Microsoft in der Kritik LGBTIQ+ auf dem Prüfstand, Boykottaufrufe gegen Konzern
Mehrere Organisationen und queere Aktivisten üben inzwischen lautstark Kritik in den USA an Microsoft und rufen zum Boykott auf. Der Vorwurf: Der IT-Giganten würde öffentlich LGBTIQ+-Rechte verteidigen und gleichzeitig von der Politik der Trump-Regierung profitieren.
Das Wichtigste im Überblick
- Mehrere queere Verbände und Aktivisten werfen Microsoft Pink Washing vor und fordern einen Boykott.
- Microsoft hat mehrere Diversity-, Equity- und Inclusion-Maßnahmen (DEI) zurückgefahren.
- Kritiker sehen einen Zusammenhang mit dem politischen Druck der Trump-Regierung.
- Microsoft kooperiert weiterhin mit US-Behörden und dem Militär über seine Cloud-Plattform Azure.
- Große LGBTIQ+-Organisationen wie Human Rights Campaign und GLAAD unterstützen Microsoft weiterhin.
Umgang mit LGBTIQ+-Themen
Einer der Kritik ist der ehemalige Microsoft-Mitarbeiter Julius Shan: „Es ist bequem zu behaupten, man schütze LGBTIQ+-Rechte und setze sich für sie ein, während man gleichzeitig Geld von einer der korruptesten Regierungen erhält, die es gibt“, so Shan. Nach eigenen Angaben war seine Kritik an LGBTIQ+-Fragen nicht der einzige Grund für seine Unzufriedenheit mit dem Unternehmen. Den entscheidenden Auslöser habe die Erkenntnis geliefert, dass Microsoft ein Massenüberwachungsprojekt unterstütze, das dem israelischen Militär geholfen habe, Millionen ziviler Telefongespräche in Palästina abzufangen.
Daraufhin beteiligte sich Shan an einem Besetzungsprotest am Microsoft-Hauptsitz in Redmond im US-Bundesstaat Washington. Eine Woche später sei er entlassen worden. Microsoft habe ihm Fehlverhalten und einen Verstoß gegen Unternehmensrichtlinien vorgeworfen. „Ich glaube, dadurch habe ich wirklich verstanden, wo Microsofts Werte tatsächlich liegen – also der Unterschied zwischen den Werten, die das Unternehmen öffentlich verkündet, und der Art, wie diese Werte im Alltag tatsächlich gelebt werden“, so Shan.
Rückbau von Diversitätsprogrammen
Microsoft galt über Jahrzehnte als Vorreiter bei LGBTIQ+-Themen. Bereits 1991 nahm das Unternehmen die sexuelle Orientierung in seine Antidiskriminierungsrichtlinien auf, 2004 folgte die Geschlechtsidentität. Seitdem erhielt Microsoft regelmäßig Bestnoten im Corporate Equality Index der Human Rights Campaign (HRC) und beteiligte sich seit 2013 jährlich an Pride-Veranstaltungen.
Laut dem Rechercheteam der queeren Plattform Uncloseted Media änderte sich das Umfeld offenbar jedoch deutlich, nachdem konservative Denkfabriken verstärkt gegen Diversitätsprogramme mobilisierten. „Die gesamte Landschaft hat sich dramatisch verändert“, so Mike Wilke, Gründer der Organisation AdRespect. Rechte Aktivisten hätten „innerhalb kürzester Zeit bei zahlreichen Unternehmen großen Einfluss gewonnen“, zudem habe es eine enge Abstimmung mit führenden Vertretern der Republikanischen Partei gegeben, die sich den Angriffen angeschlossen hätten.
Unter Präsident Donald Trump habe sich dieser Trend verstärkt. Trump unterzeichnete an seinem zweiten Amtstag eine Anordnung, die Unternehmen dazu drängen sollte, ihre DEI-Programme zurückzufahren. 2025 kündigte Microsoft an, seinen jährlichen Diversitäts- und Inklusionsbericht nicht länger zu veröffentlichen. Dieser Bericht hatte seit 2019 Daten zur Repräsentation von Frauen, LGBTIQ+-Personen sowie ethnischen Minderheiten enthalten. „Sie haben ihn abgeschafft – und das ohne nennenswerten direkten Druck der Trump-Regierung. Es fühlte sich so an, als sei das vorsorglich geschehen“, sagte Shan. Dem Bericht zufolge strich Microsoft zudem Vorgaben für Mitarbeiter, Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt und Inklusion zu dokumentieren. Diversität verschwand außerdem aus der Liste zentraler Bewertungskriterien bei Leistungsbeurteilungen. Im März trat die Diversity-Chefin des Unternehmens im Zuge einer Umstrukturierung zurück. Gleichzeitig wirbt Microsoft auf seinen Pride-Seiten weiterhin für LGBTIQ+-Sichtbarkeit.
