Gregg Araki fordert mehr Mut Sex als gesellschaftliches Thema
Der bisexuelle US-Regisseur Gregg Araki (66) sorgt mit seinem neuen Film „I Want Your Sex“ erneut für Diskussionen über Sexualität, gesellschaftliche Normen und queere Identität. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Begehren, Macht und alternative Formen von Sexualität. „Für mich ist das eine sehr queere Geschichte“, so Araki. „Es ist eine Sicht auf Kink und alternative Sexualität, die sich über das gesamte Spektrum zwischen hetero und queer erstreckt.“
Das Wichtigste im Überblick
- Gregg Arakis neuer Film „I Want Your Sex“ beschäftigt sich mit Begehren, Macht und alternativen Sexualitäten.
- Der Regisseur kritisiert sexuelle Unterdrückung und sieht darin eine Ursache für Hass und Gewalt.
- Araki hält der Generation Z vor, aus Angst vor Verletzungen wichtige Lebenserfahrungen zu verpassen.
- Zugleich zeigt er sich optimistisch, was die Zukunft des queeren Kinos und junger Filmschaffender betrifft.
Queere Freude für die Welt
Der Film erzählt von Elliot (Cooper Hoffman), einem 23-jährigen Hochschulabsolventen, der als Assistent der erfolgreichen Künstlerin Erika (Olivia Wilde) arbeitet und sich zunehmend in ihre Welt hineinziehen lässt. Araki beschreibt den Film als bewusst provokant, zugleich aber auch humorvoll und lebensbejahend. Obwohl „I Want Your Sex“ nicht sein erster Film mit heterosexuellen Hauptfiguren ist, gilt die Produktion als eine seiner prominentesten Besetzungen seit Jahren. In den USA startet der Independentfilm auf rund 700 Leinwänden und erreicht damit das bislang größte Publikum seiner Karriere. „Die Welt ist im Moment so kaputt – Kriege, ICE, verdammte Völkermorde –, dass ich etwas queere Freude und Positivität in die Welt bringen möchte“, sagt der 66-Jährige.
Ursprünglich entstand das Drehbuch bereits nach „Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“ (2014). Damals war die Geschichte noch als „eine komödiantische Version von Fifty Shades of Grey“ angelegt, in der eine Praktikantin von ihrem männlichen Chef verführt wird. Nachdem die Finanzierung scheiterte, legte Araki das Projekt auf Eis. Erst nach der #MeToo-Bewegung überarbeitete er das Konzept grundlegend. „Ich fühlte mich unwohl mit dem Bild einer Frau, die – selbst in einer einvernehmlichen Situation – an den Haaren herumgezerrt wird“, erklärt der Regisseur. „Ich möchte niemanden für seine Vorlieben verurteilen, aber als Mann wollte ich dieses Bild nicht mehr verbreiten.“
Gen-Z verpasst den Sex
Deshalb kehrte Araki die Geschlechterrollen um. „Ich machte den Unterwürfigen zu einem Mann und die dominante Person zu einer Frau.“ Als überzeugter Feminist sei dadurch insbesondere die Figur Erika deutlich interessanter geworden. Einen weiteren Anstoß lieferte ihm eine Studie aus dem Jahr 2022, wonach die Generation Z seltener Sex hat als frühere Generationen. Diese Beobachtung floss direkt in den Film ein. „Wenn Erika zu Elliot sagt: ‚Ihr habt ständig Angst, etwas zu verpassen – und verpasst dabei gerade den sexuellen Teil des Lebens‘, dann war das im Grunde meine Reaktion auf diese Studie.“
