Indonesien im Zwiespalt Inkludieren oder Internieren – Extreme gegenüber LGBTIQ+
Seit der massenhaften Verfolgung von LGBTIQ+-Menschen in Indonesien im Jahr 2016 hat sich die offizielle Haltung der Regierung gegenüber der queeren Gemeinschaft weiter verhärtet. Doch Indonesiens staatliche Homophobie ist nicht einheitlich. Sie existiert in zwei unterschiedlichen Formen: einer repressiven, die queere Menschen als Bedrohung betrachtet und sie aus der Gesellschaft ausschließen möchte, sowie einer paternalistischen, die versucht, queere Menschen in den Mainstream zu integrieren und als Opfer darstellt. Ein neuer wissenschaftlicher Bericht untersuchte diese Gespaltenheit innerhalb der asiatischen Gesellschaft.
Das Wichtigste im Überblick:
- Gegensätzliche Haltungen der Regierung: Indonesien zeigt zwei Formen von staatlicher Homophobie: eine repressivere, die queere Menschen kriminalisieren möchte, und eine paternalistische, die sie als „betreute“ Gruppe integriert sehen will.
- Repressive Homophobie: Wird von Sicherheitskräften und Bildungsbehörden unterstützt. Neues Strafgesetzbuch (2026) kriminalisiert gleichgeschlechtliche Beziehungen und erlaubt Familienangehörigen, diese anzuzeigen.
- Paternalistische Homophobie: Teile der Regierung sehen queere Menschen als soziale Gruppe, die betreut werden muss, bieten aber Hilfsprogramme, die häufig Konversionstherapie beinhalten.
- LGBTIQ+-Organisationen in Indonesien: Arbeiten teils mit staatlichen Stellen, aber viele agieren unabhängig, da staatliche Angebote oft unzureichend sind oder die Bedürfnisse der Community nicht treffen.
- Risiken für LGBTIQ+-Organisationen: Viele Organisationen müssen mit der Gefahr leben, von staatlicher Verfolgung betroffen zu werden, und schaffen daher alternative Angebote in Bereichen wie digitale Sicherheit und psychologische Hilfe.
Verschiedene Blickwinkel auf die Community
Das Wissenschaftsteam unterer Führung von Studienleiter Shaan Amin spricht von unterschiedlichen Formen der „politischen Homophobie“, die sich in den letzten Jahren offenbar immer stärker ausgeprägt hat. Es existieren zwei Varianten, die die Politik Indonesiens prägen. Die repressivere Homophobie wird von den Sicherheitskräften und den Bildungsbehörden unterstützt und zielt darauf ab, homosexuelle und queere Menschen zu kriminalisieren und in den Untergrund zu drängen. Die paternalistische Homophobie sehen Teile der Regierung queere Menschen als Gruppe an, die „betreut“ oder „integriert“ werden muss, um sich besser in die Gesellschaft einzugliedern.
Verbot von gleichgeschlechtlichem Sex
Die repressivere Variante wird von militärischen und polizeilichen Behörden sowie von Bildungseinrichtungen und Kommunikationsbehörden vorangetrieben. So werden homosexuelle Menschen durch Gesetze wie das 2026 in Kraft getretene neue Strafgesetzbuch verfolgt, das für gleichgeschlechtlichen Sex und Beziehungen erstmals in Indonesien Strafen vorsieht. Diese Gesetzgebung kriminalisiert nicht nur den Sex außerhalb der Ehe, sondern auch homosexuelle Beziehungen, die fortan von Familienangehörigen angezeigt werden können.
„Viele Regierungspraktiken gegenüber queeren Menschen zielen darauf ab, diese für ihre Beziehungen oder ihre Identität zu bestrafen“, erklärt der Forscher Amin. Dabei wird vor allem die Idee propagiert, dass LGBTIQ+-Identitäten eine „gefährliche ausländische Ideologie“ repräsentieren, die im Land ausgerottet werden muss. Bereits 2008 führte das Land das Pornografie-Gesetz ein, das als Vorwand für eine Vielzahl von Polizei-Razzien gegen homosexuelle Aktivitäten diente. In einer noch größeren Dimension nutzen Behörden die Definition von „ungehörigem Verhalten“ und „öffentlicher Unsittlichkeit“ zur Verfolgung von Schwulen und Lesben.
Integration durch Sozialpolitik
Andererseits gibt es Teile der indonesischen Regierung, die queere Menschen nicht als Bedrohung, sondern als eine soziale Gruppe ansehen, die verwaltet und „betreut“ werden muss. Diese paternalistische Homophobie wird vor allem durch Ministerien wie dem Sozia- oder Gesundheitsministerium vorangetrieben. Hier werden Homosexuelle nicht aktiv verfolgt, sondern in ein Versorgungssystem integriert, das sie als benachteiligte Minderheit betrachtet.
Diese Form der Unterstützung ist jedoch häufig ambivalent: Einerseits erhalten queere Menschen bestimmte Hilfsangebote, andererseits sind diese oft mit dem Ziel verbunden, sie zu „normalisieren“ oder zu „heilen“. In vielen Fällen ist das, was als „Beratung“ angeboten wird, eine Art von Konversionstherapie, die nicht nur unethisch, sondern auch unwirksam ist.
Lösungsansätze der LGBTIQ+-Organisationen
LGBTIQ+-Organisationen in Indonesien agieren in einem Spannungsfeld zwischen diesen beiden staatlichen Haltungen. Einige arbeiten aktiv mit staatlichen Stellen zusammen, um beispielsweise HIV-Tests zu fördern. In seltenen Fällen sind diese Kooperationen sogar langfristig angelegt. Dennoch ist der Kontakt mit staatlichen Stellen nicht risikofrei. Organisationen müssen dabei nicht nur mit der Gefahr leben, in den Fokus staatlicher Verfolgung zu geraten, sondern auch mit der Herausforderung, dass die staatlichen Angebote oft nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der queeren Gemeinschaft entsprechen. Viele Organisationen entscheiden sich daher, außerhalb staatlicher Strukturen zu arbeiten und alternative Dienstleistungen zu schaffen. „Die größte Stärke der queeren Organisationen liegt in ihrer Autonomie und Sicherheit“, erklärt Amin. Unabhängige Organisationen bieten beispielsweise Unterstützung im Bereich der digitalen Sicherheit, psychologische Hilfe oder Gesundheitsdienste an, die speziell auf die Bedürfnisse der Community zugeschnitten sind.