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CSDs erleben Gewaltrekord Immer mehr Angriffe auf Pride-Paraden

Von ms - 26.10.2026 - 12:15 Uhr
CSDs erleben Gewaltrekord
Foto: IMAGO / Helmut Sommer
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Noch nie fanden in Deutschland so viele Christopher Street Days statt wie 2026. Gleichzeitig erreichten Angriffe und Störungen gegen die Veranstaltungen einen neuen Höchststand. Das geht aus dem aktuellen CSD-Monitoring der Amadeu Antonio Stiftung hervor. Demnach wurden bundesweit mindestens 299 CSDs veranstaltet. Bei 156 davon registrierte die Stiftung Angriffe oder Störungen. Damit war mehr als jede zweite Veranstaltung betroffen.

Das Wichtigste im Überblick

  • Rekord bei CSD-Veranstaltungen: 2026 fanden in Deutschland mindestens 299 Christopher Street Days (CSDs) statt – so viele wie nie zuvor.
  • Mehr als jeder zweite CSD betroffen: Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte bei mindestens 156 Veranstaltungen Angriffe oder Störungen.
  • Körperliche Gewalt nimmt zu: Die Zahl erfasster körperlicher Angriffe auf Teilnehmende stieg von vier im Jahr 2025 auf mindestens 19 im Jahr 2026.
  • Weniger organisierte Gegenproteste: Rechtsextreme Gegenkundgebungen gingen von mindestens 43 auf 27 zurück. Gleichzeitig nahmen andere Formen der Einschüchterung und Gewalt zu.
  • Auch Westdeutschland stärker betroffen: Der Anteil gestörter CSDs stieg dort von 38 auf mehr als 47 Prozent. In Ostdeutschland waren es 62 Prozent.
  • Finanzierung zunehmend schwierig: Höhere Sicherheitskosten und wegfallende Fördergelder gefährden nach Angaben der Stiftung insbesondere kleinere CSDs.

Weniger Rechtsextreme, mehr Gewalt

Besonders besorgniserregend ist aus Sicht der Stiftung die Zunahme körperlicher Gewalt. Während 2025 vier körperliche Angriffe auf CSD-Teilnehmer erfasst wurden, waren es 2026 mindestens 19. Die Stiftung warnt davor, dass LGBTIQ+-feindliche Übergriffe zunehmend als alltäglich wahrgenommen würden. Viele Vorfälle fänden in der öffentlichen Berichterstattung kaum Beachtung. Zudem zeigt das Monitoring auch eine gegenläufige Entwicklung: Die Zahl organisierter Gegenproteste rechtsextremer Gruppen ist gesunken. 2025 wurden mindestens 43 Anti-CSD-Proteste gezählt, 2026 waren es noch 27. Auch die Größe dieser Gegenkundgebungen nahm nach Angaben der Stiftung ab. Eine Entwarnung sei das jedoch nicht. Die Gesamtzahl der Angriffe und Störungen sei erneut gestiegen. Zudem gingen Übergriffe zunehmend von Einzelpersonen aus, die keiner angemeldeten Gegenkundgebung angehörten und nicht zwangsläufig dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet werden könnten.

Als Beispiele nennt die Stiftung mehrere Vorfälle: In Kassel rempelte ein Mann Teilnehmer eines CSD an. Eine Person schlug daraufhin mit dem Kopf auf dem Boden auf. In Chemnitz warf eine Person aus einem angrenzenden Wohnhaus Eier auf einen Demonstrationszug. Dabei wurde ein Mensch im Rollstuhl verletzt. In Landshut schlug eine Einzelperson einen Teilnehmer einer CSD-Demonstration. Hinzu kämen Beleidigungen und Anfeindungen durch Passanten. Die Stiftung sieht darin Hinweise auf eine sinkende Hemmschwelle, queerfeindliche Einstellungen öffentlich und gewaltsam auszudrücken.

Rechtsextreme und Islamisten 

Auch rechtsextreme Akteure seien weiterhin eine Bedrohung für CSD-Veranstaltungen. Allerdings würden sie zunehmend weniger organisiert auftreten. Statt angemeldeter Gegenkundgebungen komme es häufiger zu spontanen oder unangemeldeten Aktionen am Rande der Veranstaltungen. Das erschwere die Sicherheitsplanung. Für Organisatoren und Polizei seien solche Situationen schwerer vorherzusehen, zudem müsse auf mögliche Bedrohungen schneller reagiert werden. 

