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Ein Ende von LGBTI* in Istanbul? Hetze und Hass gegenüber der Community nehmen zu

Von ms - 05.10.2022 - 10:00 Uhr
Kippt die Stimmung gegenüber Homosexuellen?
Foto: iStock / EvrenKalinbacak
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Nachdem Mitte September mehrere tausend Menschen in Istanbul erstmals in dieser Größe gegen Rechte für LGBTI*-Menschen und Pride-Veranstaltungen demonstrierten, scheint sich die Front gegenüber der Community in den letzten Tagen immer weiter zu verhärten. Mehrfach berichten jetzt auch homosexuelle und queere Blogger aus Istanbul, dass die Stimmung gegenüber LGBTI*-Menschen in den letzten Wochen eine besonders angespannte sei. Zudem steht die Angst im Raum, dass die türkische Regierung die Demonstrationen und die angespannte Lage vor Ort dazu ausnutzen könnte, tatsächlich Gesetze zu erlassen, die die Rechte von Homosexuellen und queeren Personen weiter einschränken würden.

Wie oftmals bei solchen Demonstrationen stand auch hier die “Rettung und der Schutz der Familien und der Kinder“ im Mittelpunkt der Forderungen. Bereits vor den ersten Demonstrationen waren so rund 150.000 Unterschriften eingesammelt worden, um das türkische Parlament zu einem Anti-LGBTI*-Gesetz zu animieren. Einmal mehr ist die Rede von “queerer Propaganda“, die sich vor allem auf Social Media, in der Kunst sowie aber auch auf Streaming-Plattformen wie Netflix zeigen würde. „Seit dieser Demonstration vor gut zwei Wochen ist die ganze Community seltsam angespannt und wir haben wirklich Angst. Istanbul war schon immer ein besonderes Pflaster, aber es besteht die berechtigte Gefahr, dass die Stimmungslage auch hier kippt. Bisher war Istanbul wenigstens in manchen Teilen der Stadt noch ein kleiner safe space für die Community, das droht jetzt immer mehr wegzufallen. Man hat uns, wenn vielleicht auch widerwillig toleriert, jetzt scheint die Angst vor neuen Gesetzen oder gewaltbereiten Extremisten dazu beizutragen, dass auch die letzten Treffpunkte für uns wegfallen“, so ein schwuler Blogger aus Istanbul gegenüber SCHWULISSIMO, der nicht mit Namen genannt werden möchte.

Was der Stein des Anstoßes für die jüngsten Anti-LGBTI*-Demonstrationen konkret war, kann indes nur vermutet werden, bereits seit 2015 gab es keinen offiziellen Pride mehr in der Türkei. Zuletzt kam es im Juni in Istanbul zu Ausschreitungen, nachdem zum 30-jährigen Jubiläum eine illegale Pride-Demonstration abgehalten werden sollte. Mit brutaler Härte gingen mehrere hundert Polizisten bereits im Vorfeld gegen die LGBTI*-Demonstranten vor, viele Aktivisten wurden zum teil schwer verletzt, festgenommene Teilnehmer sollen von der Polizei im Anschluss sogar gefoltert worden sein, wie auch ein heimlich gefilmtes Video nahelegte. Die Absage des Prides erfolgte in den letzten Jahren stets meist kurz vor Veranstaltungsbeginn und immerzu aus fadenscheinigen Gründen. Immer wieder erklärte die zuständige Behörde des Gouverneursbüros auch, die Veranstaltung würde gegen die “Moral“ verstoßen. LGBTI*-Aktivisten vermuten indes, dass die queere Bewegung in den vergangenen Jahren zu schnell an Einfluss gewonnen habe, was vor allem der türkischen Regierung Angst machen würde. Beim letzten genehmigten Pride im Jahr 2014 waren über 100.000 Besucher gekommen. Nicht nur für Blogger, auch für LGBTI*-Organisationen wie Kaos GL ist klar, dass die Türkei der LGBTI*-Community “den Krieg erklärt“ habe – die jüngsten Demonstrationen versuchen nun die bisher gewonnene Unterstützung in der Istanbuler Gesellschaft nach und nach zu erschüttern. Tief besorgt zeigte sich zuletzt auch die europäische Organisation ILGA-Europe: "Wir rufen alle politischen Parteien auf, dies zu verurteilen. Der türkische Staat muss seiner verfassungsmäßigen Verpflichtung nachkommen, alle seine Bürger vor Hass und Gewalt zu schützen."

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