Direkt zum Inhalt

Der König und seine Männer BBC-Doku widmet sich dem schwulen König James I.

Von ms - 16.06.2026 - 12:00 Uhr
Der König und seine Männer
Foto: IMAGO / United Archives International / Bildbearbeitung FASH Medien
ANZEIGE
Loading audio player...

Mehr als 400 Jahre nach seinem Tod steht das Privatleben des englischen Königs James I. erneut im Fokus. Die BBC-Dokumentation „Queen James“ beschäftigt sich erstmals und ausführlich mit den Beziehungen des Monarchen zu mehreren männlichen Vertrauten und geht der Frage nach, welchen Einfluss diese Verbindungen auf seine Politik und seine Herrschaft hatten.

Das Wichtigste im Überblick

  • Die BBC widmet sich in der Dokumentation „Queen James“ dem Privatleben von König James I.
  • Historiker diskutieren seit Jahrhunderten über die Beziehungen des Monarchen zu männlichen Favoriten.
  • Besonders die Briefe an George Villiers gelten als außergewöhnlich intim.
  • Bereits zu Lebzeiten wurde James I. wegen seines Verhältnisses zu Männern verspottet.
  • Die Dokumentation untersucht auch die politischen Folgen dieser Beziehungen.
  • Ob James I. als erster homosexueller König Großbritanniens gelten kann, bleibt umstritten.

Privatleben im Mittelpunkt

James I. gehört zu den bedeutendsten Herrschern der britischen Geschichte. Als Sohn von Maria Stuart wurde er 1567 im Alter von nur 13 Monaten als James VI. König von Schottland. Seine Kindheit war von politischen Machtkämpfen, Gewalt und mehreren Entführungsversuchen geprägt. Nach dem Tod von Elizabeth I. bestieg er 1603 den englischen Thron und wurde damit zum ersten Monarchen, der gleichzeitig über Schottland, England und Irland herrschte. Zu seinen bekanntesten Leistungen zählen die Beauftragung der später als King-James-Bibel bekannten Bibelübersetzung, die Förderung von William Shakespeare, das Überstehen der Gunpowder Plot sowie die Förderung der Besiedlung der nordirischen Provinz Ulster.

Spottname „Queen James“

Schon zu Lebzeiten sorgte das Privatleben des Königs für Diskussionen. Gegner verspotteten ihn mit dem Beinamen „Queen James“. Der Ausdruck richtete sich nicht nur gegen seine vermutete sexuelle Orientierung, sondern auch gegen seine politische Haltung. James galt als Befürworter einer zurückhaltenden Außenpolitik und wollte weder hohe Summen für den Dreißigjährigen Krieg ausgeben noch große Truppenkontingente entsenden. Kritiker werteten dies als mangelnde Männlichkeit.

Zeitgenössische Berichte beschreiben zudem seine besondere Nähe zu mehreren jungen Männern, die am Hof als Favoriten galten. Dazu gehörten unter anderem Esmé Stewart, Robert Carr und später vor allem George Villiers. Der Tagebuchschreiber Sir John Oglander notierte über den Monarchen: „Er liebte junge Männer, seine Favoriten, mehr als Frauen und liebte sie mehr, als Männer gewöhnlich Frauen lieben.“ Historiker verweisen darauf, dass solche Aussagen zusammen mit den erhaltenen Briefen ernsthafte Zweifel daran aufkommen lassen, ob es sich lediglich um gewöhnliche Freundschaften gehandelt habe. Oder anders gesagt: Die Homosexualität des Königs scheint damit bewiesen. 

Beziehung zu George Villiers

Eine besondere Rolle in der Dokumentation spielt George Villiers. James lernte den jungen Höfling 1614 kennen. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Villiers zu einer der mächtigsten Persönlichkeiten des Königreichs. Der Bischof Godfrey Goodman beschrieb ihn als „den Mann mit dem schönsten Körper in ganz England“. Obwohl Villiers weder als Militär noch als Politiker besondere Erfahrungen vorweisen konnte, erhielt er zahlreiche Adelstitel und wurde schließlich Herzog von Buckingham.

Erhaltene Briefe des Königs zeichnen das Bild einer außergewöhnlich engen Beziehung. James schrieb, er trage das Bild Villiers „unter seinem Wams, nahe am Herzen“. An anderer Stelle bekannte er, dass ihn „äußerstes Verlangen“ beinahe umbringe. Im Dezember 1623 formulierte der Monarch einen besonders bemerkenswerten Wunsch. Er schlug vor, „zu Weihnachten eine neue Ehe zu feiern, die für immer bestehen solle“. Weiter schrieb er: „Ich wünsche mir, in dieser Welt nur für dich zu leben.“

Zu den bekanntesten Passagen gehört der Abschluss eines weiteren Briefes: „Gott segne dich, mein süßer Sohn und meine Ehefrau, und möge er dafür sorgen, dass du deinem lieben Vater und Ehemann immer Trost spendest.“ Auch von Villiers sind emotionale Aussagen überliefert. Er schrieb, niemand sehne sich stärker nach der Rückkehr in die Arme seiner Geliebten als er danach, wieder bei James zu sein.

