Trotz wachsender Kritik an der Menschenrechtslage in der Türkei wollen Kanada und die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan künftig enger zusammenarbeiten. Dabei hat die kanadische Regierung allerdings nach eigenen Angaben auch die Rechte von LGBTIQ+-Menschen zur Sprache gebracht.
Das Wichtigste im Überblick
- LGBTIQ+-Rechte angesprochen: Kanadas Premierminister Mark Carney bestätigt, dass seine Regierung bei Gesprächen mit der Türkei auch die Situation queerer und homosexueller Menschen thematisiert hat.
- Kanada und die Türkei wollen ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Energie, Verteidigung und Sicherheit ausbauen.
- Massive Repressionen: Bei Polizeieinsätzen gegen LGBTIQ+-Organisationen, HIV-Hilfsvereine und Treffpunkte der queeren Community wurden im September 2026 mindestens 112 Menschen festgenommen.
- Einschränkungen der Pressefreiheit: Türkische Behörden gehen auch gegen Webseiten, soziale Netzwerke und Medien vor, die über LGBTIQ+-Themen berichten.
- Zusammenarbeit trotz Differenzen: Carney stellt klar, dass engere Beziehungen zur Türkei nicht bedeuten, sämtliche politischen Entscheidungen der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan zu unterstützen.
Zusammenarbeit und Kritik
Premierminister Mark Carney bestätigte nach Gesprächen mit Vertretern der türkischen Regierung, dass sein Team die Situation der LGBTIQ+-Community ausdrücklich angesprochen habe. Damit machte Ottawa deutlich, dass Menschenrechtsfragen auch beim Ausbau der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen eine Rolle spielen sollen. Carney betonte zugleich, dass eine strategische Partnerschaft nicht mit uneingeschränkter Zustimmung zur Politik des jeweiligen Partnerlandes gleichzusetzen sei. Die Zusammenarbeit mit Ankara bedeute demnach nicht, dass Kanada sämtliche Entscheidungen der türkischen Führung gutheiße.
Die Äußerungen fallen in eine Zeit, in der die Lage von LGBTIQ+-Menschen in der Türkei zunehmend Besorgnis auslöst. Unter Erdoğan haben staatliche Stellen ihren Druck auf LGBTIQ+-Organisationen, Aktivisten und Einrichtungen der Community zuletzt erheblich verstärkt. Ob die Gespräche über LGBTIQ+-Rechte tatsächlich konkrete Auswirkungen auf die türkische Politik haben werden, ist bislang offen. Angaben über entsprechende Zusagen der Regierung in Ankara liegen nicht vor. Für die LGBTIQ+-Community in der Türkei bleibt deshalb entscheidend, ob der internationale politische Dialog über die bloße Thematisierung der Menschenrechtslage hinausgeht.
Hande, Energie und Verteidigung
Grundlage der neuen Beziehungen ist eine strategische Partnerschaft, auf die sich Carney und Erdoğan bei einem Treffen in Ankara verständigten. Beide Regierungen wollen ihre Zusammenarbeit mit einem auf drei Jahre angelegten Aktionsplan vertiefen. Eine gemeinsame Erklärung legt dafür mehrere politische und wirtschaftliche Schwerpunkte fest. Im Mittelpunkt stehen Handel und Investitionen, Energieversorgung sowie Verteidigungs- und Sicherheitsfragen. Darüber hinaus soll der Austausch zwischen staatlichen Institutionen und der Bevölkerung beider Länder intensiviert werden. Zu den geplanten Vorhaben gehört auch die mögliche Aushandlung eines Freihandelsabkommens. Zudem wollen Kanada und die Türkei bei Energieprojekten enger kooperieren und die Beziehungen ihrer Rüstungsindustrien ausbauen. Regelmäßige politische Konsultationen sollen die Umsetzung der Vereinbarungen begleiten. Die neue Partnerschaft eröffnet beiden Staaten damit Möglichkeiten für eine engere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Abstimmung.
Razzien gegen LGBTIQ+-Community
Wie angespannt die Situation für homosexuelle und queere Menschen in der Türkei ist, zeigten groß angelegte Polizeieinsätze im September 2026. Dabei durchsuchten Sicherheitskräfte zahlreiche Einrichtungen und Treffpunkte der LGBTIQ+-Community. Betroffen waren unter anderem Büros queerer Organisationen, HIV-Hilfsvereine sowie schwule Bars und Gay-Clubs. Auch Privatwohnungen wurden von der Polizei durchsucht. Bei den Einsätzen nahmen die Behörden mindestens 112 Menschen fest. Die türkische Regierung stellte die Polizeieinsätze unter das Motto „Meine Familie ist sicher“. Zur Begründung verwiesen die Behörden unter anderem auf Vorwürfe der „Obszönität“. Daneben geraten auch Organisationen immer mehr unter Druck, die sich für HIV-Prävention einsetzen.
Der staatliche Druck beschränkte sich allerdings nicht auf Polizeieinsätze und Festnahmen. Auch die öffentliche Kommunikation über LGBTIQ+-Lebensrealitäten wird zunehmend eingeschränkt. Türkische Behörden ließen Internetseiten und Social-Media-Konten von LGBTIQ+-Organisationen sowie weiteren Menschenrechtsgruppen sperren. Dass die Einschränkungen über die queere Community hinausreichen, zeigte sich dann auch Ende September an einer gerichtlichen Entscheidung gegen das unabhängige türkische Nachrichtenportal T24. Ein Gericht ordnete eine Zugangssperre gegen das Medium an. Als Begründung wurde angebliche „LGBT-Propaganda“ angeführt.