Digitale Räume bleiben wichtig Mitreden statt bevormundet werden
Kinder und Jugendliche wollen die digitale Welt sicher und selbstbestimmt nutzen können. Sie wünschen sich mehr Schutz vor Risiken, zugleich aber auch Autonomie, Mitbestimmung und Unterstützung statt pauschaler Verbote. Das geht aus einem neuen Bericht zur Kinder- und Jugendbeteiligung für die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ hervor. Eine Fachbewertung, die insbesondere auch für queere Jugendliche von besonderer Bedeutung ist.
Das Wichtigste im Überblick
- Ein neuer Bericht bündelt 70 Forderungen von Kindern und Jugendlichen zum digitalen Aufwachsen.
- In sieben Workshops diskutierten 12- bis 18-Jährige über Medienkompetenz, Kinderschutz, mentale Gesundheit und Künstliche Intelligenz.
- Die Jugendlichen wollen mehr Schutz und Unterstützung, zugleich aber Autonomie, Mitbestimmung und Eigenverantwortung.
- Plattformanbieter sehen sie besonders beim Schutz vor Hass, Mobbing, Desinformation und suchtfördernden Mechanismen in der Verantwortung.
- Digitale Angebote sind für junge Menschen ein wichtiger Teil ihres Alltags – für Kommunikation, Unterhaltung, Entspannung und mehr Selbstständigkeit.
- Gerade für queere Jugendliche können digitale Räume besondere Bedeutung haben: Sie können Austausch, Vernetzung und Zugehörigkeit ermöglichen. Umso wichtiger sind sichere Räume, in denen sie vor Hass, Mobbing und unangemessenen Inhalten geschützt sind.
- Die Jugendlichen setzen auf Aufklärung und Befähigung statt pauschaler Verbote.
- Eine Version der Handlungsempfehlungen der Expertenkommission in kindgerechter Sprache soll im Herbst erscheinen.
Was Kinder und Jugendliche erwarten
Die Expertenkommission hatte im Juni ihre Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Ein wesentlicher Bestandteil sind die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen. Im Rahmen eines umfangreichen Beteiligungsprozesses brachten junge Menschen ihre Erfahrungen, Einschätzungen und Forderungen zum digitalen Aufwachsen ein. In sieben Workshops diskutierten Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren konkrete Alltagssituationen, entwickelten Lösungsvorschläge und tauschten sich unmittelbar mit Mitgliedern der Expertenkommission aus. Aus dem Beteiligungsprozess gingen 70 Forderungen in den vier Themenfeldern Medienkompetenz, Kinderschutz und Sicherheit, Wohlergehen und mentale Gesundheit sowie Künstliche Intelligenz hervor.
Bundesministerin Karin Prien sagte: „Kinder und Jugendliche wissen sehr genau, was ihnen die digitale Welt ermöglicht – und wo sie an ihre Grenzen kommen. Sie wollen geschützt werden, aber ebenso selbstständig sein, mitreden und digitale Angebote sicher und eigenverantwortlich nutzen können – das ist gelebte demokratische Teilhabe. Deshalb ist es wichtig, ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf die digitale Welt ernst zu nehmen. Sie formulieren ihre Wünsche und Sorgen präzise und konkret. Ihre Forderungen zeigen sehr klar, worauf es ihnen ankommt: Schutz vor Risiken, Befähigung zu einem sicheren und selbstbestimmten Umgang und echte Beteiligung. Ich danke allen Kindern und Jugendlichen, die ihre Erfahrungen mit uns geteilt und damit einen wichtigen Beitrag zur Arbeit der Expertenkommission geleistet haben.“
Beteiligung auf Augenhöhe
Der Beteiligungsprozess orientierte sich an den vom BMBFSFJ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bundesjugendring veröffentlichten Qualitätsstandards für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Ziel war ein sicherer, inklusiver und wertschätzender Raum, in dem die jungen Menschen als Expertinnen und Experten in eigener Sache ihre Erfahrungen und Einschätzungen einbringen konnten. Der Prozess ging dabei über eine reine Befragung hinaus. Die Jugendlichen wurden bereits in die Entwicklung der Workshops einbezogen und konnten ihre Anliegen direkt mit Mitgliedern der Expertenkommission diskutieren.
Schutz, Befähigung und Teilhabe
Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Kinder und Jugendliche wollen nicht weniger Digitalisierung, sondern eine bessere und sicherere digitale Welt. Digitale Angebote sind für sie Teil ihres Alltags und ermöglichen Kommunikation, Unterhaltung, Entspannung und mehr Selbstständigkeit. Gleichzeitig kennen sie Risiken und Belastungen aus eigener Erfahrung. Für manche Jugendliche haben digitale Räume darüber hinaus eine besondere soziale Bedeutung. Das gilt insbesondere für queere Jugendliche, für die digitale Angebote Möglichkeiten schaffen können, sich mit anderen auszutauschen, Gemeinschaft zu finden und Zugehörigkeit zu erleben.
