Der Lambda Bundesverband beendet zum Jahresende 2026 seine bundesweite Beratung für junge LGBTIQ+-Menschen. Nach mehr als drei Jahrzehnten muss die Organisation ihr Angebot „Queersupport“ einstellen. Grund ist der Wegfall einer zentralen Förderung durch das Bundesjugendministerium, die bislang einen erheblichen Teil der Beratung finanzierte. Die Entscheidung gab der Verband heute Nachmittag auf Instagram bekannt. „Nun ist es leider endgültig: Nach über 30 Jahren wird es keine Beratung mehr beim Lambda Bundesverband geben“, teilte die Organisation mit. Neue Beratungsanfragen können bereits jetzt nicht mehr angenommen werden.
Das Wichtigste im Überblick
- Beratung wird eingestellt: Der Lambda Bundesverband schließt seinen bundesweiten Queersupport zum Jahresende 2026. Neue Beratungsanfragen werden bereits jetzt nicht mehr angenommen.
- Bundesförderung entfällt: Das Bundesjugendministerium kündigte die bisherige Rahmenvereinbarung zur Förderung des Verbandes. Lambda erhielt 2026 insgesamt rund 380.000 Euro aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes.
- Ministerium verweist auf begrenzte Mittel: Die Bundesregierung begründete die Entscheidung mit fehlenden finanziellen Spielräumen. Für 2027 stellte sie Gespräche über ein mögliches Modellprojekt in Aussicht.
- Kritik vom Bundesjugendring: Die Vollversammlung des Deutschen Bundesjugendrings stellte sich zuletzt einstimmig hinter Lambda und forderte eine verlässliche Finanzierung queerer Jugendarbeit.
- Zunehmende Krisen: Nach Angaben von Lambda stiegen zuletzt die Beratungsanfragen. Immer häufiger ging es um Suizidgedanken, Selbstverletzungen und Gewalt in der Familie.
- Hoffnung auf Neustart: Der Verband arbeitet an neuen Förderanträgen und versucht, zumindest Teile seiner Angebote im Jahr 2027 fortzuführen.
Ministerium kündigte Förderung
Das Bundesjugendministerium teilte dem Verband Mitte 2026 mit, dass die bisherige Rahmenvereinbarung zur Förderung zum Jahresende gekündigt werde. Die Entscheidung habe die Organisation völlig unerwartet getroffen. Ihre Arbeit sei in den vergangenen Jahren wiederholt fachlich anerkannt und gelobt worden. „Eine inhaltliche Begründung, auf welcher Grundlage unsere Kündigung entschieden wurde, haben wir bis heute nicht erhalten“, erklärte Lambda auf Instagram. Der Verband stellt auch die Auswahl der betroffenen Organisation infrage. „Entsprechend können wir auch nur spekulieren, weshalb von all den Jugendverbänden ausgerechnet der einzige queere Jugendverband gestrichen wurde.“ Lambda sieht darin eine politische Entscheidung mit weitreichenden Folgen für junge LGBTIQ+-Menschen.
Die Bundesregierung hatte sich bereits im August 2026 zur Finanzierung des Jugendverbandes geäußert. Demnach erhielt Lambda im Jahr 2026 insgesamt rund 380.000 Euro aus dem Kinder- und Jugendplan des Bundes. Das zuständige Jugendministerium begründete die Entscheidung, die bisherige Förderung nicht fortzuführen, mit begrenzten finanziellen Mitteln. Die vorhandenen Haushaltsmittel reichten nicht aus, um sämtliche bisherigen Förderungen dauerhaft aufrechtzuerhalten. Zugleich betonte die Bundesregierung, dass die Entscheidung keine grundsätzliche Abwertung der Arbeit von Lambda darstelle.
