Mitten in einer Halloweenparty haben russische Sicherheitskräfte einen privaten Swingerclub in Moskau gestürmt. Die Beamten drangen in der Nacht zum 1. November in das Lokal Bizarre in der Leninskaja Sloboda ein. Anlass war nach Berichten russischer Telegram-Kanäle der Verdacht auf sogenannte „LGBT-Propaganda“.
Das Wichtigste im Überblick
- Razzia in Moskau: Russische Sicherheitskräfte haben in der Halloweennacht einen privaten Swingerclub wegen des Verdachts auf sogenannte „LGBT-Propaganda“ durchsucht.
- Hunderte Gäste betroffen: Besucher mussten sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen. Anschließend kontrollierten und befragten Polizisten die Anwesenden.
- Nach Angaben der Clubleitung wurden alle Gäste freigelassen. Gegen das Lokal wurden keine Vorwürfe erhoben.
- Wiederholte Polizeieinsätze: Der Club Bizarre wurde seit Dezember 2024 mindestens dreimal von Sicherheitskräften durchsucht.
- Verschärfte Verfolgung: Russland hat die sogenannte internationale LGBTIQ+-Bewegung als extremistisch eingestuft. Auch das öffentliche Zeigen einer Regenbogenflagge kann strafrechtliche Folgen haben.
- Auch anderweitig verschärft Russland weiter den Druck: Die renommierte Novaya Gazeta stellt ihre Arbeit in Moskau am 9. November nach 33 Jahren ein. Die Redaktion sieht sich durch staatlichen Druck zur Schließung gezwungen.
Gäste am Boden
Während des Einsatzes mussten sich die Gäste mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legen. Anschließend überprüften Polizisten ihre Ausweise, befragten die Anwesenden und durchsuchten die Räumlichkeiten. In dem Club fand zu diesem Zeitpunkt eine Halloweenveranstaltung statt, die ausschließlich Erwachsenen vorbehalten war. Über den Vorfall berichteten zunächst mehrere russische Telegram-Kanäle, die als sicherheitsbehördennah gelten. Später griffen die unabhängigen Medien Meduza und Novaya Gazeta Europe die Meldungen auf. Wie viele Menschen sich während der Razzia in dem Lokal aufhielten, ist nicht abschließend geklärt. Meduza berichtete von mindestens 200 Gästen. Novaya Gazeta Europe sprach dagegen von mehreren Hundert Besuchern.
Sexspielzeug im Visier
Die Veranstaltung im Bizarre stand im Zeichen von Halloween. Zahlreiche Gäste waren als Figuren aus Zeichentrickfilmen oder der Popkultur verkleidet. Nach Angaben der Telegram-Kanäle befanden sich auf den Tischen Sexspielzeuge. Die Veranstalter hatten außerdem ein sogenanntes „Sensorium“ angekündigt. Dabei sollten körperliche Berührungen und die Erkundung der eigenen Sexualität im Mittelpunkt stehen. Regierungsnahe russische Medien stellten die Veranstaltung in einem deutlich abwertenden Ton dar, so wurde die Feier als „perverse Party“ und die Teilnehmer als „Liebhaber des Partnertauschs“ beschrieben.
In zahlreichen Berichten wurde zudem darauf hingewiesen, dass die LGBTIQ+-Bewegung in Russland als extremistisch eingestuft und verboten ist. Die Clubleitung bestätigte den Polizeieinsatz anschließend über ihre sozialen Netzwerke. Nach ihrer Darstellung wurden weder beim Betrieb des Lokals noch beim Verhalten der Gäste Gesetzesverstöße festgestellt. Gegen den Club seien keine Vorwürfe erhoben worden. Sämtliche Besucher sollen nach Abschluss der Kontrollen wieder freigelassen worden sein. Die Clubbetreiber entschuldigten sich für den Abbruch der Veranstaltung.
Mehrere Razzien seit 2024
Für den Club Bizarre war der Einsatz kein Einzelfall. Seit Dezember 2024 rückten russische Sicherheitskräfte dort mindestens dreimal an. Eine frühere Razzia fand Anfang Mai 2025 statt. Damals veranstaltete das Lokal eine Party unter dem provokanten Motto „Lasterhafte Frauen: Milfs des antiken Griechenlands“. Auch bei diesem Einsatz wurden Besucher gezwungen, sich auf den Boden zu legen. Eine Quelle aus den Strafverfolgungsbehörden erklärte gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti, es habe sich um eine „Präventivmaßnahme“ wegen des Verdachts auf „LGBT-Propaganda“ gehandelt.
