Homosexuelles Opfer bedrängt Ermittlungsbehörden sprechen von “unangemessenem Verhalten“ und legen den Fall zu den Akten
Die britische Polizei kommt einfach nicht aus den Negativ-Schlagzeilen heraus. Nachdem zuletzt die Londoner Polizei immer wieder mit rassistischen und stark homophoben Tendenzen auf sich aufmerksam machte und so sogar die Inhaftierung eines Serienmörders verschleppt haben soll, der schwule Männer ermordet hatte, kommt nun der neuste Fall aus Sussex.
Dabei dreht es sich um einen jungen homosexuellen Mann, der im November 2018 in einem Hotelzimmer in Manchester vergewaltigt worden war. Das Opfer, das lieber anonym bleiben möchte, erzählte gegenüber Pink News, wie er anschließend die Vergewaltigung bei der Polizei von Sussex zur Anzeige brachte.
Zunächst hatten die Polizisten anscheinend wenig Verständnis für den homosexuellen Mann, tags darauf meldete sich dann aber ein anderer Beamte, der den jungen Mann sehr eindringlich und mitfühlend befragte – so sehr, dass das junge Opfer auch von seiner schwierigen Kindheit erzählte.
Immer wieder kam es in den kommenden Wochen zu Aussprachen und Treffen zwischen dem Polizisten und dem jungen Homosexuellen, allesamt offiziell rein dienstlicher Natur. Einige Wochen später schrieb der Polizist anschließend, vorerst noch anonym, das Vergewaltigungsopfer über Grindr an und versuchte ihn zum Sex zu überreden.
Der Polizist ermutigte den jungen Mann ferner, ihm explizite Fotos zu schicken und erklärte im weiteren Verlauf, dass er stets davon fantasieren würde, mit ihm Sex zu haben. Zudem behauptete der Polizist, dass es dem jungen Briten helfen würde, über seine Vergewaltigung hinwegzukommen, wenn er Sex mit ihm haben würde. Der Polizist schickte schließlich auch Bilder von seinem erigierten Penis.
Als der junge Homosexuelle die Angebote immer wieder zurückwies, bedrängte ihn der Polizist, alle Nachrichten zu löschen, sodass es keine Beweise über ihre Unterhaltung geben würde. Nach kurzem Zögern brachte der junge Mann den Vorfall zur Anzeige. Der Polizist wurde wegen groben Fehlverhaltens fristlos aus dem Dienst entlassen, weitere Konsequenzen hatte der Vorfall allerdings nicht.
Die ermittelnde Behörde (IOPC) teilte mit, dass das Verhalten des Polizisten zwar “unangemessen“ gewesen sei, bestritt aber, dass der Polizist tatsächlich vorgehabt hätte, sich für Sex mit dem jungen Mann treffen zu wollen. Die Staatsanwaltschaft kam abschließend zu dem Schluss, dass die Beweise nicht ausreichen würden, um den Beamten wegen Fehlverhaltens im öffentlichen Dienst und missbräuchlicher Ausübung polizeilicher Befugnisse und Privilegien anzuklagen.
Zudem wurde bei der Durchsicht der Akten deutlich, dass die ermittelnden Beamten nicht einmal das Geschlecht des jungen Mannes aufgenommen hatten.
Laut Aussage des jungen Homosexuellen habe ihm ein IOPC-Beamter erklärt, dass dies bewusst nicht schriftlich festgehalten worden wäre, um die Kinder des entlassenen Polizisten zu schützen. Für den jungen Briten ist klar, dass die Strafverfolgungsbehörden Großbritanniens "institutionell homophob" sind:
"Ich hatte das Gefühl, dass ich aus meiner eigenen Geschichte ausgelöscht wurde; schlimmer noch, dass ich zurück in die Zeit vor meinem Coming Out gedrängt wurde. Die einzige Macht, die ich über das, was mir passiert ist, noch habe, ist jetzt, die Wahrheit zu sagen, meine Geschichte zu erzählen. Ich lasse mich nicht zum Schweigen bringen. Ich möchte, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass ein Mann vergewaltigt und dann von einem Polizeibeamten unangemessen behandelt wurde!“
Die IOPC erklärte auf Rückfrage von Pink News indes: "Wir veröffentlichen Zusammenfassungen zu den meisten Fällen, um Offenheit und Transparenz zu gewährleisten. Wenn es darum geht, zu entscheiden, welche identifizierenden Details in die Zusammenfassungen aufgenommen werden sollen, wenden wir die Schadensprüfung an und behandeln jeden Fall nach seinen eigenen Vorzügen. Wir können uns nicht zu dieser speziellen Entscheidung äußern.“
Jüngste Umfragen der queeren Hilfsorganisation Survivors UK hatten 2021 ergeben, dass beinahe die Hälfte aller schwulen und bisexuellen Männer (45 Prozent) in Großbritannien bereits Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden ist.
Gegenüber der Organisation gaben viele der Befragten an, dass sie das Gefühl hatten und bis heute haben, mit niemandem darüber sprechen zu können und von der Polizei im Stich gelassen zu werden – ein Eindruck, den der neuste, publik gemachte Fall einmal mehr bitter bestätigt.