Homophobie in Katar erneut im Fokus Boykott der Fußballweltmeisterschaft?!
Die negative Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft Ende des Jahres in Katar reißt nicht ab – nachdem zuletzt die Recherche dreier Rundfunkanstalten aus Norwegen, Schweden und Dänemark klar aufzeigte, dass die Mehrheit der offiziellen WM-Hotels in Katar Homosexuelle direkt ablehnt oder diese dazu zwingen will, nicht “offen schwul“ zu sein, setzen nun LGBTI*-Organisationen und homosexuelle Fußball-Fans aus Wales und ganz Großbritannien ein eindeutiges Statement. Die Weltmeisterschaft soll boykottiert werden – und Schwule und Lesben im Vereinigten Königreich rufen ferner dazu auf, dass sich weitere LGBTI*-Organisationen weltweit dieser Entscheidung anschließen.
Der Aufruf ist auch deswegen bemerkenswert, weil sich Wales nach dem Sieg im Playoff-Finale gegen die Ukraine zum ersten Mal seit 64 Jahren für das Turnier qualifiziert hat. Trotzdem besteht die Mehrheit der offiziellen LGBTI*-Fangruppe darauf, im November nicht in den Nahen Osten zu reisen, in dem Homosexualität nach wie vor illegal ist und mit mehrjährigen Haftstrafen belegt wird. Tracy Brown von der offiziellen LGBTI*-Fangruppe Rainbow Wall dazu: "Ich für meinen Teil werde nicht hingehen. Einerseits freue ich mich, dass wir es geschafft haben, es hat lange gedauert. Wenn es irgendwo anders auf der Welt wäre, würde ich dort sein wollen, um unser Team zu unterstützen. Aber ich werde jetzt zu Hause sitzen, weil ich mich nicht sicher fühle, dorthin zu gehen!“
Immer wieder wurde von Seiten des Emirats sowie auch von der FIFA selbst erklärt, dass die Spiele auch für LGBTI*-Menschen sicher seien und alle willkommen wären. FIFA-Präsident Gianni Infantino sah sich genötigt, dies zuletzt im Mai erneut zu bekräftigen, nachdem einige große Sponsoren der Weltmeisterschaft intern ihren Unmut über die homofeindliche Haltung der WM-Hotels zum Ausdruck gebracht hatten. Für Brown nicht viel mehr als ein Pink-Washing: "Die FIFA hat also gesagt, dass man während der Weltmeisterschaft sicher ist, man selbst sein kann, aber wenn ich abreise, gibt es dort immer noch eine LGBTI*-Community, die sich verstecken muss. Sie sind nach wie vor nicht sicher. Ich will und muss aber zu meinen Werten stehen. Ich möchte in ein Land gehen, in dem ich mich jederzeit sicher und willkommen fühlen kann.“ Brown bekräftigte weiter, dass sich immer mehr schwule und lesbische Menschen im Vereinigten Königreich dazu entscheiden, nicht nach Katar zu fahren. Nebst der Angst um die eigene Sicherheit stehe dabei auch die Frage im Raum, wie authentisch und ehrlich die LGBTI*-Community zu ihren Werten stehe, wenn sie ein solches Event in irgendeiner Weise unterstützen würde.
Bereits im Vorfeld hatte die Entscheidung des Weltfußballverbands für breite Kritik gesorgt, die WM ausgerechnet in Katar stattfinden lassen zu wollen – einem Land, in dem die allgemeine Menschenrechtslage sehr heikel ist. Auch Amnesty International hat Katars Haltung in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen und die Behandlung von Wanderarbeitern scharf kritisiert. Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen schloss sich auch Felix Jakens, Leiter der Kampagnen von Amnesty International Großbritannien, diesem Boykott-Aufruf an und erklärte: "Dies ist eine Zeit, in der sich Fußballer in unserem eigenen Land endlich als schwul outen und in der es nach und nach mehr Akzeptanz für die Teilnahme von LGBTI*-Menschen gibt. Es ist schockierend, dass die Weltmeisterschaft nun in einem Land ausgetragen wird, in dem Schwulsein kriminalisiert wird.“
Der international tätige Redakteur der Zeitung The Independent, David Harding, der vier Jahre lang als Journalist in Katar gearbeitet hat, erklärte zudem jüngst, dass Homosexuelle in Katar nicht sicher seien: "Die Leute werden ihr Verhalten ändern müssen. Das ist ganz klar, man reist in ein sehr strenges, konservatives und religiöses Land. Die LGBTI*-Community in Katar ist sehr verärgert über das Verhalten der FIFA und den katarischen Beamten. Im Grunde genommen sagen sie, dass drei Wochen lang nichts Schlimmes passieren wird, und dann werden die katarischen LGBTI*-Menschen wieder genauso schlecht behandelt werden, wie sie das die ganze Zeit über erleben, wenn nicht gerade Weltmeisterschaft ist. Es wird auch einige kritische Situationen während der Spiele geben, beispielweise, wenn Leute Fahnen schwenken oder einen Protest starten. Ich denke, dass solche Dinge zu Problemen führen könnten. Die Polizei wird sich nicht auf die Seite der Kritiker schlagen.“