Gefahren beim Selfplay Leidenschaft, Lust - und ein Aufenthalt in der Klinik?
Der deutsche Mann legt im Durchschnitt zwischen drei und achtmal die Woche Hand an sich – je nach Umfrage. Das bereitet nicht nur Freude, sondern ist auch gesund und beugt zum Beispiel Prostatakrebs vor. Allerdings: Mitunter kann das sogenannte Selfplay auch gefährlich werden, beispielsweise bei der Atemkontrolle, bestimmten Toys im Analbereich oder bei Elektroplay. Worauf dabei gesondert zu achten ist, wollte SCHWULISSIMO von Murat Ürün vom Beratungsfachverein Sidekicks Berlin wissen.
Welche Sicherheitsvorkehrungen hältst Du im Bereich Solo-Analsex für wichtig?
Der Analbereich kann in manchen Situationen echt tricky sein, insbesondere wenn jemand neu damit experimentiert oder unterschiedliche Toys ausprobiert. Auch Dinge, die auf den ersten Blick harmlos wirken, können Reizungen oder Risse verursachen, weil die Schleimhaut dort sehr fein und sensibel ist. Bei größeren Toys oder beim Fisting steigt dieses Risiko, weil mehr Druck entsteht und der Körper darauf unterschiedlich reagieren kann. Bei Toys im Analbereich kann es außerdem passieren, dass etwas verrutscht, zu hart ist oder ganz stecken bleibt. Dadurch kann es zu ernsthaften, lebensgefährlichen inneren Verletzungen kommen. Hilfreich ist, wenn Toys einen integrierten Stopper haben, gut verarbeitet sind und ausschließlich im Fachhandel gekauft werden. Mit einer Beratung im Fachhandel lassen sich auch Materialien und Größen auswählen, die besser zur eigenen Körperstruktur passen. Niemals selbst gebastelte, zweckentfremdete Gegenstände verwenden! Ein hochwertiges, hautfreundliches Gleitgel aus dem Fachhandel, kann das Eindringen erleichtern und die Schleimhaut schützen. Wichtig ist auch die Hygiene: Toys immer vor und nach jeder Benutzung gründlich reinigen. Treten Schmerzen oder Blutungen auf oder bleibt etwas stecken und kommt nicht mehr heraus, ist es wichtig, sofort ärztliche Hilfe zu holen und in die Notaufnahme zu gehen.
Lass uns noch gesondert kurz auf Poppers blicken, mitunter eine der beliebtesten Drogen beim Sex, die viele schwule Männer oftmals gar nicht als „richtige Droge“ ansehen und gerne auch alleine verwenden. Welche Erfahrungen im Bereich Poppers habt ihr hier gemacht?
Was wir in der Vorortarbeit öfter mitbekommen, ist, dass vielen nicht bewusst ist, dass Poppers sehr stark auf den Kreislauf wirkt. Poppers erweitert die Gefäße, der Blutdruck kann sehr schnell stark abfallen. Poppers niemals mit Potenzmitteln wie Viagra, Cialis, Levitra oder anderen PDE5-Hemmern kombinieren. Die Kombination von Poppers mit Potenzmitteln ist lebensgefährlich. Haut- und Schleimhautkontakt unbedingt vermeiden. Poppers niemals trinken. Es besteht Lebensgefahr! In so einem Fall sofort den Notruf 112 wählen. Poppers nicht alleine konsumieren, da immer unerwartete Nebenwirkungen auftreten können. Und immer Freund:innen informieren, was konsumiert wurde. Mischkonsum und Überdosierung mit Poppers können lebensgefährlich sein. Die hier genannten Punkte sind nicht vollständig; es gibt noch ausführlichere und sehr wichtige Informationen zu Risiken, Mischkonsum und Überdosierung von Poppers. Daher bitte ich ausdrücklich, die Hinweise auf unserer Webseite zu lesen. Allgemein gelten die Safer-Use-Empfehlungen, die wir auf unserer Webseite zusammengestellt haben, ebenso wie die Infos im Chemsex-Bereich.
Euer Team und viele ehrenamtliche Helfer sind auf Partys und in Clubs und bei Events oft vor Ort – auch bei Cruising Areas. Was sind hier die wichtigsten Themen?
In unserer Vorortarbeit stehen Safer Use und Safer Sex gleichermaßen im Mittelpunkt. Viele Menschen möchten wissen, wie sie beim Konsum gut auf sich achten können, auch unsere Safer-Use-Materialien werden sehr häufig genutzt. Dazu gehören Sniffing Packs, Slamming Packs, Dosierhilfen, leere Kapseln sowie auch unsere Substanz-Info-Flyer. Drugchecking wird ebenfalls oft angesprochen. Ebenso gefragt sind Safer Sex-Materialien wie Peniskondome, Innenkondome, Lecktücher sowie Informationen zu PrEP und anderen Schutzmöglichkeiten. Dazu kommen oft Fragen zu Impfungen wie Hepatitis A/B oder MPX und zu HIV- und STI-Testangeboten. Je nach Party oder Veranstaltung verschieben sich die Schwerpunkte ein bisschen, aber insgesamt merken wir: Die Nachfrage nach klaren, unkomplizierten Infos und passenden Materialien ist immer da.
