Martin vor Deutschland-Show Rückblick auf Karriere, Coming-Out und neue Projekte
Die Vorfreude auf seine Rückkehr nach Deutschland ist Ricky Martin (54) deutlich anzumerken. Nach Konzerten in zahlreichen Teilen der Welt steht nun Europa auf dem Tourplan des puerto-ricanischen Superstars. Kommende Woche gastiert er auch in Deutschland.
Das Wichtigste im Überblick
- Ricky Martin tritt am 27. Juni in Oberhausen auf – sein einziges Deutschland-Konzert der aktuellen Tournee.
- Der Sänger sieht seine Shows als Gegenpol zu Krisen und Kriegen in der Welt.
- Fans dürfen sich auf Welthits wie „Livin' la Vida Loca“, „She Bangs“ und „Maria“ freuen.
- Der 54-Jährige arbeitet derzeit an seinem ersten Studioalbum seit elf Jahren.
- Martin blickt auf mehr als drei Jahrzehnte Solokarriere und eine frühe Laufbahn im Showgeschäft zurück.
- Sein öffentliches Coming-Out im Jahr 2010 bezeichnet er rückblickend als befreiende Erfahrung.
- Neben der Musik widmet sich Martin zunehmend auch der Schauspielerei.
Ein Abend als Auszeit vom Alltag
„Es wird verrückt werden“, sagt der Sänger im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Mit dieser Tour war ich bereits fast auf der ganzen Welt – in Lateinamerika, Australien, im Nahen Osten sowie in den USA und Kanada. Aber Europa darf natürlich nicht fehlen.“ Seinen einzigen Auftritt in Deutschland im Rahmen der aktuellen Tour gibt Martin am 27. Juni in der Arena Oberhausen. In einer von Krisen geprägten Zeit betrachtet der Musiker seine Konzerte bewusst als Ort der Unbeschwertheit. „Wir leben in einer Zeit voller Kriege. Aber wer möchte ständig daran denken?“, sagt der 54-Jährige, der per Zoom aus seinem Haus in Los Angeles zugeschaltet ist. „Bei meinen Konzerten fühlen sich die Leute wie im Urlaub.“
Zum Programm gehören selbstverständlich seine größten Erfolge. Fans können sich unter anderem auf „Livin' la Vida Loca“, „She Bangs“ und „Maria“ freuen. Besonders „Maria“ wurde zu einem Meilenstein seiner Karriere. In Deutschland erreichte der Song 1997 Platz drei der Charts, nachdem er in vielen anderen Ländern bereits große Erfolge gefeiert hatte. Ein Jahr später folgte mit „La Copa de la Vida“ zur Fußball-Weltmeisterschaft der nächste internationale Hit. Zugleich begann Martin verstärkt, auch auf Englisch zu singen.
Stolz auf den Erfolg
Mit großer Freude beobachtet der Sänger die heutige Dominanz lateinamerikanischer Musik auf dem internationalen Markt. Künstlerinnen und Künstler wie Shakira, Bad Bunny oder Karol G hätten dazu beigetragen, spanischsprachige Musik weltweit im Mainstream zu etablieren. „Ich liebe es!“, sagt Martin. Während er einst Latin-Elemente in den Pop integrierte, seien heute vollständig spanischsprachige Produktionen weltweit erfolgreich. „Wir zeigen der Welt die Musik, die man hört, wenn man durch die Straßen Puerto Ricos geht oder in die Clubs. Ich finde das einfach wunderbar.“
Dass „Maria“ überhaupt veröffentlicht wurde, war keineswegs selbstverständlich. Nach seinen Erinnerungen begegnete die Plattenfirma dem Stilwechsel zunächst mit Skepsis. „Ein Produzent sagte zu mir: ´Ricky, das ist das Ende deiner Karriere.´“ Bis dahin war Martin vor allem für romantische Balladen bekannt gewesen. Der Wechsel zu tanzbaren Pop- und Latin-Rhythmen wurde ihm nicht zugetraut. „Ich habe ihnen das Gegenteil bewiesen.“
Künstlerische Freiheit
