Direkt zum Inhalt
Coming-Out im Bundestag
ANZEIGE

Coming-Out im Bundestag Grünen-Politikerin Lührmann setzt Statement gegen Rechts

ms - 12.09.2025 - 09:30 Uhr
Loading audio player...

Die Grünen-Politikerin und Bundestagsabgeordnete Anna Lührmann (42) hat sich jetzt im Interview mit der taz als lesbisch geoutet – ein bewusster Schritt als Statement gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität

Anstieg von Hasskriminalität

Die hessische Politikerin erklärte zu ihrer Motivation: „Eigentlich trenne ich berufliche und private Themen. Meine sexuelle Orientierung ist etwas sehr Persönliches, und meine Beziehung zu meiner Partnerin ist mein privates Glück. Aber ich habe gemerkt, dass sich für mich vieles verändert hat. Früher musste ich mir keine Gedanken machen, ob wir einfach so Händchen haltend durch die Straße laufen können. Heute muss ich das.“ Zudem möchte sie endlich offen auch bei CSDs mitlaufen, am Wochenende findet der Pride in ihrer Heimatstadt Hofheim statt. 

Der Anstieg von Hasskriminalität gegenüber LGBTIQ+-Menschen beschäftigt die Grünen-Politikerin und ehemalige Staatsministerin für Europa besonders: „Es gab einen Moment, als ich vor dem Fernseher saß und Nachrichten über den Anstieg von Straftaten gegen queere Menschen sah. Da wurde mir klar: Damit bin auch ich gemeint. Natürlich war das ein längerer Prozess, aber ich habe verstanden, dass es wichtig ist, in der Politik als queer sichtbar zu sein. Und deswegen sage ich deutlich, ich bin lesbisch und das ist auch gut so!“ 

Lesbische Sichtbarkeit 

Insbesondere ist ihr dabei auch die Sichtbarkeit von lesbischen Frauen wichtig: „Meine Lebenswirklichkeit verändert sich, denn die Bedrohungslage für queere Menschen hat sich spürbar verschärft. Und es gibt inzwischen zwar viele offen lebende queere Personen, aber Sichtbarkeit ist weiterhin ungleich verteilt. In der Öffentlichkeit sehen wir deutlich mehr schwule Männer, sicher auch, weil Männer häufiger in Machtpositionen sind. Deshalb ist es wichtig, mehr für lesbische Sichtbarkeit zu tun.“

Lührmann zog 2002 mit 19 Jahren als jüngste Bundestagsabgeordnete ins Parlament ein und blieb dort vorerst bis 2009. Anschließend arbeitete sie als Juniorprofessorin an der Universität Göteborg sowie als stellvertretende Direktorin des Instituts Varieties of Democracy. Seit 2021 ist sie erneut im Deutschen Bundestag vertreten, in diesem Jahr wurde sie außerdem zur Landesvorsitzenden ihrer Partei in Hessen ernannt. Lührmann hat eine gemeinsame Tochter aus ihrer früheren Ehe mit einem Mann und lebt seit Januar dieses Jahres mit einer Frau zusammen. „Meine Partnerin hat zwei Kinder aus ihrer vorherigen lesbischen Ehe. Es ist viel Liebe in unserer Patchworkfamilie. Auch das gehört für mich zu lesbischer Sicht­barkeit: zu zeigen, dass es ganz unterschiedliche Familien­formen gibt. Aber gerade da gibt es rechtliche Diskriminierungen“, so die 42-Jährige weiter – insbesondere betont sie dabei die noch immer ausstehende Reform des Abstammungsrechts

Statement gegen rechtsextreme Politik 

Ihr Coming-Out will die Politikerin auch als klares Statement gegen Rechts verstanden wissen und erklärte dazu weiter: „Wie viele andere Politikerinnen erlebe ich heftige Angriffe. Gerade Frauen und queere Menschen sollen durch Hassrede mundtot gemacht werden. Aber das darf nicht sein (…) ­Die­ser Bundestag hat so viele offen queere Politiker:innen wie noch nie, aber gleichzeitig auch so viele Rechtsextreme wie noch nie. Wir haben diesen riesigen rechtsex­tre­men Block, der alle erkämpften Rechte wieder wegnehmen will. Teils fallen menschenverachtende Aussagen. Das macht mich wütend und trägt natürlich auch zu diesem Bedrohungsgefühl bei. Für viele ist das im Alltag vielleicht nicht sichtbar, aber ich sehe hier im Bundestag jeden Tag, wessen Geistes Kind diese Leute sind. Ihre Verachtung gegenüber allen Menschen, die anders als sie denken und sind – insbesondere queere Personen. Aber sie bekommen weder meinen Hass noch meine Angst. Im Gegenteil, es motiviert mich, jetzt erst recht laut und sichtbar zu sein.“ Mehrere Kollegen der Grünen gratulierten Lührmann inzwischen zu ihrem Coming-Out. 

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Razzien lösen Proteste aus

EU kritisiert Stigmatisierung

Nach Razzien gegen LGBTIQ+-Aktivisten und erneuten Festnahmen in der Türkei wächst die internationale Kritik an der Regierungspolitik.
Massenfestnahmen in Istanbul

Protest gegen LGBTIQ+-Razzien

Bei einem LGBTIQ+-Protest in Istanbul gegen die Razzien bei queeren Vereinen vom letzten Wochenende wurden jetzt mindestens 150 Menschen festgenommen.
Überfall nach Online-Chat

Prozessbeginn in Mainz

Prozess in Mainz: Ein 31-Jähriger Syrier wirft zwei jüngeren Landsleuten einen homophoben Überfall vor: Sie sollen erklärt haben, er müsse sterben.
Prozess in Oberbayern

Vorwürfe gegen trans* Polizistin

Im oberbayerischen Traunstein steht eine suspendierte trans* Polizistin wegen schwerer Sexual- und Pornografiedelikte vor Gericht.
Härtere Regeln nach Anschlag

Zehn-Punkte-Plan der Regierung

Nach dem CSD-Anschlag in Berlin plant die Bundesregierung jetzt schärfere Strafen und zusätzliche Befugnisse für Sicherheitsbehörden.
Bekennervideo CSD Anschlag

Ermittler finden neue Hinweise

Neue Ermittler-Hinweise: Ein Bekennervideo des Berliner CSD-Attentäters Abdul Ballout soll bei einer britischen IS-Anhängerin in Syrien gelandet sein.
Joe Locke in heikler Rolle

Trailer sorgt für großes Rätsel

Aufregung um Joe Lockes umstrittenen Film „Black Church Bay“ – darin wird die intime Beziehung zwischen einem Schüler und seinem Lehrer erzählt.
Freizügige Bilder im Wahlkampf

US-Kandidat wird zum Internet-Hit

Alte sexy BDSM-Fotos von Demokrat Chris Gallant sorgen im US-Wahlkampf derzeit für viel Aufsehen – und überwiegend für positive Reaktionen.