannt ist. „Die schwulen Apps gehören zu den ausbeuterischsten und am stärksten verschlechterten Technologien, die wir haben“, so Bowden. „Wie würde eine App aussehen, wenn wir wieder an die Ideen von Verantwortung und Gemeinschaft anknüpfen würden?“ Die Plattform wurde im März gestartet und befindet sich nach Angaben ihres Gründers noch in einer frühen Entwicklungsphase. Dennoch verzeichnete MeetMarket bereits kurz nach dem Start eine hohe Nachfrage. Innerhalb der ersten beiden Tage meldeten sich demnach mehr als 12.000 Menschen an. Inzwischen sei die Nutzerzahl auf rund 60.000 gestiegen. Wöchentlich nutzten etwa 5.000 Menschen die Plattform aktiv.
Über das Memorial-Day-Wochenende sammelte MeetMarket nach Unternehmensangaben zudem knapp 65.000 US-Dollar von Gründungsmitgliedern ein. Bowden verfolgt dabei ein ungewöhnliches Finanzierungsmodell. Die Plattform soll langfristig ausschließlich von ihren Mitgliedern getragen werden. Nutzerinnen und Nutzer sollen nicht nur Eigentümer ihrer Daten bleiben, sondern auch Stimmrechte innerhalb des Unternehmens erhalten. Sein Ziel sei es, verlorenes Vertrauen innerhalb digitaler Räume wiederherzustellen. Auf der Internetseite von MeetMarket heißt es dazu: „Die schwulen Apps von heute sind schrecklich. Lasst uns eine Alternative aufbauen.“
Kritik an bestehenden Plattformen
Bowden räumt ein, dass er die Mechanismen sozialer Netzwerke und Dating-Apps gut kennt. Auch er habe die Anziehungskraft digitaler Aufmerksamkeit erlebt. Trotzdem sieht er erhebliche Probleme bei den marktführenden Angeboten. Zwar erfülle Grindr mit seinen rund 15 Millionen monatlich aktiven Nutzern offensichtlich einen Bedarf nach unkomplizierten sexuellen Begegnungen, so Bowden. Gleichzeitig würden Werbung, kostenpflichtige Zusatzangebote und wirtschaftliche Interessen zunehmend in den Vordergrund rücken. Bowden argumentiert, dass börsennotierte Unternehmen ihren Fokus zwangsläufig auf Umsatzsteigerungen richten müssten.
Seiner Ansicht nach funktioniere Grindr ähnlich wie ein Glücksspielautomat. Nutzer würden gerade genug Erfolgserlebnisse erhalten, um weiterzumachen, jedoch nicht genug, um die Plattform dauerhaft zu verlassen. Die Geschäftszahlen sprechen für den wirtschaftlichen Erfolg dieses Modells. Im ersten Quartal 2026 erwirtschaftete Grindr nach Unternehmensangaben einen Umsatz von 130 Millionen US-Dollar. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen Einnahmen von rund 535 Millionen Dollar. Das neue KI-Premiumangebot kostet teilweise bis zu 500 Dollar monatlich. Eine Entwicklung, die innerhalb der Community durchaus auch zu Frust und Ärger geführt hat.
Vertrauen als zentrale Idee
Bowden betont, dass er weder Algorithmen abschaffen noch die Attraktivität unverbindlicher sexueller Kontakte infrage stellen wolle. „Es ist ein Umfeld mit extrem wenig Vertrauen“, sagt er. „Wenn ich diesen Raum betrete, habe ich nicht einmal das Gefühl, ich müsste in irgendeiner Weise ich selbst sein. Alles ist so transaktional.“ Auch andere Plattformen betrachtet er kritisch. Als Beispiel nennt er Sniffies, das nach einer Investition in Höhe von 100 Millionen Dollar durch die Eigentümergesellschaft von Tinder und Hinge weiter wächst. „Alles wird auf ‚Suche jetzt sofort‘ reduziert“, sagt Bowden. „Das ist wenig vertrauensvoll und nicht sozial.“
MeetMarket setzt deshalb auf ein Verifizierungssystem zwischen den Nutzern. Ähnlich wie bei der chinesischen Plattform WeChat sollen Mitglieder andere Personen bestätigen können. Dadurch soll sichergestellt werden, dass echte Menschen hinter den Profilen stehen. Bowden stellt sich eine Gemeinschaft vor, in der Vertrauen und persönliche Verantwortung eine größere Rolle spielen. Wer problematische Nutzer in das Netzwerk einführt, müsse damit rechnen, dass dies Auswirkungen auf den eigenen Ruf habe.
Von Kleinanzeigen bis Nachbarschaftshilfe
Neben Dating-Funktionen bietet MeetMarket auch Foren und Veranstaltungshinweise an. Das Konzept orientiert sich nach Angaben des Gründers an queeren Magazinen und Kleinanzeigenmärkten früherer Jahrzehnte. Ziel sei es, reale Begegnungen zu fördern und unterschiedliche Lebensbereiche miteinander zu verbinden. Werbung soll bewusst ausgeschlossen bleiben. „Nichts im Internet ist wirklich kostenlos“, sagt Bowden. Nutzerdaten würden ständig ausgewertet und wirtschaftlich genutzt. „Das begrenzt die Möglichkeiten dessen, was das Internet sein könnte und was es für uns schaffen kann.“ Finanziert wird die Plattform über Mitgliedsbeiträge. Die monatliche Gebühr beträgt 13,99 US-Dollar.
Positive Resonanz und kritische Stimmen
Die Reaktionen auf das Projekt fallen bislang überwiegend positiv aus. Dennoch gibt es auch skeptische Stimmen. Ein Kritiker schrieb in sozialen Medien: „Wie nobel von dir, dich gegen diese bösen heterosexuellen Konzernherren zu stellen und zu sagen: ‚Hört auf, mein Volk auszubeuten! Diese 350 Millionen queeren Dollar sollten stattdessen an mich gehen!‘“ Darüber hinaus wächst die Zahl alternativer Plattformen. Zuletzt berichteten US-Medien über die bei Bären beliebte App Chunkr sowie die neue Dating-Anwendung Streakr. Auch etablierte Angebote wie Squirt werben weiterhin um Nutzer.
Bowden ist sich bewusst, dass die meisten Menschen solche Plattformen in erster Linie zur Partnersuche oder für sexuelle Kontakte nutzen. Selbst zusätzliche Funktionen wie Veranstaltungskalender, Nachbarschaftsforen oder Möglichkeiten zum Ausleihen von Werkzeugen seien keine Garantie dafür, dass MeetMarket sich dauerhaft von anderen Angeboten unterscheiden werde. Der Gründer hält dennoch an seiner Vision fest. „Ich mag das Internet, ich bin selbst sehr viel online“, sagt er. „Aber ich kann auch zwischen Online- und Offlinewelt wechseln.“ Abseits von Apps und Bildschirmen sei queeres Leben wesentlich vielfältiger und komplexer als es digitale Raster oder Kartenansichten vermitteln könnten. Genau diese Vielfalt wolle MeetMarket künftig sichtbar machen.