Vorwürfe des „Pinkwashing“
Wilke sieht zwei mögliche Interpretationen des Microsoft-Kurses. Einerseits könne das Unternehmen versuchen, die Community weiterhin zu unterstützen und zugleich politische Angriffe abzuwehren. Andererseits könne es auch schlicht darum gehen, weiterhin Geld von LGBTIQ+-Kunden und Unterstützern zu verdienen. „Man muss zeigen, dass man seine Mitarbeiter und Kunden respektiert und keine Anti-LGBTIQ+-Politiker oder -Organisationen unterstützt. Wir wollen sehen, dass das Geld tatsächlich dort eingesetzt wird, wo der Mund vollmundige Versprechen macht.“
Trotz der Kritik arbeiten mehrere große LGBTIQ+-Organisationen weiterhin mit Microsoft zusammen. GLAAD veranstaltete ein LGBTIQ+-Jugendevent in Microsoft-Büros in Atlanta und kooperierte mit dem Microsoft-Tochterunternehmen Blizzard bei einer Pride-Kampagne. Auch die Human Rights Campaign führt Microsoft weiterhin als „Platinum Partner“, die höchste Sponsorenstufe der Organisation. Zudem erhielten Microsoft und LinkedIn im laufenden Jahr jeweils 100 von 100 Punkten im Corporate Equality Index.
Wilke kritisierte jedoch, dass dort auch die Lockerung von Hassrede-Regeln bei LinkedIn hätte berücksichtigt werden müssen. „Ich habe keinen Einblick in die Gremien der HRC oder die konkrete Bewertung. Aber eigentlich hätte so etwas im Bereich verantwortungsvolles Unternehmenshandeln berücksichtigt werden müssen. Die Menschen in solchen Gremien kommen häufig selbst aus Unternehmen. Deshalb könnte man sagen, dass sie auf solche Fragen oft mit einem eher konservativen Blick schauen.“
Überwachungs- und Abschiebesysteme?
Der Aktivist Acheson vertritt die Auffassung, Microsoft entferne sich von LGBTIQ+-freundlichen Positionen, weil staatliche Aufträge hohe Einnahmen brächten. „Das Trump-Regime hat deutlich gezeigt, wie kleinlich es sein kann, wenn es darum geht, wer Geld erhält und welche Vorteile es bringt, sich seine Gunst zu sichern“, sagte er. Laut dem Recherche-Bericht setzt das Pentagon KI-Werkzeuge ein, die auf Microsoft-Rechenzentren betrieben werden. Acheson argumentiert, solche Technologien würden häufig auch gegen queere Menschen eingesetzt. „Große Technologiekonzerne behaupten, die queere Gemeinschaft zu unterstützen, während sie gleichzeitig Technologien entwickeln, einsetzen und verkaufen, die uns schaden“, sagte er.
Microsofts Cloud-Plattform Azure wird laut Bericht außerdem von der US-Einwanderungsbehörde ICE genutzt. Seit 2023 habe ICE mehr als 94 Millionen US-Dollar für Microsoft-Produkte ausgegeben. Die technische Einsatzgruppe der Behörde verwende Azure zur Überwachung von US-Bürgern mittels Telefon-, Video-, Audio-, Ortungs- und Funkfrequenztechnologien sowie dazugehöriger Überwachungssysteme. Bis Januar habe ICE Gesichtserkennungs- und Fingerabdrucksysteme mehr als 100.000-mal eingesetzt und Zugriff auf Führerscheindaten von drei von vier erwachsenen US-Bürgern gehabt.
Der Bericht verweist außerdem auf Abschiebungen oder Abschiebungsdrohungen gegen queere Menschen in Länder, in denen Homosexualität strafbar ist, darunter Kamerun und Iran. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 habe zudem weitverbreiteten Missbrauch von LGBTIQ+-Personen in ICE-Hafteinrichtungen dokumentiert. Fast ein Drittel der Befragten habe sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt. „Das mag sehr bürokratisch klingen, aber Microsofts Technologie ermöglicht in Wirklichkeit den täglichen Betrieb von Institutionen, die rechtswidrig handeln und schwere Menschenrechtsverletzungen begehen“, sagte Acheson.
Boykottaufrufe gegen Microsoft
Vor dem Hintergrund dieser Vorwürfe rufen drei Organisationen nach Angaben des Berichts inzwischen zum Boykott von Microsoft auf. „Wir alle wissen, dass die Änderung des Logos zum Pride-Monat nichts weiter als Symbolik ist“, sagte Victor Rivera, Mitgründer und Geschäftsführer der progressiven Organisation Beyond the Ballot. „Entscheidend ist, keine Regierungen oder Verwaltungen zu unterstützen, die der LGBTIQ+-Gemeinschaft Schaden zufügen.“ Während große LGBTIQ+-Organisationen bislang weitgehend zu Microsofts Aktivitäten schweigen, gibt es laut Bericht Beispiele für erfolgreiche Kampagnen von Aktivisten. So beendete die Human Rights Campaign im vergangenen November nach zweijährigem Druck von Aktivisten ihre Beziehungen zu den Rüstungskonzernen Northrop Grumman und Raytheon.