Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Jugendspiele im Senegal sorgt ein Gerichtsurteil gegen einen Oberschüler für erneut große Besorgnis unter Menschenrechtsorganisationen. Ein Gericht in Tambacounda verurteilte den schwulen Jugendlichen zu sieben Jahren Gefängnis. Die Vorwürfe lauteten auf „widernatürliche Handlungen“ und vorsätzliche HIV-Übertragung. Gleichzeitig bereitet sich das westafrikanische Land darauf vor, Tausende minderjährige Sportler aus aller Welt zu empfangen – darunter auch homosexuelle und queere Jugendliche.
Das Wichtigste im Überblick
- Sieben Jahre Gefängnis: Ein Gericht im Senegal hat einen schwulen Oberschüler wegen „widernatürlicher Handlungen“ und vorsätzlicher HIV-Übertragung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Weitere Schüler, ein Lehrer und zwei Studenten erhielten ebenfalls Gefängnisstrafen.
- Verfolgung Homosexueller verschärft: Seit März drohen für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen bis zu zehn Jahre Haft. Mehr als 355 Menschen sollen im Zuge der verschärften Strafverfolgung bisher festgenommen worden sein.
- Olympische Jugendspiele vor dem Start: Vom 31. Oktober bis 13. November werden in Dakar und zwei weiteren Orten rund 2.700 minderjährige Athleten aus 206 Delegationen erwartet.
- Sicherheit von LGBTIQ+-Sportler ungewiss: Menschenrechtsorganisationen verlangen verbindliche Garantien gegen Diskriminierung und willkürliche Festnahmen. Bislang fehlen öffentlich bekannte konkrete Schutzmaßnahmen.
- IOC vertraut auf Gastgeber: Das Internationale Olympische Komitee verweist auf Zusicherungen der senegalesischen Behörden und erklärt, es könne die Gesetze eines souveränen Staates nicht ändern.
Haftstrafen für Jugendliche
Nach Angaben des senegalesischen Nachrichtenportals Senego erhielten weitere Schüler Haftstrafen von fünf beziehungsweise zwei Jahren. Ein Lehrer und zwei Studenten wurden zu jeweils drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Urteile stehen im Zusammenhang mit einer größeren Festnahmewelle. Mitte Oktober waren in Tambacounda insgesamt 35 Menschen festgenommen worden, darunter vier Schüler sowie Lehrer und Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Für fünf weitere Beschuldigte wird am 4. November eine Gerichtsentscheidung erwartet. Die Verfahren verdeutlichen die zunehmenden rechtlichen Risiken für homosexuelle Menschen im Senegal. Zugleich werfen sie Fragen nach dem Schutz internationaler Sportler auf, die in wenigen Tagen zu den Olympischen Jugendspielen anreisen sollen.
Bis zu zehn Jahre Haft
Die rechtliche Lage homosexueller Menschen hat sich im Senegal in den vergangenen Monaten erheblich verschärft. Im März 2026 verdoppelte das Parlament die Höchststrafe für gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen auf zehn Jahre Gefängnis. Gleichzeitig wurde auch die sogenannte Förderung von Homosexualität unter Strafe gestellt. Seitdem haben die Behörden ihre Strafverfolgung deutlich ausgeweitet. Nach Angaben aus Menschenrechtskreisen sollen inzwischen mehr als 355 Menschen festgenommen worden sein.
Human Rights Watch dokumentierte Mitte Oktober weitere mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit den Ermittlungen. Dazu gehören HIV-Tests, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen worden sein sollen, die Einschüchterung von Rechtsanwälten sowie die Weitergabe vertraulicher Ermittlungsunterlagen an Medien. Die Organisation kritisiert insbesondere, dass Beschuldigte nicht ausreichend vor öffentlicher Bloßstellung und Diskriminierung geschützt würden. Die verschärfte Gesetzgebung begünstige ein Klima der Angst, in dem homosexuelle Menschen zunehmend mit Strafverfolgung rechnen müssten.
Junge Athleten in Gefahr?
