Blick in New Yorks Queer-Szene „Lesbian Love“: Verlorenes Werk von Eve Adams wiederentdeckt
Im Jahr 1999 entdeckte die Amerikanerin Nina Alvarez in Albany ein handgefertigtes Buch mit dem Titel „Lesbian Love“ von Evelyn Adams – ein Fund, der sich als das letzte bekannte Exemplar eines nahezu verlorenen Werks der Queer-Geschichte erwies. Die Entdeckung dieses Buches führte auf die Spur von Eve Adams, einer aus Polen stammenden jüdischen lesbischen Aktivistin, deren Engagement in der Subkultur von New York der 1920er-Jahre und ihre spätere Deportation durch die US-Behörden ein erschütterndes Licht auf den Umgang mit queerer Existenz wirft.
Das Wichtigste im Überblick
- 1925 eröffnete Eve Adams in New York mit „Eve’s Hangout“ einen der ersten bekannten queeren Treffpunkte.
- Sie veröffentlichte im gleichen Jahr das Buch „Lesbian Love“, das heute nur noch in diesem einen Exemplar existiert.
- 1927 wurde Adams wegen angeblicher Obszönität deportiert und starb 1943 in Auschwitz.
- Das Buch blieb über 70 Jahre verschwunden, bevor es zufällig in den USA wieder auftauchte.
Seltene Literatur als politisches Risiko
Die Bedeutung von Adams’ Werk erschließt sich erst vor vollumfänglichem historischen Hintergrund: In den 1920er-Jahren galten homosexuelle Beziehungen als strafbar, lesbische Identitäten wurden in der öffentlichen Berichterstattung vielfach ausgeblendet oder skandalisiert. Mit dem von ihr selbst verlegten Buch dokumentierte Adams intime Erfahrungen und queeres Leben jenseits heteronormativer Erzählungen. Die gezielte Weitergabe der Publikation „nur an Freundinnen und Freunde“ zeugt von der prekären Existenzgrundlage für solche Zeugnisse: Bereits ein einziger Fehltritt führte zur Überwachung, Razzien und strafrechtlichen Verfolgung. Als eine als Gast getarnte Polizistin 1926 gezielt Kontakt zu Adams suchte, wurde die Autorin prompt festgenommen und das Buch als obszön bewertet – ein klassischer Fall von behördlicher Entrapment-Taktik.
Vertreibung und Vernichtung als westliches Narrativ
Die Deportation von Eve Adams 1927 gilt aus heutiger Sicht als doppelte Niederlage: Zum einen wurde damit ein queerer Freiraum in New York brutal zerstört, zum anderen nahmen US-Behörden in Kauf, dass sie eine als Jüdin und Lesbe gleich mehrfach gefährdete Person nach Europa abschoben. Adams’ weiteres Leben führte sie nach Paris, wo sie 1943 gemeinsam mit ihrer Partnerin Hella Olstein in ein Internierungslager und anschließend nach Auschwitz deportiert wurde – beide überlebten nicht. Die US-Justiz setzte durch die Verweisung ins Ausland die Existenz einer queeren Pionierin aufs Spiel, deren Handlungsspielraum durch antisemitische und homophobe Strukturen in beiden Kontinenten eingeschränkt war.
„Ich habe ein Buch namens ‘Lesbian Love’ geschrieben, basierend auf wahren Fakten und lebenden Personen. Es gibt kein einziges vulgäres Wort in dem ganzen Buch“, verteidigte sich Eve Adams im Abschiebeverfahren.
Medienkritik: Archivierung und das verdrängte Gedächtnis
Der jahrzehntelange Verlust und die späte Wiederentdeckung von „Lesbian Love“ verdeutlichen das strukturell marginalisierte Verhältnis der Öffentlichkeit zu queerer Zeitgeschichte. Weder akademische Sammlungen noch große Bibliotheken hielten das Werk dauerhaft verfügbar – ein Exemplar verschwand etwa aus der renommierten Sterling Library der Yale University. Die Medienbranche reagierte über viele Jahre kaum auf solche Verluste, erst neuere Graswurzel-Projekte wie Podcasts oder Touren zu queeren Orten bemühen sich, diese Erinnerungen zugänglich zu machen. Der Fall „Lesbian Love“ zeigt, wie fragil queere Erinnerungskultur bleibt, solange sie nicht aktiv ins kollektive Gedächtnis geholt wird und wie leicht sie behördlicher und gesellschaftlicher Willkür zum Opfer fällt.
Offene Fragen nach 100 Jahren
Auch heute bleiben elementare Fragen offen: Warum werden bestimmte queere Zeugnisse erst durch Zufälligkeiten oder private Initiative wiederentdeckt? Wie kann das kulturelle Erbe marginalisierter Gruppen langfristig gesichert und sichtbar gemacht werden – jenseits von Sensationsberichterstattung oder Jubiläen? Fest steht: Die Geschichte von Eve Adams und ihrem „Lesbian Love“ zwingt Medien und Gesellschaft gleichermaßen, ihre Verantwortung im Umgang mit queerer Überlieferung zu reflektieren und aktiv für Sichtbarkeit zu sorgen.