Auch außerhalb des Films äußert sich Araki deutlich: „Warum habt ihr eigentlich keinen Sex? Was ist los? Sex ist ein riesiger Teil meines Lebens. Meine Entwicklung als Mensch und als Künstler – alles hängt mit Sexualität, sexuellen Erfahrungen und Beziehungen zusammen. Alle meine Filme handeln davon. Ich kann mir ein Leben ohne Sex einfach nicht vorstellen.“ Er warnt davor, aus Angst vor Enttäuschungen auf Erfahrungen zu verzichten. „Ich bin inzwischen über 60. Und ehe ihr euch verseht, seid ihr selbst 40 oder 50. Werdet ihr dann bereuen, nicht mutiger gewesen zu sein? Nicht das Haus verlassen zu haben? Nicht das Risiko eingegangen zu sein, verletzt oder verwirrt zu werden oder Liebeskummer zu erleben? Geht auf ein schlechtes Date. Führt eine schlechte Beziehung. Verliebt euch in die falsche Person. Genau das ist das Leben! So wird man erwachsen. So lernt man sich selbst kennen.“
Sexszenen in Heated Rivalry
Araki sieht Sexualität auch im aktuellen Kino unterrepräsentiert. Zwar werde häufig von einer neuen Offenheit gesprochen, doch viele Produktionen überzeugten ihn nicht. Über den Film „Babygirl“ sagt er: „Ich empfand ihn überhaupt nicht als sex-positiv. Dass Nicole Kidmans Figur für das Ausleben ihrer Wünsche letztlich bestraft wird, hat mich gestört.“ Auch über die schwule Eishockeyserie „Heated Rivalry“ wird im Interview gesprochen. Anders als manche Kritiker bewertet Araki die Sexszenen positiv: „Ich finde, die Sexszenen sind gut gemacht und keineswegs verwässert. Das entspricht ungefähr meinem Stil: HBO mit FSK 18 – explizit, ohne pornografisch zu werden.“
Trotz der provokanten Thematik beschreibt Araki seinen neuen Film auch als Geschichte über Nähe und Selbstfindung. Die Hauptfigur Elliot basiere teilweise auf ihm selbst. „Ich war Anfang zwanzig und versuchte herauszufinden, wer ich sexuell eigentlich bin.“ Für Olivia Wilde habe er vor den Dreharbeiten nur eine Vorgabe gehabt: „Ich sagte ihr: Wer diese Rolle spielt, darf sich überhaupt nicht darum scheren, was andere denken. Und sie antwortete: Genau das möchte ich.“
Sexuelle Unterdrückung
Mit Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung findet Araki deutliche Worte. „In Amerika sind die Dinge schlimmer als je zuvor“, sagt er. „Der Grad an Puritanismus, Unterdrückung und der Ausgrenzung von trans* Menschen ist schrecklich. Deshalb endet der Film mit Jessie Wares Song Free Yourself. Ich glaube noch immer an den alten Slogan: ‚Make love, not war.‘“ Seine zentrale Botschaft formuliert der Regisseur unmissverständlich: „So viel Hass, Elend, Aggression, Gewalt und all der verdammte schreckliche Mist auf der Welt entstehen aus dieser seltsamen sexuellen Unterdrückung. Mein Film ist meine Version von Free Yourself. Die Botschaft des Songs ist positiv, offen und fortschrittlich – das genaue Gegenteil einer Kultur der Unterdrückung und des Faschismus.“
Trotz aller Kritik blickt Araki optimistisch auf die junge Generation. Besonders junge Filmfans beeindruckten ihn. „Sie interessieren sich für Autorenkino statt nur für Blockbuster. Das macht mir Hoffnung.“ Auch das queere Kino sieht der Regisseur trotz rückläufiger LGBTIQ+-Repräsentation in großen Hollywoodproduktionen gut aufgestellt. „In Cannes war dieses Jahr ein wahres Fest queerer Filme. Das zeigt, wie weit wir gekommen sind.“
Dennoch zieht Araki eine ernste Parallele zur Situation der frühen 1990er Jahre während der Aids-Krise. „Während der Aids-Krise wurden queere Menschen praktisch ausgelöscht. Deshalb bestand ein enormer Drang, sich künstlerisch auszudrücken. Ich glaube, dieser Drang existiert heute wieder. Queere Filmschaffende sehen, wohin sich das Land entwickelt. Die politische Rechte wird nicht bei trans* Menschen Halt machen. Wir sind nicht sicher.“ Gerade deshalb sei eine unabhängige queere Stimme unverzichtbar. „Fast alle meine Filme entstehen aus genau diesem Bedürfnis. Darin liegt die Magie.“