Kein Ersatz für Grundförderung
Die bisherige Unterstützung war nach Darstellung des Verbandes eine jährlich gewährte Grundförderung. Anders als zweckgebundene Projektmittel ermöglichte sie die kontinuierliche Arbeit des Jugendverbandes. Auch der Queersupport wurde zu großen Teilen aus dieser Finanzierung getragen. Mit dem Wegfall der Rahmenvereinbarung entstand deshalb eine erhebliche Finanzierungslücke. Lambda betont, dass eine solche Grundförderung nicht kurzfristig durch einzelne Projektanträge oder Spendenaktionen ersetzt werden könne. In den vergangenen Monaten habe die Organisation intensiv nach Möglichkeiten gesucht, möglichst viele ihrer Angebote zu erhalten. „Wir haben uns in den letzten Monaten intensiv damit beschäftigt, wie wir möglichst viel von Lambda trotz der fehlenden Gelder retten können.“ Für den Queersupport blieb diese Suche jedoch erfolglos. „Aber trotz aller Bemühungen haben wir es nicht geschafft, die Finanzierungslücke des Queersupports zu schließen.“
Bundesjugendring stärkt Lambda
Unterstützung erhält der Verband zuletzt erst vom Deutschen Bundesjugendring. Dessen Vollversammlung stellte sich einstimmig und ohne Enthaltungen hinter Lambda. Die Delegierten kritisierten die Kündigung der Rahmenvereinbarung und forderten eine verlässliche Finanzierung queerer Jugendarbeit. Damit wird die Auseinandersetzung um die Förderung auch innerhalb der organisierten Jugendverbandsarbeit geführt. Der Bundesjugendring sieht in der finanziellen Absicherung entsprechender Angebote eine wichtige Voraussetzung dafür, dass junge LGBTIQ+-Menschen weiterhin Zugang zu Unterstützung und Interessenvertretung haben. Die Solidaritätsbekundung erfolgte wenige Tage vor der öffentlichen Ankündigung, dass Lambda sein Beratungsangebot zum Jahresende tatsächlich schließen muss.
Beratungen begannen 1995
Die Unterstützung junger queerer Menschen gehört seit 1995 zu den Kernaufgaben von Lambda. Anfangs erfolgte die Beratung vor allem auf dem Postweg. Zusätzlich betrieb die Organisation eine Telefon-Hotline, die ein- bis zweimal wöchentlich zu festgelegten Zeiten erreichbar war. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sich daraus eine bundesweite Fach- und Peerberatung. Bei der Peerberatung können Ratsuchende mit Menschen sprechen, die vergleichbare Erfahrungen gemacht haben und dafür entsprechend geschult sind. Ergänzt wurde das Angebot durch die Arbeit hauptamtlicher Berater. Die Themen reichten von Fragen zur sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität über das Coming-out bis hin zu Konflikten im familiären Umfeld. Auch junge Menschen, die sich einsam fühlten oder einfach jemanden zum Zuhören brauchten, konnten sich an Lambda wenden. Für manche Jugendliche war die Beratung nach Darstellung des Verbandes besonders wichtig, weil sie andernorts keine geeignete Unterstützung fanden. „Lambda ist für viele Jugendliche die erste – für manche aber auch die letzte Anlaufstelle.“
Suizidgedanken sind oft Thema
Nach Angaben des Verbandes ist der Bedarf an Beratung zuletzt deutlich gestiegen. Dabei habe nicht nur die Gesamtzahl der Anfragen zugenommen. Auch die Schwere der geschilderten Probleme habe sich verändert. Immer häufiger suchten junge Menschen Hilfe in akuten psychischen Krisen. Zu den genannten Themen gehören Suizidgedanken, selbstverletzendes Verhalten und Gewalt innerhalb der Familie. Daneben wenden sich Jugendliche weiterhin wegen Unsicherheiten rund um ihre Identität, Schwierigkeiten beim Coming-Out oder Konflikten mit ihrem sozialen Umfeld an die Beratungsstelle. Für Lambda macht diese Entwicklung die Schließung besonders schwer nachvollziehbar. Der Verband sieht einen wachsenden Unterstützungsbedarf, kann sein Angebot wegen der fehlenden Finanzierung jedoch nicht weiterführen.