Mordprozess erschütterte den Hof

Vor Villiers galt der Schotte Robert Carr als wichtigster Vertrauter des Königs. Auch er erhielt zahlreiche Ämter und Privilegien. Die Beziehung endete jedoch abrupt, als Carr in den Mordfall um den Höfling Thomas Overbury verwickelt wurde. Der anschließende Prozess entwickelte sich zu einem politischen Skandal und drohte nach Ansicht von Historikern sogar, die Monarchie zu erschüttern. Im Zuge der Ermittlungen bestand die Gefahr, dass intime Details aus dem Privatleben des Königs öffentlich bekannt werden könnten. Der Historiker Gareth Russell, Autor des Buches „Queen James: The Life and Loves of Britain’s First King“ und Moderator der Dokumentation, erklärt: „Die Geschichte von James’ Privatleben und die Art, wie sie alles beeinflusste – von der Kolonisierung Ulsters bis hin zu einem von Erpressung begleiteten Mordprozess, der die Monarchie zum Einsturz zu bringen drohte –, scheint wie für die Leinwand gemacht.“

BBC greift historische Debatte auf

Bereits 2024 hatte die Fernsehserie „Mary & George“ die Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen James I. und George Villiers gelenkt. Die Produktion mit Julianne Moore, Nicholas Galitzine und Tony Curran schilderte den Aufstieg Villiers', der auf Initiative seiner Mutter die Aufmerksamkeit des Königs gewinnen sollte und schließlich zu dessen engstem Vertrauten wurde. Mit „Queen James“ kehrt die BBC nun zu diesem Kapitel britischer Geschichte zurück. Die einstündige Dokumentation basiert auf Briefen, Reden und historischen Dokumenten und untersucht sowohl die Beziehungen zu Villiers als auch zu Robert Carr. Die Texte des Monarchen werden vom schottischen Schauspieler James McArdle gelesen. Zu den beteiligten Historikern gehören unter anderem Leanda De Lisle, Clare Jackson, Tracy Borman und Will Tosh.

Historiker sehen offene Fragen

Ob James I. tatsächlich als erster homosexueller König Großbritanniens bezeichnet werden kann, bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Historiker weisen darauf hin, dass moderne Begriffe sexueller Identität nur eingeschränkt auf Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts übertragbar sind. Zugleich gelten die erhaltenen Briefe, zeitgenössische Berichte und die Sprache, die James und Villiers verwendeten, als Hinweise auf eine ungewöhnlich enge emotionale und homoerotische Beziehung. Statt dem Monarchen nachträglich eine eindeutige Identität zuzuschreiben, stellt die Dokumentation daher eine andere Frage in den Mittelpunkt: Welchen Einfluss hatten die Beziehungen von James I. zu anderen Männern auf sein Leben, seine politischen Entscheidungen und seine Herrschaft?

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Süddeutsche ZeitungUnderdox-Festival in München: Die letzten Filme vor dem TodMOPOErst bepöbelt, dann verprügelt: Schwules Paar nach Einheitsfest angegriffentazSchwuler Lehrer über Outing: „Als ob eine Bombe platzt“tazJubel, Trubel, Hassverbrechen: Weitgehend friedliche Einheitsfeier in BremenAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Wo würdest du ein erstes Date am liebsten verbringen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Mehr Schutz für Gewaltopfer

Neues Gesetz erleichtert Trennung

Opfer häuslicher Gewalt sollen sich leichter aus gemeinsamen Mietverträgen lösen können – davon profitieren auch schwule Männer.
Zwischenwahlen in den USA

Queere Gen Z setzt auf Werte

Für die LGBTIQ+-Generation Z in den USA zählen bei Kandidaten vor allem gemeinsame Werte – deutlich mehr als eine gemeinsame Identität.
Coming-Out im Fußball

Schiedsrichter erzählt Details

Schiedsrichter Ryan Atkin spricht öffentlich über sein Schwulsein – und erhält dafür die Unterstützung des englischen Fußballverbands.
James Baldwin im Kino

Neuer Film über schwulen Autor

Barack und Michelle Obamas Produktionsfirma bringt „Baldwin: A Love Story“ über James Baldwins Leben, Lieben und Werk ins Kino.
Schwule Liebe gewinnt Gold

Fernfahrer-Drama holt Filmpreis

Das schwule Liebesdrama „Flesh & Fuel“ gewinnt beim Zurich Film Festival das Goldene Auge und erhält rund 26.700 Euro Preisgeld.
Blackfacing sorgt für Empörung

LGBTIQ+-Bar zieht Konsequenzen

Ein Blackface-Auftritt in einer LGBTIQ+-Bar in Pittsburgh sorgt landesweit für Empörung und entfacht eine Debatte über Rassismus in der Drag-Szene.
Eklat in Oregon

Streit um LGBTIQ+-Vorgabe

Oregon gewährt einer christlichen Adoptionsbewerberin eine Ausnahme von einer Vorgabe zur Unterstützung der LGBTIQ+-Identität von Kindern.
Fauci für HIV-Arbeit geehrt

Auszeichnung für Anthony Fauci

Anthony Fauci wird für seinen jahrzehntelangen Einsatz gegen HIV/Aids und seine Zusammenarbeit mit der LGBTIQ+-Community ausgezeichnet.
Meta sperrt Mister Gay Europe

Pereira kämpft um seine Konten

Meta sperrte sämtliche Konten von Mister Gay Europe Michael Pereira. Trotz Bezahlabo erfährt der Schweizer nicht, warum.