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Kieferbruch bei Timo Cavelius Olympia-Traum bei schwulem Champion in Gefahr

Von ms - 15.09.2026 - 13:00 Uhr
Schwuler Judoka schwer verletzt
Foto: IMAGO / Artur Stabulnieks
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Der deutsche Judoka Timo Cavelius muss nach einem schweren Angriff durch seinen unterlegenen Gegner um seine weitere Olympia-Qualifikation bangen. Der 29-jährige schwule Spitzensportler wurde nach einem Bundesliga-Kampf in Leipzig ins Krankenhaus eingeliefert. Bei dem Vorfall Anfang September erlitt Cavelius einen Kieferbruch und schwere Verletzungen im Gesicht. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Der deutsche Olympia-Judoka Timo Cavelius ist nach einem Angriff seines unterlegenen Gegners Akaki Japaridze auf dem Weg der Genesung.
  • Der Vorfall ereignete sich Anfang September bei einem Bundesliga-Wettkampf in Leipzig.
  • Cavelius erlitt schwere Gesichtsverletzungen, darunter einen gebrochenen Kiefer und den Verlust von zwei Zähnen.
  • Im Universitätsklinikum Leipzig wurde sein Kiefer mit drei Metallplatten stabilisiert.
  • Er muss mindestens zehn bis zwölf Wochen pausieren und verpasst deshalb die Weltmeisterschaften im Oktober in Baku.
  • Der Angriff wird von der Polizei untersucht. Hinweise darauf, dass die Tat wegen Cavelius' Homosexualität erfolgte, gibt es laut Outsports nicht.
  • Cavelius war bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris der erste offen schwule Mann, der im Judo bei Olympia antrat.
  • Japaridze erklärte später, eine verbale Äußerung und eine beleidigende Geste des Deutschen hätten den Angriff ausgelöst. Cavelius wies zurück, seinen Gegner beleidigt oder gedemütigt zu haben.
  • Der Deutsche Judo-Bund verurteilte die Attacke scharf und warnte vor erheblichen Folgen für Cavelius' Olympia-Qualifikation für Los Angeles 2028.

Gegner „rastet völlig aus“

Cavelius war für seinen Verein TSV Abensberg gegen den gastgebenden Leipziger Judo Club angetreten. Sein Gegner war der 24 Jahre alte Georgier Akaki Japaridze, der in der Gewichtsklasse bis 90 Kilogramm zu den Top 150 der Welt gehört. Cavelius liegt aktuell auf Platz 41 der Weltrangliste seiner Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm. Seine bislang beste Platzierung war Rang 14. Bei dem Wettkampf am 5. September hatte Leipzig den Mannschaftssieg gegen Abensberg bereits sicher. 

Cavelius und Japaridze trafen innerhalb einer Stunde zum zweiten Mal aufeinander. Im ersten Kampf bis 90 Kilogramm hatte sich Japaridze durchgesetzt, im zweiten Duell gewann der Deutsche. Nach seinem Sieg hob Cavelius eine geballte Faust in Richtung seiner Mannschaft – die Geste ging dabei auch in Richtung des Georgiers. Daraufhin griff Japaridze ihn nach Angaben von Outsports plötzlich an und schlug mehrfach auf ihn ein. „Der Georgier ist völlig ausgerastet“, sagte TSV-Trainer Manuel Scheibel.

Schwere Verletzungen, lange Pause

Cavelius, der im bayerischen Polizeidienst arbeitet, erlitt dabei erhebliche Verletzungen im Gesicht. Ärzte des Universitätsklinikums Leipzig versorgten seinen gebrochenen Kiefer und stabilisierten ihn mit drei Metallplatten. Zudem wurden ihm zwei Zähne ausgeschlagen. Für den Judoka bedeutet die Verletzung eine Zwangspause von mindestens zehn bis zwölf Wochen. An einen sicheren Wiedereinstieg in den Wettkampfsport ist vorher nicht zu denken. Die Weltmeisterschaften Anfang Oktober in Baku in Aserbaidschan wird Cavelius deshalb verpassen.