Als besonders schwerwiegendes Beispiel nennt die Stiftung den islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD in diesem Jahr. Die Folgen solcher Taten reichten weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus. Sie könnten Angst und Unsicherheit innerhalb der gesamten queeren Community verstärken. Die Stiftung betont, dass queerfeindliche Gewalt sowohl aus rechtsextremen als auch aus islamistischen Ideologien hervorgehen könne. Beide Strömungen lehnten eine offene und pluralistische Gesellschaft ab und könnten von gesellschaftlicher Polarisierung profitieren. Insbesondere Veranstaltungen und Orte, an denen queeres Leben öffentlich sichtbar werde, seien weiterhin gefährdet.

In der Mitte der Gesellschaft 

Die Amadeu Antonio Stiftung bezeichnet Queerfeindlichkeit dabei als eine sogenannte Brückenideologie. Gemeint ist, dass entsprechende Einstellungen unterschiedliche politische und gesellschaftliche Milieus miteinander verbinden können. Sie verweist dabei auf die Leipziger Autoritarismusstudie von 2024. Demnach spielen antifeministische und insbesondere trans* feindliche Einstellungen eine zentrale Rolle in rechtsextremen Weltbildern. Die Mitte-Studie von 2025 zeige zugleich, dass queerfeindliche Einstellungen nicht ausschließlich am rechten politischen Rand verbreitet seien. Die Zunahme körperlicher Angriffe durch Personen außerhalb organisierter rechtsextremer Gegenproteste wertet die Stiftung als Hinweis auf diese gesellschaftliche Verbreitung. Auch die Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität des Bundeskriminalamtes deuteten auf einen längerfristigen Anstieg queerfeindlicher Hasskriminalität hin. Besonders besorgniserregend sei dabei der hohe Anteil von Gewaltdelikten.

Ostdeutschland stärker betroffen

Regionale Unterschiede bleiben laut Monitoring deutlich erkennbar. In den ostdeutschen Bundesländern wurden 2026 rund 62 Prozent der CSD-Veranstaltungen gestört. Damit liegt der Anteil weiterhin höher als in Westdeutschland. Allerdings hat sich die Lage auch dort verschärft. Während 2025 in Westdeutschland 38 Prozent der CSDs von Angriffen oder Störungen betroffen waren, stieg der Anteil 2026 auf mehr als 47 Prozent. Die Stiftung sieht darin ein bundesweites Problem. Queerfeindliche Anfeindungen und Übergriffe seien längst nicht mehr auf bestimmte Regionen beschränkt. Zugleich kritisiert sie, dass viele Vorfälle nur wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Dadurch bestehe die Gefahr, dass solche Angriffe zunehmend als Normalität hingenommen würden.

Höhere Sicherheitskosten für CSDs

Die verschärfte Sicherheitslage bringt für Veranstalter auch finanzielle Schwierigkeiten mit sich. Insbesondere CSDs, die nicht als politische Versammlungen anerkannt werden, müssen bestimmte Sicherheitskosten selbst tragen. Nach Angaben der Stiftung wurde 2026 in Dresden und Görlitz versucht, CSD-Veranstaltungen diesen Status abzuerkennen. Eine entsprechende Änderung könnte dazu führen, dass Organisatoren unter anderem die Kosten für Sicherheitskräfte selbst übernehmen müssten. Für kleinere CSDs, insbesondere im ländlichen Raum, könnten solche zusätzlichen Ausgaben existenzbedrohend sein. Die Stiftung fordert deshalb, dass sich Sicherheitsbehörden besser auf mögliche Anschläge und andere Bedrohungsszenarien vorbereiten.

Fördergelder fallen weg

Neben steigenden Kosten bereitet den Veranstaltern auch der Rückgang öffentlicher Unterstützung Sorgen. Mehrere CSDs erhielten nach Angaben der Stiftung Fördergelder nicht mehr, mit denen sie in früheren Jahren fest gerechnet hatten. Als Beispiel nennt sie den CSD Rathenow. Dieser werde anders als zuvor nicht mehr über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ finanziell unterstützt. Zur Begründung werde angeführt, das Programm müsse politische Neutralität wahren. Auch dem CSD Lünen seien Fördergelder mit derselben Begründung verweigert worden. Die Amadeu Antonio Stiftung kritisiert diese Argumentation. Sie sieht darin eine problematische Auslegung des staatlichen Neutralitätsgebots, durch die zivilgesellschaftliches Engagement erschwert werde. Die Rekordzahl von mindestens 299 CSDs zeige zugleich, dass sich queere Aktivisten und Veranstalter von Einschüchterungen nicht grundsätzlich abschrecken ließen. Aus Sicht der Stiftung ist diese öffentliche Sichtbarkeit ein wichtiges Gegengewicht zu zunehmenden queerfeindlichen Anfeindungen.

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