Wie angespannt die Situation inzwischen ist, schilderte auch eine anonyme Quelle gegenüber italienischen Medien. Der Insider befindet sich aktuell im Auftrag einer internationalen Organisation in Dakar. Gegenüber der Presse bezeichnete er die Lage als „viel schlimmer, als öffentlich gezeigt wird“. Zudem berichtete die Quelle von „Tausenden Senegalesen, denen es gelungen ist, das Land zu verlassen, ohne jemals zurückzukehren“. Unabhängig überprüfbare Zahlen zu dieser Aussage liegen nicht vor. Die Schilderung verdeutlicht jedoch die Befürchtungen, die mit der verschärften Verfolgung homosexueller Menschen verbunden sind. Besonders besorgt zeigte sich die Quelle über die bevorstehenden Olympischen Jugendspiele. „Die wichtigste Frage, über die niemand spricht, betrifft die Spiele: Minderjährige Athleten aus aller Welt werden anreisen, und niemand spricht über die Risiken für junge LGBTIQ+-Athleten.“
Vom 31. Oktober bis zum 13. November finden im Senegal die Olympischen Jugendspiele statt. Austragungsorte sind die Hauptstadt Dakar sowie Diamniadio und Saly. Es handelt sich um die erste olympische Veranstaltung auf dem afrikanischen Kontinent. Rund 2.700 Sportler aus 206 Delegationen werden erwartet. Alle Teilnehmer sind höchstens 17 Jahre alt. Hinzu kommen Tausende Trainer, Betreuer, freiwillige Helfer, Funktionäre und Journalisten. Die Veranstaltung soll ein internationales Sportfest werden und zugleich die Bedeutung Afrikas innerhalb der olympischen Bewegung stärken. Allerdings gelten die verschärften senegalesischen Strafgesetze auch während der Spiele weiter. Für homosexuelle Teilnehmer und Mitglieder der Betreuungsteams stellt sich damit die Frage, welche rechtlichen Risiken sie im Gastgeberland eingehen. Insbesondere ist ungeklärt, was geschieht, wenn ein minderjähriger ausländischer Sportler wegen seiner sexuellen Orientierung ins Visier der Polizei gerät oder wegen eines mutmaßlichen Verstoßes gegen die geltenden Gesetze festgehalten wird. Öffentlich bekannte, verbindliche Schutzregelungen für solche Fälle liegen bislang nicht vor.
IOC spricht von „vollem Vertrauen“
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich zu den Bedenken bisher nur allgemein geäußert. So erklärte der Verband auf Anfrage des Sportportals Outsports, es habe „volles Vertrauen“ in die senegalesischen Behörden. Diese hätten zugesichert, die Bestimmungen des olympischen Gastgebervertrags einzuhalten. Zugleich verwies das IOC auf die Grenzen seiner Zuständigkeit. Es verfüge „weder über das Mandat noch über die Möglichkeit, die Gesetze eines souveränen Staates zu ändern“. Ausländische Sportler könnten zwar unter besonderen Schutzbestimmungen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen stehen. Eine generelle Ausnahme von den senegalesischen Strafgesetzen ergibt sich daraus jedoch nicht. Für die Bevölkerung des Gastgeberlandes gelten die Vorschriften ohnehin uneingeschränkt weiter.
Charta verbietet Diskriminierung
Die Situation stellt das IOC auch vor eine grundsätzliche Frage. Die Olympische Charta untersagt Diskriminierung unter anderem aufgrund der sexuellen Orientierung. Wie dieses Prinzip in einem Gastgeberland durchgesetzt werden soll, das gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen mit langjährigen Haftstrafen bedroht, bleibt stark umstritten. Brahim Naït-Balk, langjähriger Trainer des französischen Vereins Paris Foot Gay, kritisierte gegenüber dem Sportportal Inside the Games, dass die Bestimmungen der Olympischen Charta ohne „echte Garantien“ wirkungslos blieben. Die bloße Verpflichtung auf olympische Werte reiche demnach nicht aus, wenn keine verbindlichen Maßnahmen zum Schutz gefährdeter Teilnehmer vorgesehen seien.
Human Rights Watch wandte sich mit einer Forderung an den senegalesischen Präsidenten Bassirou Diomaye Faye. Noch vor Beginn der Jugendspiele solle sich die Regierung öffentlich verpflichten, „Teilnehmer, Besucher und Einwohner“ vor Diskriminierung und willkürlichen Festnahmen zu schützen. Eine öffentliche Antwort des Präsidenten auf diese Forderung ist bislang nicht bekannt. Auch der internationale Dachverband ILGA World verlangte mehrfach seit August schriftliche und öffentlich zugängliche Sicherheitsgarantien für LGBTIQ+-Menschen während der Veranstaltung.