Aus Scham wird Stärke Tarot für mehr Selbstverständnis
Es gibt viele Wege, sich selbst zu finden. Vixen Maheu fand sich in Hotelzimmern, Badehäusern, bei Grindr-Treffen und schließlich durch Tarotkarten. Der ehemalige Gay-Escort hat inzwischen eine Community mit mehr als 100.000 Followern rund um Tarot, Astrologie und sogenannte „Shadow Work“ aufgebaut. Aus einigen der schmerzhaftesten Kapiteln seines Lebens ist eine Plattform entstanden, auf der queere Menschen über Scham, Begehren, Beziehungen und Heilung sprechen können.
Das Wichtigste im Überblick
- Vixen Maheu war früher als Gay-Escort tätig und fand über Tarot, Astrologie und „Shadow Work“ einen neuen Zugang zu sich selbst.
- Inzwischen hat er eine Online-Community mit mehr als 100.000 Followern aufgebaut.
- Sein Roman „Rent Boy“ beschäftigt sich mit Missbrauch, Manipulation, queerer Gewalt und Verlassenwerden.
- „Shadow Work“ versteht Maheu als schonungslose Auseinandersetzung mit Ängsten, Scham, Verhaltensmustern und alten Wunden.
- Seine Erfahrungen aus der Escortzeit möchte er heute nutzen, um queeren und homosexuellen Menschen einen Raum für Gespräche über Scham, Begehren, Beziehungen und Heilung zu geben.
- Seine zentrale Botschaft: Auch die eigenen Schattenseiten können Teil eines persönlichen Entwicklungsprozesses sein.
Vom Escort zum Tarot-Coach
Der Weg dorthin ist ungewöhnlich. Doch die Verbindung zwischen den einzelnen Stationen seines Lebens ist nach Maheus eigener Einschätzung erstaunlich einfach: Intimität. „Escortarbeit, Tarot, Astrologie, Schreiben … sie alle beschäftigen sich mit Intimität, Performance, Scham, Begehren und Wahrheit. Sie betreten den Raum nur durch unterschiedliche Türen.“ Diese Sichtweise hilft, Maheus Weg von der Escortarbeit über seinen Roman „Rent Boy“ bis zu eigenen Tarotdecks und einer Online-Gemeinschaft mit mehr als 100.000 Menschen zu verstehen. Und ja: Maheu sagt, dass er bereits während seiner Tätigkeit als Escort Tarot nutzte. Allerdings nicht unbedingt so, wie man es erwarten würde.
Tarot und Astrologie seien für Maheu schon immer Möglichkeiten gewesen, Menschen besser zu verstehen. Während seiner Escortzeit wurden sie zu Werkzeugen, mit denen er genauer zuhören und herausfinden konnte, wonach seine Kunden tatsächlich suchten. Denn häufig sei es nicht nur um Sex gegangen. „Sie wollten sich verstanden fühlen. Sie wollten begehrt werden, ohne sich erklären zu müssen.“ Besonders deutlich habe er das bei Kunden erlebt, die nicht offen schwul lebten und häufig eine komplizierte Mischung aus Begehren und Scham mitbrachten.
Eine neue Art von Intimität
Maheu erinnert sich an ein wiederkehrendes Muster: Die Menschen wollten etwas, fanden aber nach Jahren der Angst vor ihren eigenen Wünschen kaum Worte dafür. Manchmal habe Tarot ihnen diese Worte gegeben. „Nach dem Sex konnten wir zusammensitzen, Karten ziehen, und plötzlich gab es eine Möglichkeit, darüber zu sprechen, was sie fühlten, ohne dass sie sich entblößt oder beurteilt fühlten.“ Diese Erfahrungen veränderten sein Verständnis von Intimität.
„Ich erkannte, dass Menschen nicht einfach nur nach Sex, Aufmerksamkeit oder Flucht suchen. Sie sehnen sich nach jemandem, der die gesamte komplizierte Wahrheit über sie sehen kann, ohne davor zurückzuschrecken.“ Für Maheu ging es bei den Karten nicht in erster Linie darum, die Zukunft vorherzusagen. Vielmehr sollten sie helfen, das wahrzunehmen, was bereits geschah. „Ich habe eigentlich nur ihre Gegenwart gelesen. Ihre Wunden, ihre Traumata, die Dinge, die sie fühlten, aber nicht in Worte fassen konnten.“ Tarot wurde für ihn damit weniger zu einer Form der Wahrsagerei als zu einer Form des Zuhörens.
Was bedeutet „Shadow Work“?
Wer Zeit auf TikTok oder Instagram verbringt, ist wahrscheinlich schon auf den Begriff „Shadow Work“ gestoßen. Das Konzept ist zu einem Schlagwort der Wellness-Welt geworden. Maheu beschreibt es jedoch deutlich einfacher. „Für mich ist Shadow Work einfach: Es bedeutet, brutal ehrlich mit den Ängsten, der Scham, den Verhaltensmustern und den alten Wunden zu sein, die dein Leben im Stillen bestimmen.“ Dazu gehört, unangenehme Fragen zu stellen: Warum wiederhole ich bestimmte Verhaltensweisen? Warum will ich etwas immer wieder? Was versuche ich zu beweisen?