Das Thema Verletzungen beim Selfplay ist eines, das bis heute in der Community vielerorts besonders schambehaftet und tabuisiert ist. Ab und an hört man nur hinter vorgehaltener Hand, wenn irgendwem etwas passiert ist. Wie können wir das Thema deiner Meinung nach aus der Schamecke herausholen und sachlich und offen darüber reden?
Was wir aus der Vorortarbeit kennen, ist, dass Scham oft genau dann entsteht, wenn Menschen das Gefühl haben, mit ihren Erfahrungen allein zu sein. Selfplay und mögliche Verletzungen sind Themen, über die viele ungern sprechen, obwohl solche Situationen einfach vorkommen können. Wenn etwas nicht offen kommuniziert wird, wird es schwieriger, sich gut zu informieren oder im Notfall Hilfe zu holen. Wichtig ist auch der Blick auf medizinisches Personal. Dort gibt es zumindest in Berlin meiner Meinung nach viel Erfahrung und einen professionellen Umgang mit Selfplay-Verletzungen. Vielen ist das nicht bewusst. Wenn klarer wird, dass medizinisch Tätige solche Situationen sachlich behandeln, kann das Hemmungen auf jeden Fall abbauen. Offener Austausch innerhalb der Community kann ebenfalls helfen. Wenn zum Beispiel in der Vorortarbeit solche Themen neutral angesprochen werden, entsteht Raum, Fragen zu stellen und Unsicherheiten mitzuteilen. Das macht es leichter, sich Wissen anzueignen und frühzeitig zu reagieren, falls etwas passiert. Deine Frage ist ein guter Impuls, auch für uns in der Vorortarbeit. Sie erinnert daran, Themen wie Selfplay-Verletzungen offen anzusprechen und niedrigschwellige Informationen bereitzuhalten, damit Menschen sich trauen, Fragen zu stellen und Unterstützung zu holen, wenn etwas passiert.
Als netter Lacher zwischendurch fungieren in den Medien immer wieder Männer, die beispielsweise Dinge rektal eingeführt haben, die dafür nicht bestimmt sind. Was würdest Du hier und generell zudem Betroffenen raten?
Ich würde Betroffenen zuerst sagen, dass sie sich bewusst machen können, dass solche Situationen viel häufiger vorkommen, als man denkt. Es passiert nicht „nur einem selbst“. Medizinisches Personal kennt solche Fälle gut und hat einen professionellen Umgang damit – dort geht es wirklich um Gesundheit, nicht um Bewertung oder Scham. Wenn etwas stecken bleibt, Schmerzen verursacht oder Blutungen auftreten, wäre es sinnvoll, nicht lange abzuwarten. Je früher man sich helfen lässt, desto einfacher ist die Behandlung und desto geringer ist das Risiko, dass sich etwas verschlimmert.
Fetisch und Lust sind generell oftmals noch immer mit einem Tabu besetzt. Wie finden wir vielleicht einen ehrlichen und besseren Umgang mit dem Thema?
Ich finde, wir haben in Berlin wirklich das Glück, dass vieles schon offen gelebt werden kann, sei es auf sexpositiven Partys, in Clubs oder bei Events. Du hast aber recht: Fetisch wird in manchen Bereichen immer noch mit anderen Augen gesehen. Gleichzeitig tut sich gerade richtig viel. Immer mehr Menschen sprechen offen über ihre Interessen, es gibt immer mehr Fachbücher, Workshops, Vereine und Räume, die einen respektvollen und geschützten Rahmen bieten. Auch Consent ist ein Thema in der Fetisch Community. Klare Kommunikation, gegenseitige Absprachen und ein bewusster Umgang schaffen Vertrauen und machen vieles entspannter, egal ob man etwas seit Jahren lebt oder einfach neugierig ist. In der Vorortarbeit habe ich außerdem gemerkt, dass Fetisch absolut generationsübergreifend ist. Viele Best Ager erzählen, dass Fetisch für sie eine Bereicherung ist oder neue sexuelle Möglichkeiten eröffnet, die sie früher vielleicht nicht im Blick hatten. Gerade in Gesprächen merkt man, dass es oft weniger um Leistung oder Erektion geht, sondern mehr um Rollen, Nähe oder bestimmte Dynamiken, die etwas in ihnen ansprechen. Für viele entsteht dadurch ein Raum, der freier wirkt und in dem man Lust anders erleben kann, ohne Erwartungsdruck, sondern mehr über das, was sich stimmig anfühlt. Durch Austausch und offene Gespräche entstehen oft Verbindungen und Themen, die vorher einfach nicht sichtbar waren. Neue Themen können entstehen, das ist erfreulich. Klasse wäre es, dass genau dieser offene Umgang weiterwächst. Lust, Körper und Fetische gehören für viele queere Menschen einfach dazu. Wenn wir offen darüber reden, verlieren die Themen automatisch dieses „Tabu-Gefühl“. Und genau das sehe ich immer öfter, im Community-Alltag genauso wie in der Vorortarbeit.
Murat, vielen Dank dir für das Gespräch.
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