LGBTIQ+ in Deutschland Ältere sind offener bei der Ehe für alle als die junge Gen-Z
In Deutschland herrscht eine breite Zustimmung mit Blick auf die Rechte von Lesben und Schwulen, während trans* und nicht-binäre Menschen weiterhin auf deutliche Vorbehalte stoßen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Marktforschungsinstituts Pollfish im Auftrag von Erobella, an der 1.000 Menschen teilnahmen, das Durchschnittsalter lag bei 41,5 Jahren.
Ein schwuler Kanzler für Deutschland?
Demnach unterstützen drei Viertel der Befragten (75,3%) die Ehe für alle. 72,6 Prozent hätten demnach auch kein Problem damit, wenn ein schwuler Kanzler das Land führen würde. Die weiteren Fakten: 63,1 Prozent sprechen sich für ein Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare aus und 70,5 Prozent haben kein Problem damit, wenn sich homosexuelle Paare in der Öffentlichkeit küssen oder Händchen halten. Die Hälfte von 50,8 Prozent hält CSDs und Pride-Paraden für wichtig und richtig
Bei Fragen zur Geschlechtsidentität zeigt sich jedoch eine deutlich geringere Akzeptanz: Nur 31,5 Prozent der Befragten halten die offizielle Anerkennung einer dritten Geschlechtsoption („divers“) für angemessen. Außerdem würden lediglich knapp die Hälfte von 47,8 Prozent akzeptieren, dass ihr Kind trans* ist, während 72,1 Prozent mit einem homosexuellen Kind und 72,9 Prozent mit einem bisexuellen Kind einverstanden wären. Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern, dass trotz rechtlicher Fortschritte die soziale Akzeptanz weiterhin hinterherhinken würde: „Die gelebten Realitäten von trans* Personen und die Anerkennung nicht-binärer Identitäten bleiben zentrale Herausforderungen für eine inklusive Gesellschaft“, heißt es in der Studie.
Zustimmung nach Parteizugehörigkeit
Die Umfrage weist zudem auf politische Unterschiede hin. Anhänger der Grünen und der Linken zeigten die größte Akzeptanz, über 90 Prozent von ihnen haben kein Problem mit homosexuellen Rechten, zwei Drittel könnten auch ein trans* Kind akzeptieren. Bei Anhängern von SPD und FDP sinken die Zustimmungswerte in allen Bereichen leicht, besonders auffallend ist die Frage nach dem dritten Geschlecht: Jeder zweite FDP-Wähler (46,4%) lehnt das ab. Ähnlich die Werte für die Union. Drei-Viertel der Wähler von CDU und CSU (76,5%) befürworten die Ehe für alle, 71,5 Prozent können sich auch einen homosexuellen Kanzler vorstellen, 44,1 Prozent hätten kein Problem mit einem trans* Kind.
Die AfD zeigt die niedrigsten Zustimmungswerte, knapp 60 Prozent befürworten die gleichgeschlechtliche Ehe, über 63 Prozent würden einen homosexuellen Kanzler akzeptieren, hingegen nur rund 36 Prozent ein trans* Kind. Das dritte Geschlecht lehnt die Mehrheit von rund 62 Prozent ab. Überraschend mit Blick auf die Altersgruppen: Homosexuelle finden mehrheitlich Zustimmung in der Partei, am radikalsten lehnt aber die AfD-Jugend homosexuelle Ehen oder einen schwulen Kanzler ab, dafür votieren nur knapp mehr als die Hälfte (53-56%).
Eine Frage des Alters
Der generelle Blick auf das Alter der Befragten zeigt dabei auch: Ältere Deutsche über 60 Jahre stehen der Ehe für alle mit 77,5 % Zustimmung leicht positiver gegenüber als die Altersgruppe von 18 bis 39 Jahren (rund 73%). Auch einen schwulen oder lesbischen Kanzler können sich Deutsche 30+ etwas mehr vorstellen als die junge Generation. Umgedreht hingegen die Frage nach einem trans* Kind, während bei den 18-bis-39-Jährigen „nur“ knapp 40 Prozent dieses ablehnen würden, liegen die Werte bei der Generation 50+ bei 54 beziehungsweise sogar 64 Prozent.
Zudem: Frauen zeigten insgesamt eine höhere Akzeptanz für queere Rechte als Männer. Fast 80 Prozent der Frauen befürworten die Ehe für alle (Männer: 71%), rund 78 Prozent würden einen homosexuellen Kanzler akzeptieren (Männer: 67%) und gut 76 Prozent von ihnen hätte auch kein Problem damit, wenn schwule oder lesbische Paare sich küssen oder Händchen halten in der Öffentlichkeit (Männer: 65%). Ein trans* Kind würden 56 Prozent der Frauen akzeptieren, bei den Männern wären es 40 Prozent.
Zudem wurden die Probanden auch zum Thema Sexarbeit befragt, knapp die Hälfte von 47 Prozent lehnen ein Sexverbot ab, rund 24 Prozent sprechen sich dafür aus, etwa jeder Dritte (rund 28%) ist sich unsicher. Die meiste Zustimmung für ein Sexverbot findet sich bei SPD-Anhängern, die wenigste bei Grüne und FDP.
Schlussfolgerung der Autoren
Das Fazit der Studienautoren: „Deutschland ist sexuell offener als noch vor einem Jahrzehnt, aber keineswegs am Ziel. Rechtliche Gleichstellung geht nicht automatisch mit voller gesellschaftlicher Akzeptanz einher. Die Studie zeichnet ein komplexes Bild. Einerseits ist eine breite Mehrheit bei etablierten Themen wie der gleichgeschlechtlichen Ehe und der allgemeinen Akzeptanz von Homosexualität angekommen. Andererseits zeigen sich bei neueren Debatten – insbesondere um trans* Personen – deutliche Unsicherheiten und offene Ablehnung.“
Zudem hält das Expertenteam fest: „Politische Polarisierung ist der entscheidende Faktor. Während das progressiv-liberale Lager eine hohe bis sehr hohe Akzeptanz aufweist, positioniert sich das konservative und rechte Lager zurückhaltender bis ablehnend. Die demografischen Faktoren zeigen ein überraschendes Muster: Ältere und weibliche Personen sind in dieser Stichprobe offener für queere Themen.“