Zunehmende Queerfeindlichkeit
In seiner Instagram-Mitteilung verbindet Lambda die Kritik am Förderstopp mit der gesellschaftlichen Situation junger LGBTIQ+-Menschen. Nach Einschätzung des Verbandes nehmen queerfeindliche Einstellungen und Anfeindungen zu. Gleichzeitig gerieten geschützte Räume, in denen sich junge Menschen offen über ihre Erfahrungen austauschen könnten, immer stärker unter Druck. Die Entscheidung des Ministeriums löse deshalb nicht nur Trauer, sondern auch Wut aus. „Wir sind unfassbar traurig und gleichzeitig so wütend über die Entscheidung des Bundesministeriums.“ Mit dem Ende des Queersupports gehe eine bundesweit erreichbare Anlaufstelle verloren. „In einer Zeit, in der Queerfeindlichkeit immer weiter zunimmt und die Safer Spaces für queere Menschen schrumpfen, macht uns diese politische Entscheidung einfach nur fassungslos.“
Keine neuen Beratungsanfragen
Die Schließung hat bereits jetzt konkrete Folgen. Obwohl der Queersupport offiziell erst zum Jahresende eingestellt wird, nimmt Lambda keine neuen Anfragen mehr entgegen. Das Beratungsteam konzentriert sich darauf, bereits begonnene Beratungen bis Ende Dezember abzuschließen. Für Ratsuchende, die weiterhin Unterstützung benötigen, wurde nach Angaben des Verbandes ein Konzept zur Weitervermittlung entwickelt. Sie sollen geeignete andere Beratungsangebote finden können, damit laufende Unterstützungsprozesse möglichst nicht ersatzlos abbrechen. Zum 31. Dezember 2026 endet der Queersupport in seiner bisherigen Form vollständig.
Verband hofft auf Wiederaufnahme
Trotz der angekündigten Schließung betrachtet Lambda das Ende des Beratungsangebots nicht zwangsläufig als endgültig. Die Organisation arbeitet bereits an neuen Förderanträgen und prüft unterschiedliche Möglichkeiten, den Queersupport künftig wieder aufzunehmen. „Gleichzeitig hoffen wir sehr, dass dies nicht das endgültige Ende der Beratung bei Lambda ist.“ Ob eine neue Finanzierung zustande kommt, lässt sich derzeit nicht absehen. Auch die vom Ministerium erwähnten Gespräche über ein mögliches Modellprojekt für 2027 bedeuten bislang keine gesicherte Fortsetzung der bisherigen Beratung. Lambda versucht nach eigenen Angaben, zumindest Teile seiner übrigen Arbeit im kommenden Jahr aufrechtzuerhalten. „Die Kündigung unserer Förderung hinterlässt tiefe Einschnitte. Doch wir kämpfen weiterhin dafür, dass wir zumindest Teile von Lambda in 2027 weiterführen können.“ Welche Angebote erhalten bleiben können, hängt maßgeblich davon ab, ob weitere Fördermittel eingeworben werden.
Weiterkämpfen für 2027
Zum Abschied vom bisherigen Queersupport bedankt sich der Verband ausdrücklich bei den Menschen, die das Beratungsangebot über viele Jahre getragen haben. Dazu gehören sowohl die ehrenamtlichen Peerberater als auch das hauptamtliche Beratungsteam. Sie hätten jungen Menschen zugehört, sie durch schwierige Lebensphasen begleitet und ihnen einen geschützten Raum für persönliche Fragen und Sorgen geboten. „Durch euer Engagement im Queersupport habt ihr jungen Queers einen Raum gegeben, um ihre Themen, Sorgen und Unsicherheiten zu besprechen und sich ein bisschen weniger alleine zu fühlen.“ Die Organisation würdigt insbesondere den persönlichen Einsatz ihrer Mitarbeiter und Ehrenamtlichen. „Ihr habt einen riesigen Unterschied im Leben junger queerer Menschen gemacht. Danke für alles!“ Um die verbleibenden Angebote und die künftige Arbeit des Bundesverbandes abzusichern, ruft Lambda zu Unterstützung auf. Interessierte können Mitglied werden, Patenschaften übernehmen oder an die neue Lambda Jugendstiftung spenden. „Damit das gelingt, brauchen wir weiterhin eure Unterstützung. Wir schaffen das nur mit euch zusammen.“ Ob die Maßnahmen ausreichen, um einen Teil der Verbandsarbeit 2027 fortzuführen oder den Queersupport später wiederzubeleben, bleibt offen.