Direkt zum Inhalt
Hass im Senegal

Hass im Senegal Die Ablehnung von Homosexuellen nimmt immer weiter zu

ms - 10.12.2025 - 15:00 Uhr
Loading audio player...

Erst vor wenigen Tagen wurden im Senegal fünfzehn schwule Männer festgenommen, weil sie Mitglieder einer Gay-WhatsApp-Gruppe waren, jetzt warnen Aktivisten und Verbände vor Ort, dass sich die Lage in dem westafrikanischen Land immer weiter dramatisiert, insbesondere offenbar für schwule Männer – und das auch in einstmals toleranten Städten des Landes. 

Schutz wichtiger denn je

Homosexualität wird im Senegal noch immer kriminalisiert und kann mit mehrjähriger Haft bestraft werden. Zuletzt verstärkten sich dabei immer mehr die Fälle von Repressionen, Diskriminierungen, Bedrohungen und direkter Gewalt gegenüber Homosexuellen. Die Organisation Association Prudence ist eine der wenigen Anlaufstellen im Land, gegründet vor zwanzig Jahren, offiziell als Gesundheitskampagne im Kampf gegen HIV. 

Inoffiziell das Sprachrohr für die ganze LGBTIQ+-Community, wie Gründer Djamil Bangoura bekräftigt. Mehr denn je ginge es aktuell darum, einen grundsätzlichen Schutz aufrecht zu erhalten: „Wir müssen vorbeugende Maßnahmen für diese Gemeinschaft ergreifen. Es ist schwer. Wir müssen versuchen, diese Organisation zu unterstützen, die die einzige ihrer Art ist. Und wir müssen  versuchen, die Menschen bestmöglich zu schützen, die tagtäglich Ziel von Angriffen werden“, so Bangoura.

Angst in der Hauptstadt

Auch Einheimische und Senegal-Kenner bestätigen, dass sich die Lage immer weiter verschlechtert hat. „Wie viele andere Schwule in Dakar fürchte ich nicht nur Ablehnung, sondern auch Verfolgung und Inhaftierung“, so ein junger schwuler Mann gegenüber der queeren Organisation 76crimes. Er lebt in der Hauptstadt des Landes. Ein älterer Homosexueller betonte, dass der Senegal vor einigen Jahrzehnten noch deutlich toleranter war. Schwule wurden lange Zeit als die sogenannten „Góor-jigéen“ oder „Männer-Frauen“ akzeptiert, viele bewegten sich frei in den Straßen von Dakar, kleideten sich wie Frauen und spielten eine wichtige gesellschaftliche Rolle. 

Die Kolonialzeit brachte den Hass 

Der Wandel begann mit der Kolonisation. Danielle Olavario, Produzentin der EuroNews-Podcastreihe „Cry Like a Boy“, erklärte: „Die Kolonisation führte zu einem Rückschritt beim Respekt für Genderdiversität und schuf eine Lücke im historischen Gedächtnis Senegals.“ Und Cheikh Niang, Professor für medizinische und soziale Anthropologie, ergänzte: „Die Tabus stammen aus kolonialen Gesetzen. Die homophoben Vorschriften in afrikanischen Texten wurden nicht von Afrikanern erfunden. Wir haben sie einfach übernommen.“

Historisch waren jene Góor-jigéen vollständig in die Gesellschaft integriert. Sie begleiteten Zeremonien wie Hochzeiten und Taufen, hatten politischen Einfluss und genossen Respekt. Professor Babacar Mbaye erinnert sich: „Wenn sie tanzten, verschränkte jeder die Arme und sah zu. Als Junge habe ich sie nie beleidigt oder ausgelacht, wir betrachteten sie wie unsere Väter.“

Auch englische Beobachter stellten die Offenheit Senegals fest. Journalist Michael Davidson schrieb über Dakar in den 1950er Jahren: „1949 war Dakar bereits die ‚schwule‘ Stadt Westafrikas. Neun Jahre später war sie schwuler als je zuvor.“ Und Kollege Geoffrey Gorer notierte zuvor schon 1935: „Sie litten sozial in keiner Weise, im Gegenteil, sie galten als hervorragende Gesprächspartner und Tänzer.“ Heute hat sich das Bild gewandelt. Dakar gilt inzwischen sogar als das Zentrum der Unterdrückung von Schwulen in Westafrika. Jeder Hinweis auf vermeintlich „weibliche Eigenschaften“ bei Männern wird als empörend angesehen. 

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Independence Day in den USA

Mehr als Aliens und Donald Trump

Der Independence Day erinnert an die Gründung der USA – und steht für viele queere Menschen heute auch für den Wunsch nach persönlicher Freiheit.
Sexarbeiter bei OnlyFans

Verborgene Geschichte Amerikas

Eine Historikerin zeichnet die lange und oft verdrängte Geschichte männlicher Sexarbeit in den USA nach – von den ersten Kolonien bis zu OnlyFans.
Appell von Carl Cashman

Mehr positive Männlichkeit

Der Liverpooler Liberaldemokraten-Chef Carl Cashman fordert ein neues Verständnis von positiver Männlichkeit und warnt vor der Manosphere.
Mark Foster übers Coming-Out

Doppelleben im Spitzensport

Der Ex-Olympiaschwimmer Mark Foster sprach über die Belastungen seines jahrelangen Doppellebens und fordert mehr Offenheit für homosexuelle Sportler.
Trumps Humorgeschmack

Sex mit den eigenen Söhnen

Mit einem Scherz über einen „Dreier“ mit seinen Söhnen hat US-Präsident Donald Trump bei einer Rede für Aufsehen und Kritik gesorgt.
Bewerbung für LGBTIQ+-Event

Leeds kämpft um Rugby-Turnier

Leeds bewirbt sich als eine von mehreren Städten als Austragungsort für den Bingham Cup 2028, das Mega-Event für queeren Rugby-Sport.
Drohungen gegen Pride

FBI nimmt zwei Verdächtige fest

Ein Mann aus Puerto Rico und ein US-Postmitarbeiter wurden jetzt nach massiven Gewaltdrohungen gegenüber LGBTIQ+ vom FBI festgenommen.
Schock bei Kataluna Enriquez

Trans* Miss-USA-Kandidatin verletzt

Kataluna Enriquez, die erste trans* Kandidatin von Miss USA, wurde bei einem Autounfall lebensgefährlich verletzt und in der Klinik versorgt.
Schwulenclub muss schließen

Türkei macht erneut massiv Druck

Ein traditionsreicher schwuler Club in Istanbul muss jetzt schließen. Zuvor war er Ziel einer medialen Hetz-Kampagne geworden.