Direkt zum Inhalt

Empörung und Zuspruch über Vorstoß Alter Streit um Sichtbarkeit queerer Menschen neu entfacht

Von ms - 19.04.2022 - 16:15 Uhr
Empörung und Zuspruch über Vorstoß der ARD // © IMAGO / epd
Foto: Empörung und Zuspruch über Vorstoß der ARD // © IMAGO / epd
ANZEIGE
Loading audio player...

Aufregung in der Medienwelt – der Chefsprecher der ARD-Nachrichtensendung „Tagesschau“, Jens Riewa, hat über die Oster-Feiertage erstmals die Zuschauer des reichweitenstärksten Nachrichtenformats Deutschlands genderneutral begrüßt. Durchschnittlich hat die Tagesschau mit rund 11,7 Millionen Zuschauern die größte Reichweite aller Nachrichtensendungen, auf dem nachfolgenden Platz landet das ZDF-Format „heute“ mit rund 4,5 Millionen Zuschauern.

Am Samstagabend nun begrüßte Riewa in der 20-Uhr-Ausgabe die Zuschauer mit den Worten: „Guten Abend und willkommen zur Tagesschau“ – keine wirkliche Dramatik, doch medial gab es seitdem sowohl Proteste wie auch zustimmende Worte. Die seit vielen Jahren klassische und altbekannte Anrede war bisher „Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau.“ Während die einen beispielsweise auf Twitter die neue Begrüßung als „sprachlich elegante Lösung“ lobten, kritisierten andere die Anrede als „unpersönlich“ und dem „queeren Gender-Mainstream“ nacheifernd.

Die Redaktion der Tagesschau wollte sich bis dato nicht dazu äußern, ob Riewa bewusst genderneutral formuliert hatte und ob es sich dabei um eine langfristig angedachte Änderung handelt. Erst Ende 2021 hatten mehrere ARD-Sprecher darauf hingewiesen, dass es keine aktuellen Pläne gäbe, die Anrede dauerhaft zu ändern. Die aktuelle Situation der Tagesschau ist online auch deswegen zu einem Politikum geworden, weil anderenorts bereits oft gegendert wird – auch die Tagesschau-Redaktion tut dies bereits über ihre Social-Media-Kanäle wie beispielsweise Instagram. Im ZDF haben Sprecher eigenverantwortlich die Freiheit, ob sie gendern oder genderneutral sprechen wollen oder nicht.

Das Ziel der genderneutralen Sprache soll es sein, auch Menschen bevorzugt aus der queeren Community anzusprechen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Die Mehrheit der Deutschen kritisiert dagegen, dass das Gendern willkürlich, rhetorisch inkorrekt und zutiefst spaltend gebraucht wird, da es das Geschlecht (Sexus) zum Maß der Dinge erhebt und so sexuelle und geschlechtliche Diskriminierung sogar noch fördern würde. Eine aktuelle Umfrage des MDR ergab Ende 2021, dass 86 Prozent der Deutschen eine geschlechtersensible Sprache für „unwichtig“ empfinden.

Immer wieder empfinden Kritiker auch aus der queeren Community dies als eine Art von übergeordneter Doktrin, die von oben herab Sprache neu setzen wollen würde – aus diesem Grundgedanken heraus dürfte sich auch die aktuelle Empörung über die genderneutrale Sprache der Tagesschau speisen. Eine Befragte des MDR fasst dies so zusammen: „Sicher haben wir in unserer Gesellschaft noch einige ´Baustellen´ was tatsächliche Akzeptanz, Toleranz und Gleichberechtigung betrifft. Ich halte es für falsch, dies mit einem ´aufgezwungenem/verordnetem Sprech´ und einer unmöglichen Schreibweise quasi in die Köpfe hämmern zu wollen. Mir persönlich wäre es lieber, wenn wir die Werte tatsächlich (vor)leben und an Haltungen arbeiten.“  

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Süddeutsche ZeitungHip-Hop aus München: Wie Rapperin Ebow das Lebensgefühl von Gastarbeiterkindern vertontFalterTipp Pop: Ebow – Cool, queer und gesellschaftskritischtazNach dem CSD-Anschlag: Viele Bekundungen, kaum KonkretesndQueer | Razzia in Casa Kuá schüchtert Berliner trans* Community einAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wie wichtig ist dir ein LGBTIQ+-freundliches Arbeitsumfeld bei der Wahl eines Arbeitgebers?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

„Black Doves“ kehrt zurück

Netflix setzt Spionagethriller fort

Ab 5. November läuft die zweite Staffel von „Black Doves“ auf Netflix. Ben Whishaw kehrt als schwuler Auftragskiller mit bewegter Vergangenheit zurück
Ehemann ist schwul: Frau klagt

50.000 Euro Schadensersatz?

Eine Italienerin fordert 50.000 Euro von ihrem schwulen Ex-Mann, weil ihr Kinderwunsch unerfüllt blieb. Das Gericht entscheidet nicht über die Klage.
Queere Jugend macht Politik

Mit 16 schon mitbestimmen

Die US-Initiative „Queer the Ballot“ zeigt LGBTIQ+-Jugendlichen, wie sie politische Entscheidungen beeinflussen können – auch ohne Wahlrecht.
Ein Vorbild nimmt Abschied

Basketballstar beendet Karriere

Der offen schwule Basketballprofi Isaac Humphries beendet mit 28 Jahren seine Karriere. Sein Coming-Out bezeichnet er als seinen stolzesten Moment.
Spendenboom bei Gallant

350.000 Dollar nach Enthüllung

Nach der Veröffentlichung alter BDSM-Fotos erhält der schwule US-Demokrat Chris Gallant mehr als 350.000 Dollar Spenden und übertrifft seinen Rivalen.
Russland fahndet nach Reporter

Schwuler Journalist auf der Flucht

Russland geht zunehmend gegen homosexuelle Journalisten vor. Der geflüchtete Vadim Vaganov berichtet über staatliche Verfolgung und Einschüchterung.
Hoffnung für Jugendliche

Unterstützung senkt Suizidrisiken

Eine US-Langzeitstudie zeigt: Trotz zunehmender Diskriminierung gehen Selbstverletzungen und Suizidversuche bei LGBTIQ+-Jugendlichen zurück.
Brasilien vor Richtungswahl

LGBTIQ+-Rechte im Fokus

Brasilien steht vor einer knappen Präsidentenwahl. Für LGBTIQ+-Menschen könnte der Ausgang die künftige Gleichstellungspolitik entscheidend prägen.
Angriff auf Weltstrafgericht

Amnesty fordert Schutz durch EU

US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof alarmieren Amnesty International. Der Verein fordert Schutz für die internationale Justiz.