Die britische Boulevardzeitung Mirror berichtete, dass nach der Razzia etwa zwanzig Männer gezwungen worden seien, sich bei militärischen Rekrutierungsstellen zu melden. Ihnen habe damit eine mögliche Entsendung an die Front im russischen Krieg gegen die Ukraine gedroht. Auch während der jüngsten Halloweennacht blieb es nicht bei dem Einsatz im Bizarre. Nach Informationen des Moskauer Nachrichtenportals MSK1.ru kontrollierte die Polizei außerdem junge Menschen im Stadtteil Kitai-Gorod, wo zahlreiche Menschen Halloween auf den Straßen feierten.
Vorgehen gegen LGBTIQ+
Die Polizeieinsätze stehen im Zusammenhang mit einer seit Jahren verschärften Gesetzgebung gegen sexuelle und geschlechtliche Minderheiten in Russland. Bereits 2013 führte das Land ein Gesetz gegen die „Propaganda nichttraditioneller sexueller Beziehungen“, das berüchtigte Anti-Homosexuellen-Gesetz, ein. Ursprünglich betraf es die Verbreitung entsprechender Inhalte an Minderjährige. Im Jahr 2022 weitete Russland die Bestimmungen auf Erwachsene aus. Seitdem kann auch eine positive öffentliche Darstellung von LGBTIQ+-Menschen rechtliche Konsequenzen haben. Eine weitere Verschärfung folgte im November 2023. Damals erklärte der Oberste Gerichtshof Russlands die sogenannte „internationale LGBT-Bewegung“ zu einer „extremistischen und terroristischen“ Organisation. Seitdem ist Russland verstärkt immer wieder gegen schwule Clubs und Treffpunkte von LGBTIQ+-Menschen vorgegangen. Menschenrechtsorganisationen geraten ebenfalls unter Druck. Das Russian LGBT Network, das sich unter anderem für bedrohte homosexuelle Menschen in Tschetschenien eingesetzt hatte, musste seine Tätigkeit nach einer Einstufung als extremistisch einstellen.
Unabhängige Zeitung muss schließen
Parallel zur verschärften Verfolgung von LGBTIQ+-Menschen wächst in Russland auch der Druck auf unabhängige Medien, vor allem auch jene, die noch über Homosexuelle und queere Personen berichten. Besonders deutlich zeigt sich das jetzt am bevorstehenden Ende der Moskauer Zeitung Novaya Gazeta. Die 1993 gegründete Redaktion kündigte nun an, ihre Arbeit am 9. November nach 33 Jahren endgültig einzustellen. „Am 9. November werden wir in dem Gebäude, in dem wir 30 Jahre lang gelebt haben, das Licht ausschalten, die Server herunterfahren und gehen. Die Zeitung existiert nicht mehr. Die russischen Behörden und die russischen Sicherheitsdienste haben unsere Redaktion gezwungen, ihre Arbeit einzustellen“, erklärte die Redaktion in einer offiziellen Mitteilung.
Die Zeitung zählt seit Jahrzehnten zu den bekanntesten unabhängigen Medien Russlands. Ihre Journalisten recherchierten unter anderem zu Korruption, den Kriegen in Tschetschenien und Menschenrechtsverletzungen. Novaya Gazeta spielte auch bei der Aufdeckung schwerer Menschenrechtsverletzungen gegen homosexuelle Menschen in Tschetschenien eine zentrale Rolle. Mehrere Mitarbeiter und Autoren wurden im Laufe der Jahre ermordet. Nach einem Bericht des britischen Magazins The Economist wurde die Leitung von Novaya Gazeta am erst Mitte Oktober darüber informiert, dass sie ihr Redaktionsgebäude in der Moskauer Potapowski-Gasse räumen müsse. Hintergrund war die Gefahr, dass die russischen Behörden Novaya Gazeta als „extremistische Organisation“ einstufen könnten. Damit hätte den Journalisten eine mögliche Verhaftung gedroht. „Wir sind nicht gestorben, sie haben uns getötet – zusammen mit der Verfassung. Man kann nur lachen, wenn man an Artikel 29 der Verfassung denkt: ‚Zensur ist verboten‘“, erklärte der Friedensnobelpreisträger von 2021 und frühere Chefredakteur Dmitri Muratow. Novaya Gazeta Europe will ihre journalistische Arbeit aus dem lettischen Exil fortsetzen.