Solche Räume können damit einen wichtigen Beitrag zu Selbstständigkeit und Teilhabe leisten. Gleichzeitig sind junge Menschen dort Risiken wie Hass, Belästigungen, Mobbing und unangemessenen Inhalten ausgesetzt. Ein sicherer digitaler Raum ist deshalb gerade dort wichtig, wo digitale Vernetzung für Jugendliche eine besondere Bedeutung hat. Die Jugendlichen wünschen sich deshalb mehr Schutz und verlässliche Unterstützung, aber zugleich Autonomie und Mitbestimmung. Insbesondere Plattformanbieter sehen sie in der Verantwortung, digitale Angebote sicher und altersgerecht zu gestalten. Gleichzeitig setzen die jungen Menschen auf Aufklärung und Befähigung statt auf pauschale Verbote.
Digitale Welt verstehen und sicher nutzen
Die Jugendlichen schätzen ihre eigene Medienkompetenz überwiegend hoch ein, sehen aber Schwachstellen bei Datenschutz, verständlichen Regeln, Belästigungen und unangemessenen Inhalten. Sie wünschen sich deshalb kindgerechte Informationen, verständliche Datenschutzeinstellungen und Schutz vor manipulativen Gestaltungselementen. Medienkompetenz soll frühzeitig und kontinuierlich vermittelt werden. Die Jugendlichen wollen unter anderem verstehen, wie Algorithmen funktionieren, wie sie ihre eigene Smartphone-Nutzung steuern und wie sie bei Problemen Hilfe bekommen. Als mögliche Angebote nennen sie Unterricht, Projekttage, Mediensprechstunden und Peer-to-Peer-Angebote. Wichtig sind ihnen zudem kompetente und vertrauenswürdige Erwachsene, die ihre digitale Lebenswelt verstehen.
Beim Kinderschutz sehen die Jugendlichen insbesondere die Plattformanbieter in der Verantwortung. Sie fordern ein konsequenteres Vorgehen gegen Hass, Falschnachrichten, Beleidigungen und Mobbing sowie gegen suchtfördernde Gestaltungselemente. Algorithmen sollen Kinder vor ungeeigneten Inhalten schützen. Viele können sich eine sichere und datensparsame Altersfeststellung vorstellen. Auch Meldeverfahren sollen einfacher und transparenter werden. Die Jugendlichen wollen nachvollziehen können, was nach einer Meldung passiert, und über deren Ausgang informiert werden.
Wohlbefinden, mentale Gesundheit und KI
Digitale Medien werden nicht grundsätzlich als Belastung erlebt. Die Jugendlichen nennen auch positive Effekte wie Unterhaltung und Entspannung. Gleichzeitig sehen sie Risiken durch zu lange Nutzungszeiten, Ablenkung und unangemessene Inhalte. Sie wünschen sich deshalb Plattformen, deren Algorithmen nicht auf möglichst lange Nutzung ausgerichtet sind, und die Abschaltung suchtfördernder Mechanismen. Zugleich wollen sie Unterstützung bei der eigenen Mediennutzung, ohne dass Schutz zur Bevormundung wird. Das Verhältnis von Schutz, Vertrauen und Eigenverantwortung ist ihnen besonders wichtig.
KI ist für junge Menschen bereits Teil ihres Alltags. Gleichzeitig sorgen sie sich insbesondere um KI-generierte Gewalt und sexualisierte Inhalte sowie um die Manipulation von Bildern realer Menschen. Sie fordern deshalb klare Schutzvorgaben und einen besseren Schutz vor missbräuchlicher Bildbearbeitung. Für den Einsatz von KI in der Schule gilt aus ihrer Sicht: KI soll Lernen unterstützen, aber nicht das eigene Denken ersetzen. Sie soll beispielsweise Sachverhalte erklären oder beim Lösungsweg unterstützen. Dafür brauchen auch Lehrkräfte entsprechende Qualifizierung. Jugendliche wollen auch besser vor Desinformation geschützt werden. KI-Anwendungen sollen auf verlässlichen Quellen beruhen und diese offenlegen, damit Antworten überprüft werden können.
Beteiligung soll weitergehen
Die jungen Menschen wollen nicht nur Gegenstand von Schutzmaßnahmen sein. Sie wollen ihre digitale Lebenswelt mitgestalten und bei Entscheidungen, die sie unmittelbar betreffen, gehört werden. Die Expertenkommission greift diesen Anspruch auf und empfiehlt eine Verstetigung der Kinder- und Jugendbeteiligung im digitalen Kinder- und Jugendschutz. Auch eine weitere Forderung der Jugendlichen und Empfehlung der Expertenkommission wird zeitnah umgesetzt: Zusammen mit dem Abschlussbericht der Kommission erscheint im Herbst eine Version der Handlungsempfehlungen in kindgerechter Sprache.