Das unabhängige, LGBTIQ+-freundliche, ägyptische Nachrichtenportal Mada Masr steht vor der endgültigen Schließung. Die Behörden haben das Genehmigungsverfahren nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen wiederholt genutzt, um die Arbeit des Mediums zu behindern und die unliebsame und kritische Berichterstattung zu verhindern.
Das Wichtigste im Überblick
- Ein Gericht ordnete jetzt die Schließung des unabhängigen Nachrichtenportals Mada Masr an. Wird das Urteil rechtskräftig, drohen die vollständige Schließung und die Beschlagnahme des Unternehmensvermögens.
- Chefredakteurin Lina Attalah ist seit Jahren mit politisch motivierten Strafverfahren konfrontiert. Zuletzt wurde ihr die Verbreitung von „Falschinformationen“ und der Betrieb einer Website ohne Genehmigung vorgeworfen.
- Mada Masr hatte seit 2018 wiederholt eine behördliche Lizenz beantragt. Die Behörden ließen Anträge unbeantwortet oder lehnten sie ohne Begründung ab.
- Das Portal berichtete regelmäßig und ausführlich über die Situation von LGBTIQ+-Menschen in Ägypten, darunter staatliche Repressionen, Festnahmen, strafrechtliche Verfolgung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
- Die Angriffe auf Mada Masr stehen im Zusammenhang mit einem umfassenderen Vorgehen der ägyptischen Behörden gegen unabhängige Medien und kritische Journalisten.
Kampf gegen Windmühlen
Mada Masr bemühte sich seit 2018 mehrfach um eine behördliche Lizenz. Die 2018 und 2020 eingereichten Anträge blieben unbeantwortet. 2022 erfuhr das Nachrichtenportal, dass sein Antrag ohne Angabe von Gründen abgelehnt worden war. Eine anschließende Klage vor Gericht blieb erfolglos. Nachdem der Oberste Rat für Medienregulierung bei einer Anhörung 2023 angeblich fehlende Unterlagen beanstandet hatte, reichte Mada Masr 2026 einen neuen, ergänzten Antrag ein. Eine Antwort erhielt das Portal erneut nicht. Die 44-jährige Lina Attalah ist Mitbegründerin und Chefredakteurin des Nachrichtenportals. Mada Masr veröffentlicht seit Juni 2013 Beiträge auf Arabisch und Englisch und ist international für seine investigative Berichterstattung und redaktionelle Unabhängigkeit anerkannt. Trotz wiederholter Sperrungen der Website, Festnahmen von Mitarbeitern, einer Razzia in den Büroräumen und gerichtlicher Schikanen setzte das Medium seine Arbeit fort. Sollte das Urteil von Ende Oktober nun rechtskräftig werden, würde dies die vollständige Durchsetzung der Schließungsverfügung einschließlich der Beschlagnahme des Unternehmensvermögens bedeuten.
Verfahren gegen Chefredakteurin
In den vergangenen sechs Jahren waren Lina Attalah und ihre Kollegen bei Mada Masr wegen ihrer journalistischen Arbeit mit sechs politisch motivierten Strafverfahren konfrontiert. Zuletzt wurde Attalah im August 2025 von den Behörden zur Vernehmung vorgeladen. Anlass war ein im Juli veröffentlichter Artikel über die sich verschlechternden Haftbedingungen im Badr-3-Gefängnis. Auch damals wurden ihr die Verbreitung von „Falschinformationen“ und der Betrieb einer Website ohne Genehmigung vorgeworfen. Sie kam gegen Kaution wieder frei. Gegen sie und ihre Kollegen bei Mada Masr wird in fünf Fällen ermittelt.
Das Verfahren gegen Attalah und die gerichtliche Anordnung zur Schließung des Portals markieren eine weitere Eskalation im Vorgehen Ägyptens gegen unabhängige Medien. Seit 2016 haben die Behörden Dutzende kritische Journalisten und andere Medienschaffende willkürlich festgenommen und inhaftiert oder wegen vermeintlicher Terrorismusvorwürfe strafrechtlich verfolgt. Sicherheitskräfte durchsuchten die Räumlichkeiten unabhängiger Medien, während die Behörden Hunderte Websites sperrten, darunter auch Mada Masr. Die 2018 verabschiedeten Gesetze zu Medien und Cyberkriminalität weiteten die Befugnisse der Behörden zur Einschränkung des unabhängigen Journalismus und zur Kriminalisierung von Meinungsäußerungen im Internet weiter aus.
