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Mittelalter: Nonnen schrieben sich erotische Liebesbriefe

Kloster als queerer Schutzraum Mittelalter: Nonnen schrieben sich erotische Liebesbriefe

kw - 04.06.2026 - 12:30 Uhr
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Im deutschen Mittelalter schrieben Nonnen erotische Liebesbriefe aneinander – und belegen damit, dass lesbische Intimität und queeres Begehren hinter Klostermauern kein modernes Phänomen sind. Besonders die so genannten Tegernseer Liebesbriefe aus dem 12. Jahrhundert liefern bislang kaum bekannte Einblicke in das Leben und die Leidenschaft geistlicher Frauen. Warum das heute noch bewegt: Diese Dokumente widerlegen das verbreitete Bild von asketischer Enthaltsamkeit, das europäische Klosterkultur jahrhundertelang prägte.

 

Das Wichtigste im Überblick

  • Im 12. Jahrhundert verfassten bayerische Nonnen erotische Briefe voller Sehnsucht und körperlicher Detailfreude.
  • Die berühmten Tegernseer Briefe stammen aus einem Kloster in Bayern und enthalten explizite lesbische Liebesbekenntnisse.
  • Auch die Mystikerin Hildegard von Bingen schrieb emotional aufgeladene Briefe an ihre Mitschwester Richardis.

 

Explizite Worte im Kloster

Im Jahr 2026 sorgen Übersetzungen der mittelalterlichen Tegernseer Briefe unter Historikerinnen udn Historikern für Aufsehen: Darin berichten Nonnen davon, wie sie einander küssten und mit „zärtlichen Worten“ ihre „kleinen Brüste liebkosten“. Solche Formulierungen zeigen, mit welcher Offenheit beiderseitige Begierde in weiblichen Ordensgemeinschaften besprochen wurde. In einer Zeit, in der Frauen häufig gegen ihren Willen verheiratet wurden, bot das Kloster Schutzraum, Selbstbestimmung und Zugang zu Bildung – und ermöglichte intellektuelle, aber auch erotische Beziehungen unter Frauen.

 

Historische Fälle queerer Spiritualität

Nicht nur in Bayern, auch andernorts belegen Dokumente die emotionale Intensität und den Mut, mit dem Ordensfrauen ihre Gefühle auslebten. Die berühmte Benediktinerin Hildegard von Bingen (1098–1179) schrieb ihrer engsten Gefährtin Richardis eindringliche Briefe, weil diese in ein anderes Kloster versetzt wurde:

„Warum hast du mich wie eine Waise verlassen? Ich habe dich so geliebt...“

Im 17. Jahrhundert griff die mexikanische Dichterin und Nonne Sor Juana Inés de la Cruz ähnliche Motive auf: In Versen an die Gräfin Maria Luisa Manrique spricht sie von Anziehung „magnet zu magnet“ und gibt ihre Liebe offen preis. Ihre Gedichte gelten als Höhepunkt der sapphischen Klosterliteratur.

 

Die Rolle der Klöster als Schutzräume

Klöster galten für viele Frauen als Refugium vor gesellschaftlichen und familiären Zwängen. Der Alltag war geprägt von Gemeinschaft, Gebet und Literatur, abseits männlicher Zugriffsmacht. Dass Nonnen ausgerechnet hier Möglichkeiten für intime Freundschaften und erotische Kommunikation fanden, wird von der modernen Forschung zunehmend anerkannt. Die expliziten Passagen in den Tegernseer Briefen geben Anlass dazu, mittelalterliche Spiritualität nicht länger als sexuell enthaltsam, sondern als vielschichtig zu begreifen.

 

Wichtige Fragen zum Thema

Was sind die Tegernseer Liebesbriefe?
Die Tegernseer Briefe sind auf Latein verfasste Liebesbotschaften zwischen Nonnen in einem bayerischen Kloster des 12. Jahrhunderts.

Wie reagierte die Kirche auf solche Beziehungen?
Zeitgenössische Quellen zeigen keine einheitliche kirchliche Reaktion, doch gleichgeschlechtliche Liebe wurde meist als Sünde behandelt.

Sind weitere Beispiele queerer Nonnenbeziehungen bekannt?
Neben den Tegernseer Briefen bezeugen etwa Briefe von Hildegard von Bingen und Sor Juana Inés de la Cruz die emotionale und teils erotische Nähe zwischen Ordensfrauen.

 

Neue Sicht auf alte Texte

Die Entdeckung und sorgfältige Edition solcher Briefe stellt Forscherinnen und Forscher vor Herausforderungen, verändert aber das Bild der mittelalterlichen Klosterkultur nachhaltig. Die nächste Generation queerer Geschichtsschreibung entdeckt nun jene Stimmen, die lange verdrängt wurden – und beleuchtet, wie nonkonforme Liebe schon im Mittelalter Widerstand und Sehnsucht verband. Welche weiteren Zeugnisse bisher übersehen wurden, gilt es in Archiven erst noch zu finden.

 

Bild zeigt Barbara Sukowa in dem Film "Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen".

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