Als Beispiel nennt Maheu den scherzhaft verwendeten Begriff „Daddy Issues“. Hinter dem Witz könne sich eine tatsächliche emotionale Verletzung verbergen – etwa ein Mangel an Liebe, Schutz oder Bestätigung. Eine solche Verletzung könne später in Beziehungen mit älteren Partnern, emotional nicht verfügbaren Menschen oder Personen auftauchen, die eine vertraute Form der Anerkennung vermitteln. „Bei Shadow Work geht es nicht darum, perfekt zu werden. Es geht darum, sich selbst so tief zu verstehen, dass die eigenen Wunden nicht mehr das eigene Leben bestimmen.“
Aus Scham wird Stärke
Maheu scheut die Scham nicht, die ihn nach eigenen Angaben einen großen Teil seines Lebens begleitet hat. Er habe ein kompliziertes Verhältnis dazu entwickelt, gesehen zu werden – etwas, das seiner Ansicht nach viele homosexuelle Menschen nachvollziehen können. „Die Menschen sahen mein Äußeres, bevor sie sich dafür interessierten, wer ich war. Aufmerksamkeit fühlte sich machtvoll und zugleich demütigend an. Begehren fühlte sich wie ein Beweis an, selbst wenn es keine Liebe war.“
Diese Erkenntnis sei nicht über Nacht gekommen. Die Escortarbeit habe ihn schließlich dazu gezwungen, sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen. Er traf Männer, die ihre eigene Scham mit sich trugen und nach vielem suchten, wonach auch er suchte: Begehren, Verbindung, Verständnis und Vergebung. „Es hat mich gelehrt, dass Abwehr keine Stärke war. Sie war Trennung. Verletzlichkeit und Verantwortung waren es.“ Diese Veränderung ermöglichte es Maheu schließlich, einen Teil seiner Vergangenheit zurückzugewinnen, den er einst verstecken wollte. Er begann, den Namen Vixen zu verwenden. Er schrieb ein Buch über seine Erfahrungen und begann anschließend, seine Erkenntnisse mit einem immer größeren Online-Publikum zu teilen. „Meine größte Unsicherheit war tatsächlich meine größte Stärke.“
Rent Boy als Wendepunkt
Maheus Roman Rent Boy führt in eine besonders schmerzhafte Phase seines Lebens. Das Buch beschäftigt sich mit Missbrauch, Manipulation, Gewalt und Verlassenwerden. Das Schreiben habe von ihm verlangt, schonungslos ehrlich darüber zu sein, wer er damals war – einschließlich der Art und Weise, wie er sich manchmal selbst bei seinem Heilungsprozess im Weg stand. „Am Anfang hasst du mich gewissermaßen. Und genau darum geht es.“ Er habe keine makellose Version seiner selbst für die Leser erschaffen wollen. Stattdessen sollten sie einen Menschen sehen, der sich mit den Teilen seiner Persönlichkeit auseinandersetzt, die sich verändern mussten.
„Für mich war es eine Phönix-Geschichte. Tod, Wiedergeburt, Neuerfindung.“ Die Metapher passt zugleich zu der Tarotkarte, die er mit dem Buch verbindet: dem Tod. Die Zeit als Escort ordnet er der Karte „Der Mond“ zu. Sie steht für ein verborgenes Leben und die Intuition, die er entwickelte, während er sich durch Räume bewegte, in denen die Dinge nicht immer so waren, wie sie erschienen. Sein Leben als Kreativer wird durch „Der Magier“ symbolisiert. „Ich habe alles, was ich erlebt hatte – die Scham, das Begehren, das Trauma, die Intuition – genommen und daraus Kunst, ein Unternehmen und eine Gemeinschaft gemacht.“
Besondere Verbindung zur Community
Maheu hat diese Geschichte inzwischen weit über Rent Boy hinaus entwickelt. Zu seiner Arbeit gehören Tarotdecks, Inhalte zu Astrologie und „Shadow Work“ sowie die TV-Sendung Destiny Decoded bei Spark. Hinzu kommen Podcast-Auftritte und eine Präsenz in sozialen Netzwerken mit mehr als 100.000 Followern. Besonders häufig kehrt Maheu zum Thema zurück, gesehen zu werden. Er glaubt, dass dies ein Grund dafür ist, warum seine Geschichte ein homosexuelles Publikum anspricht – auch Menschen, die nie in der Sexarbeit tätig waren.
„Auch wenn sie nie als Escort gearbeitet haben, wissen sie, wie es sich anfühlt, beurteilt, missverstanden oder zum Außenseiter gemacht zu werden.“ Dieses Gefühl des Wiedererkanntwerdens ist zur Grundlage seiner Community geworden. Eine seiner überraschendsten Beobachtungen bei Tarot-Lesungen hat zudem wenig mit Geld, Karriere oder der Zukunft zu tun. Es geht um Liebe. Menschen seien häufig verlegen, wenn es darum gehe, nach ihrem Liebesleben zu fragen. „Jeder will Liebe, aber so viele Menschen haben Angst zuzugeben, wie wichtig sie ihnen wirklich ist.“
In einer Internetkultur, in der Aufrichtigkeit mitunter peinlich wirken kann, möchte Maheu Menschen die Erlaubnis geben, trotzdem darauf zu hoffen. Für Menschen, die Scham mit sich tragen oder sich fragen, ob Heilung möglich ist, hat er eine einfache Botschaft: „Das Licht in deinen Schatten anzunehmen, wird dich befreien.“ Dann fügt er noch einen letzten Ratschlag hinzu: „Manchmal muss man über das Chaos lachen und seinen Griff lockern.“ Wie RuPaul berühmt formulierte: „Wir werden alle nackt geboren, und alles Weitere ist Drag.“ Maheus eigene Version lautet: „Hör auf, deine Schattenseiten wie einen versehentlichen Nippelblitzer zu behandeln. Sie gehören zum Look.“