Der Deutsche Judo-Bund verurteilte den Angriff. In einer Stellungnahme verwies der Verband zugleich auf die sportlichen Konsequenzen für den 29-Jährigen. „Dieser Rückschlag ist für unseren Athleten angesichts seiner laufenden Olympia-Qualifikation und seines großen Ziels, sich für die Olympischen Spiele 2028 zu qualifizieren, besonders bitter“, hieß es. Cavelius war 2023 deutscher Meister geworden und hatte im selben Jahr beim IJF-Grand-Slam-Turnier in Paris Silber gewonnen. Ein weiteres Silber folgte im Jahr darauf in Astana. Damit sicherte er sich seinen Startplatz für die Olympischen Spiele 2024. Cavelius schrieb mit seiner Teilnahme in Paris 2024 Sportgeschichte: Er war der erste offen schwule Mann, der bei Olympischen Spielen im Judo antrat.

Verband kündigt Konsequenzen an

Auch der Georgische Judo-Verband reagierte auf den Vorfall. „Ein solches Verhalten widerspricht dem Geist und den Prinzipien des Judo. Das Exekutivkomitee wird die Disziplinarangelegenheit in Kürze beraten und seine Entscheidung öffentlich bekannt geben“, teilte der Verband mit. Eine solche Entscheidung liegt bislang jedoch nicht vor. Stattdessen verschärfte sich die Auseinandersetzung zuletzt noch einmal, als Japaridze auf seinem persönlichen Instagram-Konto eine Stellungnahme veröffentlichte.

Eine Entschuldigung blieb darin aus. Stattdessen machte der Georgier Cavelius für die Eskalation mitverantwortlich. „Jede Art von körperlicher Aggression ist im Sport inakzeptabel“, schrieb Japaridze. „Ich entziehe mich nicht der Verantwortung für den Vorfall. Ich möchte jedoch klarstellen, dass dieser Vorfall nicht das Ergebnis von Emotionen war, die durch eine sportliche Niederlage verursacht wurden. In meiner Karriere gab es Niederlagen ebenso wie Siege. Ich habe Niederlagen mit Würde akzeptiert, und Misserfolge waren für mich nie ein Grund, gegenüber meinem Gegner aggressiv zu werden. Der Grund war ein anderer – eine verbale sowie eine beleidigende Geste direkt vom Gegner, die ebenfalls im Sport und im Rahmen der Sportethik völlig inakzeptabel ist. Für mich ist sie in erster Linie als Georgier und als Mann inakzeptabel. Danke an alle, die mich unterstützen.“ 

Cavelius weist Vorwürfe zurück

Cavelius widersprach der Darstellung, er habe seinen Gegner beleidigt oder gedemütigt. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärte er, seine Geste habe ausschließlich seinem eigenen Team gegolten. „Diese Feier galt meinem eigenen Team und war Ausdruck der Freude über den Sieg im Kampf“, sagte er. „Ich möchte ausdrücklich feststellen, dass es zu keinem Zeitpunkt meine Absicht war, Akaki Japaridze als Sportler zu demütigen oder ihn wegen seiner Herkunft, seiner Nationalität oder seiner Identität als georgischer Mann zu beleidigen. Wenn meine Feier dennoch auf ihn wie eine persönliche Provokation oder Beleidigung gewirkt hat, bedauere ich, dass er es so empfunden hat.“ Cavelius ergänzte: „Ich bin auf dem Weg der Genesung. Auch wenn meine Feier bei Akaki Japaridze negative Emotionen ausgelöst haben mag, kann dies einen solchen gewalttätigen Ausbruch weder erklären noch rechtfertigen. Ich habe ihn weder verbal beleidigt noch körperlich angegriffen.“

Judo-Bund kritisiert Japaridze 

Einen Tag nach Japaridzes Instagram-Beitrag veröffentlichte der Deutsche Judo-Bund eine ausführliche Reaktion. Der Verband zeigte sich insbesondere darüber empört, dass die Stellungnahme des Georgiers Unterstützung von bekannten Judoka erhalten habe. „Wir sind fassungslos über die gestrige Stellungnahme … sowie über die Unterstützung und Zustimmung, die dieser Beitrag teilweise von angesehenen internationalen Judo-Stars erhalten hat“, erklärte der Verband. „Jegliche Verharmlosung oder gar Verteidigung dieses schweren körperlichen Angriffs … ist für uns nicht hinnehmbar und mit den Grundprinzipien unseres Sports unvereinbar.“

