Direkt zum Inhalt

LGBTI*-Ukrainer in Angst „Ich kann mir nicht vorstellen, auf einer sogenannten 'russischen Straße' zu leben. Eher sterbe ich!“

Von ms - 16.03.2022 - 14:30 Uhr
LGBTI*-Ukrainer Angst vor Vernichtung // IMAGO xOleksandraxButovax
Foto: LGBTI*-Ukrainer Angst vor Vernichtung // IMAGO xOleksandraxButovax
ANZEIGE
Loading audio player...

Die Sorge und die Angst in der queeren Community der Ukraine nehmen mit jedem Kriegstag weiter zu. Ein dramatisches Bild beschreibt jetzt auch der LGBTI*-Aktivist und Leiter der queeren Rechtsorganisation Nash Mir, Andriy Maymulakhin. Der junge Mann lebt nur rund 50 Kilometer von Kiew entfernt und hört tagtäglich den Hall der Schüsse und Bomben, die rund um die Hauptstadt abgefeuert werden.   

Die Büroräume seiner NGO-Organisation Nash Mir sind zwischenzeitlich gestürmt worden, Mitarbeiter wurden angegriffen. Gegründet hat Maymulakhin den Verein nach seinem eigenen Coming Out, um mehr Menschen in der Ukraine Informationen über Homosexualität zur Verfügung zu stellen. Zuerst publizierte er nur ein Magazin gleichen Namens – Nash Mir bedeutet übersetzt so viel wie „Unsere Welt“.

Inzwischen hat er seine Arbeit ausgeweitet und die NGO-Organisation setzt sich landesweit für die queere Community ein. Maymulakhin lebt seit Jahren in einer festen Partnerschaft, ist aber seit Beginn des Krieges von seinem Freund getrennt, der sich in der Westukraine aufhält. Sie telefonieren täglich, doch Maymulakhin besteht darauf, dass sein Freund nicht zu ihm kommt – im Umkreis von Kiew sei es einfach zu gefährlich.

Wie die meisten queeren Menschen in der Ukraine will auch er seine Heimat nicht verlassen – es gilt zu befürchten, dass damit auch alle Fortschritte in der Ukraine in puncto LGBTI*-Gleichberechtigung zum Erliegen kommen, so Maymulakhin gegenüber Pink News:

"Unsere Organisation ist recht klein, nur fünf Personen in der Gruppe und etwa zwölf Aktivisten im ganzen Land. Ich habe von niemandem gehört, dass er oder sie das Land verlassen will. Dies ist unser Land!"

Dieser unbedingte Wille ist bemerkenswert und schmiedet die ganze Community enger zusammen:

„Seit 2014 hat es in der Ukraine erhebliche Fortschritte bei den LGBTI*-Rechten gegeben und das ist so positiv. Wir sind jetzt wirklich so anders als Russland! Vor fünf Jahren hieß es in Umfragen noch, dass 80 Prozent der Ukrainer LGBTI*-Menschen nicht unterstützen oder zumindest keinen queeren Pride sehen wollen. Letztes Jahr wurde die gleiche Frage gestellt und nur noch 56 Prozent verneinten dies, was einen deutlichen Anstieg der Akzeptanz bedeutet. Wir glauben, dass es einen langsamen, aber stetigen Fortschritt gibt."

Russland bedeutet dagegen für die Queers in der Ukraine eine Umkehr aller erreichten Ziele und die berechtigte Gefahr, ähnliche oder noch schlimmere Repressalien zu erleben wie ihre LGBTI*-Brüder und Schwestern in Russland selbst, so Maymulakhin weiter:

"Es ist schwer vorstellbar, dass wir uns mit der so genannten 'russischen Welt', ihren Gesetzen und ihrer Moral, die gegen LGBTI* Menschen ausgerichtet sind, arrangieren werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich auf einer sogenannten 'russischen Straße' leben kann. Eher sterbe ich! Sehr wahrscheinlich ist es zudem, dass LGBTI*-Aktivisten auf den Listen für Konzentrationslager oder für die Vernichtung landen werden."

Aktuell ist die Lage für den LGBTI*-Aktivisten noch relativ sicher, sein Aufenthaltsort nahe Kiew wird derzeit von ukrainischen Soldaten kontrolliert. Sollte sich die Lage ändern, will Maymulakhin zu seinem Freund in die Westukraine flüchten. Ein Ende der Kämpfe ist derzeit nach wie vor noch nicht in Sicht.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich allerdings erstmals bezüglich der Verhandlungen mit Russland vorsichtig optimistisch geäußert. Die Verhandlungspositionen seien inzwischen realistischer, so der Präsident in einer Videobotschaft vergangene Nacht:

„Wir alle wollen so schnell wie möglich Frieden und Sieg. Aber es braucht Mühe und Geduld. Es muss noch gekämpft und gearbeitet werden.“

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

FalterTipp Pop: Ebow – Cool, queer und gesellschaftskritischtazNach dem CSD-Anschlag: Viele Bekundungen, kaum KonkretesndQueer | Razzia in Casa Kuá schüchtert Berliner trans* Community eintazRazzia in queerem Community-Ort: Alles wegen ein paar TablettenAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Razzia in Berlin

Reaktionen nach Polizeiaktion

Nach einer Durchsuchung im queeren Zentrum Casa Kuà in Berlin streiten Polizei und Queerverbände über Arzneimittelrecht und Versorgungslücken.
Historischer Erfolg bei UN

Schwule und Lesben im Fokus

Frankreich gewinnt 52 weitere Staaten für eine UN-Erklärung zur Entkriminalisierung von Homosexualität – trotz erheblicher Widerstände.
Kritik von Volker Beck

Vorwürfe gegen Berliner Linke

Der frühere Grünenpolitiker Volker Beck warnt vor einem Bündnis mit der Berliner Linken und kritisiert deren Umgang mit Antisemitismus.
Ermittlungen in Arizona

Polizei beschlagnahmt Waffen

Ein 32-Jähriger soll mit einer Attacke auf eine Pride-Parade gedroht haben. Ermittler fanden Waffen. Die Festnahme erfolgte am 12. Oktober.
Heiße Heated Rivalry-Stars

TV-Serie räumt Nominierungen ab

Die „Heated Rivalry“-Stars Hudson Williams und Connor Storrie sind bei den Grindr Awards gleich mehrfach für ihre sexy Körper nominiert.
Ferran Torres leicht bekleidet

Fußballstar polarisiert mit Fotos

Spaniens Fußballstar Ferran Torres sorgt mit einer freizügigen Unterwäschekampagne für Aufsehen – und entfacht erneut Diskussionen in sozialen Medien.
Türklinke im Hintern

Kuriose Fälle in Notaufnahmen

Mehr als 1.500 Briten suchten binnen eines Jahres in England wegen Fremdkörpern im Hintern eine Notaufnahme auf. Ärzte warnen vor Verletzungsgefahren.
Alfie Watts übers Coming-Out

Familie reagierte mit Ablehnung

„Race Across the World“-Gewinner Alfie Watts spricht über die Ablehnung seiner Familie nach seinem bisexuellen Coming-Out und besondere Unterstützung.
Antidepressiva machen schwul

Neue Theorien aus Russland

Russlands Duma-Abgeordneter Vitali Milonow behauptet, Antidepressiva könnten Homosexualität auslösen, und fordert strengere Verschreibungsregeln.