Der wichtigste Pride des Jahres In Russlands Schatten kämpfen LGBTI*s im Baltikum für mehr Rechte
Es verlangt einem zutiefst Respekt ab, was sich am vergangenen Wochenende im Baltikum ereignete: Rund 10.000 Menschen aus ganz Osteuropa demonstrierten bei der Pride-Veranstaltung in Litauen für die Rechte von LGBTI*-Menschen und das sozusagen im Schatten Russlands.
Vor allem junge Menschen begleiteten den Baltic Pride in der Hauptstadt Vilnius mit Regenbogenfahnen, die Organisatoren sprechen von der größten LGBTI*-Demonstration, die es bisher in einem baltischen Land gegeben habe. Die Aktion ist auch deswegen besonders mutig, weil es bereits seit 2009 ein Gesetz in Litauen gibt, das, ähnlich wie in Russland (seit 2013), “Schwulenpropaganda“ verbietet und unter Strafe stellt. Konkret ist verboten, Informationen zu verbreiten, die "die Verachtung für die Werte der Familie zum Ausdruck bringen oder dazu ermutigen, eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen, die nicht in der Verfassung vorgesehen ist."
Seit 2009 findet die jährliche Veranstaltung abwechselnd in den Hauptstädten der drei baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen statt. Vilnius war 2010 zum ersten Mal Gastgeber des Baltic Pride und zählte rund 400 Besucher. Gegenüber NBC News bekräftigten einige der diesjährigen Pride-Aktivisten, wie viel sich in den letzten Jahren positiv entwickelt habe: "Das ist unglaublich. Vor neun Jahren gab es noch auf beiden Seiten Neonazis und mehr Polizei als Teilnehmer. Es war nicht einfach. Die Leute sahen uns an wie in einem Zoo." Vladimir Simonko, Geschäftsführer von LGL, Litauens größter LGBTI*-Gruppe, erklärt überdies: "Unsere Community ist sehr mutig, sich zu zeigen, und wir haben inzwischen viele Verbündete, die mit uns marschieren!“
Dazu gehören auch große Unternehmen wie Google, Moody's und die nordisch-baltische Bank Swedbank sowie die Botschaften von Ländern wie den USA, Kanada und Norwegen. Litauen, Lettland und Estland, die von 1944 bis 1991 unter sowjetischer Besatzung standen, traten 2004 zusammen mit anderen Ländern des Ostblocks, darunter Polen und Ungarn, der Europäischen Union bei. Doch im Gegensatz zu ihren nordischen Nachbarn hinken sie bei den Menschenrechten hinterher, vor allem, wenn es um sexuelle Minderheiten geht. In der EU stehen derzeit nur Polen, Rumänien und Bulgarien schlechter da als Litauen und Lettland, wenn es um LGBTI*-Rechte geht, so die LGBTI*-Organisation ILGA-Europe.
Langsam kommt allerdings Bewegung in die Angelegenheit, inzwischen debattieren sowohl das litauische als auch das lettische Parlament über Gesetzentwürfe, die gleichgeschlechtlichen Paaren eine Lebenspartnerschaft ermöglichen und ihnen einige Rechte der Ehe zugestehen würden. Tomas Raskevičius, Litauens einziger offen schwuler Abgeordneter, erklärte weiter, dass die Zurückhaltung, LGBTI*-Personen weitere rechtliche Anerkennung zu gewähren, vor allem auf den starken Einfluss der katholischen Kirche und das Erbe der sowjetischen Besatzung zurückzuführen sei. Lettland könnte den ersten großen Schritt im Baltikum nach vorne machen und noch in diesem Jahr über ein neues Gesetz für eine eingetragene Lebenspartnerschaft abstimmen.