Mada Masr und LGBTIQ+
Eine besondere Bedeutung hat Mada Masr auch für die Berichterstattung über die Situation von LGBTIQ+-Menschen in Ägypten. Das Nachrichtenportal veröffentlichte regelmäßig investigative Beiträge, Analysen und persönliche Reportagen über staatliche Verfolgung, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Lebensbedingungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans* und queeren Menschen. Zu den Themen gehörten insbesondere Razzien und Festnahmewellen durch ägyptische Sicherheitsbehörden. Seit Jahresbeginn haben die Angriffe von staatlicher Seite gegen LGBTIQ+-Menschen weiter zugenommen. Mada Masr beleuchtete zudem, wie staatliche Stellen vage formulierte Gesetze gegen sogenannte „Ausschweifung“, die ursprünglich für die Verfolgung von Prostitution gedacht waren, sowie den Vorwurf der „Förderung von Abweichungen“ einsetzen, um homosexuelle und trans* Menschen strafrechtlich zu verfolgen.
Neben der staatlichen Repression widmete sich das Portal den persönlichen Lebensrealitäten von LGBTIQ+-Menschen. Dazu gehörten Essays und Reportagen über gesellschaftliche Ausgrenzung, den Alltag und die Bedrohung durch Erpressungs- und Kriminalitätsbanden, die Dating-Apps nutzen, um schwule Männer ins Visier zu nehmen. Auch die kulturelle Darstellung homosexueller Charaktere in ägyptischen Filmen und Medien sowie die Reaktionen des ägyptischen Medienrats waren Themen der journalistischen Arbeit. Die Berichterstattung machte damit auch Lebenssituationen und Menschenrechtsverletzungen sichtbar, die in Ägypten unter erheblichem staatlichem und gesellschaftlichem Druck stehen.
Angriffe auf Journalisten
Das Vorgehen gegen Mada Masr ist Teil einer Reihe von Angriffen auf unabhängige Journalisten. Das jüngste Verfahren gegen Lina Attalah wurde kurz nach der willkürlichen Festnahme von sechs Journalisten der investigativen Plattform Matsadaash im September 2026 eröffnet. Ihre Inhaftierung löste Solidaritätsproteste aus. Dazu gehörte eine Sitzblockade vor dem ägyptischen Journalistenverband, die Anfang Oktober begann. Kurz darauf wurde die Journalistin Rasha Azab, die sich an der Sitzblockade beteiligt hatte, wegen eines Beitrags in den sozialen Medien verhört. Darin hatte sie das Innenministerium kritisiert. Die Behörden warfen ihr vor, terroristische Handlungen zu fördern. Gegen eine Kaution von 10.000 ägyptischen Pfund (etwa 165 Euro) kam sie wieder frei.
Zweifel an fairenm Verfahren
Auch der Ablauf des Verfahrens gegen Lina Attalah wirft Fragen zur Einhaltung rechtsstaatlicher Standards auf. Der Richter lehnte den Antrag ihrer Rechtsbeistände auf eine Vertagung ab, mit der diese ausreichend Zeit zur Vorbereitung erhalten hätten. Zudem wies er Anträge auf die Einreichung weiterer Unterlagen und die Vorladung von Zeugen zurück. Das überstürzte Gerichtsverfahren und die Verhängung der Höchststrafe verstärken laut Amnesty International die Befürchtung, dass Attalah nach ihrem bevorstehenden Prozess inhaftiert und Mada Masr nach der Berufungsverhandlung endgültig geschlossen werden könnte.
Nach internationalen Menschenrechtsstandards dürfen Behörden Genehmigungsauflagen nicht dazu nutzen, unabhängige Medien zum Schweigen zu bringen oder Journalisten dafür zu bestrafen, dass sie ohne eine Genehmigung arbeiten, die sie wiederholt beantragt haben, betont der Verein weiter. Die Zwangsschließung eines Medienunternehmens stelle eine außerordentlich schwerwiegende Einschränkung der Meinungsfreiheit dar. Lina Attalah wurde in den letzten Jahren mit dem Press Freedom Award und dem Deutsch-Französischen Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Gewürdigt wurden ihr persönlicher Einsatz für unabhängigen, kritischen und gründlich recherchierten Journalismus sowie ihr Engagement für Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit in Ägypten.