Der Judo-Bund stellte klar, dass es sich aus seiner Sicht keineswegs um eine kurze Auseinandersetzung im Affekt gehandelt habe: „Was am 5. September passiert ist, war kein bloßer Kontrollverlust oder ein kurzer Schubser nach einem hitzigen Streit. Timo Cavelius wurde ohne Vorwarnung mit massiver körperlicher Gewalt angegriffen. Selbst als der Athlet bereits am Boden lag, folgten weitere schwere Schläge, bis die Situation schließlich durch das mutige Eingreifen seiner Teamkollegen beendet wurde. Wir sprechen nicht von einer emotionalen Rangelei oder einer verständlichen Eskalation nach einer angeblichen Provokation. Dies war ein massiver Angriff, der das Risiko schwerer körperlicher Verletzungen mit sich brachte.“

Folgen für Olympia-Qualifikation

Nach Einschätzung des Verbandes könnte die Attacke auch sportlich gravierende Folgen für Cavelius haben. „Timo droht aus den Top 36 der Weltrangliste herauszufallen, was auch seine Teilnahme am Masters-Turnier am Jahresende gefährdet. Für alle anstehenden Wettkämpfe bedeutet dies eine schlechtere Setzposition und damit deutlich schwierigere Auslosungen in den Auftaktrunden.“ Weiter hieß es: „Seine gesamte Olympia-Qualifikation wird dadurch massiv erschwert – ein extrem hoher sportlicher Preis, den ein Opfer blinder Gewalt zu zahlen hat.“

Der Verband kritisierte Japaridze zudem persönlich. „Dass er dieses Verhalten nach mehreren Tagen Bedenkzeit und Zeit zum Überdenken öffentlich rechtfertigt, zeigt eine gefährliche Uneinsichtigkeit. Stellen Sie sich vor, die Anwesenden vor Ort hätten mit gleichermaßen Vergeltungsgewalt reagiert – der Sport würde im Chaos versinken. Selbst mit einer aufrichtigen Entschuldigung wäre dieser Vorfall nur schwer zu verzeihen gewesen. Mit dieser reuelosen Stellungnahme hat Akaki Japaridze jedoch bewiesen, dass er die Werte des Judo nicht verstanden hat. Wer das Schutzgebiet der Tatami auf diese Weise missachtet, hat im fairen sportlichen Geist des Judo keinen Platz. Wir stehen weiterhin fest an der Seite von Timo Cavelius und fordern sportrechtliche Konsequenzen.“

Cavelius outete sich früh

Cavelius hatte bereits früh begonnen, offen mit seiner Homosexualität umzugehen. Im Alter von 16 Jahren erzählte er 2012 zunächst einigen Familienmitgliedern und engen Freunden davon. Drei Jahre später sprach er nach einem Gespräch mit einem Sportpsychologen breiter über seine sexuelle Orientierung. Auch seine Teamkollegen informierte er – unter anderem mit einem Beitrag auf Facebook. 2020, im Alter von 23 Jahren, machte Cavelius seine Geschichte schließlich öffentlich. In einem Interview mit dem Magazin Spiegel sprach er über sein Coming-Out und Homosexualität im Spitzensport.

Erst vor wenigen Monaten blickte Cavelius in einem Gastbeitrag erneut auf seinen Weg als schwuler Sportler zurück. Dabei schrieb er, dass er zunächst nervös gewesen sei, wie andere Judoka auf sein Coming-Out reagieren würden. Letztlich sei seine Befürchtung unbegründet gewesen. „In meinem Team waren Sportler unterschiedlichster Nationalitäten – zum Beispiel Russen und Serben. Alle haben positiv reagiert.“ Hinweise darauf, dass der Angriff in Leipzig einen diskriminierenden oder homophoben Hintergrund hatte und mit Cavelius' Homosexualität zusammenhing, liegen nach Angaben von Outsports nicht vor.

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