Der Musiker arbeitet derzeit an seinem ersten Album seit elf Jahren. Dabei verfolgt er weiterhin den Anspruch, sich künstlerisch nicht einengen zu lassen. „Das Publikum muss spüren, dass man authentisch und offen ist - ohne Einschränkungen. Genau das hat die Menschen erreicht“, sagt er. „Ich wollte tanzen. Ich wollte nicht einfach nur als Schmusesänger am Mikrofon stehen.“ Tanzen spielt für Martin bis heute eine zentrale Rolle. Dabei gehe es weniger um Perfektion als um das Gefühl von Freiheit. „Es ist egal, ob du Rhythmus hast oder nicht – beweg dich einfach“, sagt er lachend. „Wen interessiert schon, was andere denken? Fühl dich einfach mal für zwei Stunden frei. Darum geht es bei meinen Konzerten. Mehr brauche ich nicht. Ich liebe das Tanzen.“
Auch körperlich fühlt sich der Sänger in Bestform. Mit kurz geschnittenen Haaren, Vollbart und durchtrainierter Erscheinung wirkt Martin deutlich jünger als seine 54 Jahre. „Ich bin gesund und fühle mich stark“, sagt er. Regelmäßiges Training und Dehnübungen gehörten fest zu seinem Alltag. „Ich mache Dehnübungen und gehe ständig ins Fitnessstudio. Deshalb ist die Energie, die du heute auf meinen Konzerten spürst, dieselbe wie vor 10 oder 15 Jahren.“
Musik und Schauspielerei
Seine Solokarriere begann vor rund 35 Jahren. Erste Erfahrungen im Rampenlicht sammelte Martin jedoch schon als Kind. Er wirkte in Werbespots mit und wurde im Alter von zwölf Jahren Mitglied der erfolgreichen Boygroup Menudo, die mit Liedern wie „Hold Me“ bekannt wurde. Anschließend spielte er eine Hauptrolle in der mexikanischen Fernsehserie „Alcanzar una Estrella II“ und etablierte sich früh als Star im lateinamerikanischen Raum.
In den vergangenen Jahren hat die Schauspielerei wieder einen größeren Stellenwert in seinem Leben eingenommen. „Ich bin ein Geschichtenerzähler“, erklärt Martin. „Wenn ich singe, erzähle ich eine Geschichte. Und auch als Schauspieler erzähle ich Geschichten. Deshalb fasziniert mich die Schauspielerei.“ Zuletzt war er gemeinsam mit Kristen Wiig und Laura Dern in der Serie „Palm Royale“ zu sehen. Darin verkörpert er den schwulen Barkeeper Robert im Jahr 1969. Die Figur lebt in einer Zeit, in der Homosexualität gesellschaftlich tabuisiert ist, und muss ihre Beziehung zu einem Polizisten geheim halten.
Rückblick auf das Coming-Out
Ein prägender Moment seines Lebens war das öffentliche Coming-Out im Jahr 2010. Damals hätten ihm zahlreiche Menschen davon abgeraten. „Viele Leute haben mir gesagt, es wäre das Schlimmste, was ich tun könnte“, erinnert sich Martin. Für ihn kam ein Versteckspiel jedoch nicht mehr infrage. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Vater von Zwillingen. „Warum sollte ich meine Gefühle verstecken?“ Sorgen gab es damals auch im privaten Umfeld. Einige befürchteten, dass er dadurch einen großen Teil seiner weiblichen Fangemeinde verlieren könnte. Doch Martin blieb seiner Überzeugung treu.
„Damals ging es um meine Bedürfnisse als Künstler, nun war es Zeit, sich um meine Bedürfnisse als Mann zu kümmern“, sagt er. „Außerdem hatte ich Kinder. Sollte ich denen etwa beibringen zu lügen?“ Die negativen Prognosen erfüllten sich nicht. Heute blickt der vierfache Vater mit großer Zufriedenheit auf diesen Schritt zurück. „Ich wünschte, ich könnte mich noch einmal outen, weil es sich einfach großartig angefühlt hat. Es war wunderschön.“ Mit 54 Jahren sieht sich Ricky Martin sowohl als Künstler als auch als Mensch weitgehend im Reinen mit sich selbst. „Wir Künstler sind dermaßen unsicher. Ein bisschen geht es mir noch immer so. Aber ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe“, sagt er. Sein Fazit fällt entsprechend positiv aus: „Das Leben war bisher einfach wundervoll.“