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Schwul und bei der Bundeswehr

Schwul und bei der Bundeswehr Ein Leben jenseits von Klischees und Vorurteilen

ms - 13.03.2026 - 15:00 Uhr
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Christopher Pietsch ist 32 Jahre alt, lebt in Dresden, ist offen schwul und seit 2022 Soldat bei der Deutschen Bundeswehr. Er spricht offen über seine Homosexualität und stellt sich leidenschaftlich den Klischees entgegen, die noch heute über das Heer existieren. Wie die Realität im Dienst für Deutschland aussieht, hat er SCHWULISSIMO exklusiv verraten. 

Christopher, wie bist Du zur Bundeswehr gekommen und was machst Du dort genau?

Ich war vorher im Lebensmitteleinzelhandel tätig gewesen und es gab einen Zeitpunkt X, wo ich für mich gesagt habe, dass ich einen kompletten Tapetenwechsel brauche und da ich mich schon immer für die Marine interessiert habe, ist mir die Entscheidung recht einfach gefallen. Was ich mache? Ich bin Obermaat, beim Heer und der Luftwaffe wäre das der Stabsunteroffizier. Was genau ich mache, darf ich nicht sagen, aber ich kann sagen, es macht mir verdammt viel Spaß, und es gibt immer wieder was zu lachen mit den Jungs. Ich habe mich für zwölf Jahre verpflichtet, kann mir aber sehr gut vorstellen, mich weiter zu verpflichten, weil ich meinen Beruf nicht nur als Beruf ansehe, sondern als Berufung. 

Hattest Du denn zuvor aufgrund deiner Homosexualität Bedenken, diesen Schritt zu gehen? Es gibt bis heute einige negative Klischees. 

Nein, ich selbst nicht. Es waren eher meine Eltern, speziell meine Mutter gewesen, die sich anfangs große Sorgen gemacht hat. Ja, die Klischees sind mir bekannt, die ich jedoch, seitdem ich bei der Bundeswehr tätig bin, nicht bestätigen kann.

Wie sieht denn die Realität aus? Du gehst ja innerhalb deines Geschwaders sehr offen mit deiner Homosexualität um. 

Nun, dazu muss man wissen, dass es in der Bundeswehr einen Grundsatz gibt, der da lautet: „Sei ein Kamerad!“. Der Soldat ist allein schon per Gesetz dazu verpflichtet, sich kameradschaftlich zu verhalten, §12 Soldatengesetz. Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass dieser Grundsatz nicht nur eine ewigwährende Floskel ist, sondern wirklich auch tagtäglich gelebt wird. Ein Kamerad zu sein heißt mehr als nur ein Soldat zu sein. Es ist der bedingungslose Respekt für sein Gegenüber, sprich, zu seinen Kameraden. Das heißt auch, dass man, ohne mit der Wimper zu zucken, für seinen Kameraden da ist. Es spielt im Übrigen auch überhaupt keine Rolle, welches Geschlecht jemand hat. Es ist auch vollkommen egal „wen man liebt“. Entscheidend ist nur eines: Bist du ein Kamerad oder bist Du keiner! Ich persönlich kann sagen, dass ich bislang noch nie negative Erfahrungen gemacht habe. Egal, ob in der Stammeinheit oder auf Lehrgängen in den unterschiedlichsten Kasernen, ich mache keinen Hehl daraus, dass ich auf Männer stehe. Und es mag so manch einen vielleicht verwundern, aber es wird stets mit einem Schulterzucken kommentiert.

Warum hält sich deiner Meinung nach mancherorts noch immer diese Klischee von einer Bundeswehr als Hort der Homophobie? Und was können wir dagegen tun?

In der Regel ist es doch so, dass es meist diejenigen sind, die solche Klischees verbreiten, die selbst nie einen Fuß in eine Kaserne gesetzt haben. Die nehmen sich das Recht heraus, aus eigener Arroganz über etwas zu urteilen, wovon sie absolut keine Ahnung haben. Und wir wissen ja alle wie es ist: Schlechte PR verbreitet sich schneller als positive PR. Ich bin es ehrlich gesagt leid, dass sich dieses Klischee immer noch so hartnäckig hält. Man tut der Bundeswehr damit verdammt viel Unrecht. Mein Appell wäre: Glaubt nicht solche Framings, sondern macht euch ein eigenes Bild. Sprecht die Soldaten selbst darauf an. Die Jungs und Mädels beißen nicht. Oder noch besser: Kommt selbst zur Bundeswehr, dann seht ihr hautnah, dass die Bundeswehr deutlich besser ist als ihr Ruf.

Was war für dich bis heute dein schönstes Erlebnis bei der Bundeswehr?

Ach Gott, da gibt es etliche Momente, die ich nicht vergessen kann. Aber für mich persönlich war ein spezieller Lehrgang von sehr großer Bedeutung. Das war der „Trainer Militärische Fitness“-Lehrgang. Man muss sich den als eine Art Sport-Lehrgang vorstellen, wo aber von einem alles abverlangt wird. Die Durchfallquote ist bei dem Lehrgang besonders hoch, da viele die Anforderungen unterschätzen. Ich bin ehrlich: Es gab da Momente, wo ich innerlich gekotzt habe, aber ich habe mich durchgebissen und am Ende habe ich den Lehrgang erfolgreich beendet.

Du wirst immer wieder auch dazu aufgefordert, anderen Kameraden bei ihren Coming-Outs zu helfen. Wie ist es dazu gekommen? 

Ich habe bei mir in der Stammeinheit bei vielen den Ruf der „Mutti“ weg, weil jeder hier weiß, dass man zu mir kommen kann, wenn irgendwo der Schuh drückt und in der Regel findet man auch immer eine Lösung, auch wenn es hin und wieder nötig ist, Umwege zu gehen. Und ja, es gab schon auf Lehrgängen die Situationen, wo mich Kameraden zur Seite genommen haben und mir offenbart haben, dass sie auch homosexuell sind, aber noch nicht die Kraft gefunden haben, sich zu outen. Nach längeren Gesprächen haben diese aber letztlich den Schritt gemacht und danken mir bis heute, dass ich ihnen den Arschtritt gegeben habe.

Erzähle uns bitte ein wenig mehr über deinen Umgang mit anderen Kameraden. Du hast in den sozialen Medien geschrieben, dass es inzwischen Kameraden gibt, die versuchen, dich mit anderen schwulen Soldaten zu verkuppeln.

Wie mein Umgang mit meinen Kameraden ist? Normal würde ich sagen. Ich habe halt mein Herz auf der Zunge und sage meinem Gegenüber, wenn mir etwas nicht passt. Gleichzeitig biete ich aber auch jedem ein Gespräch an, wenn der- oder diejenige reden möchte. Und das wird bis dato sehr oft von vielen in Anspruch genommen. Manchmal sag ich schon scherzhaft, dass ich der Kummerkasten des Geschwaders bin, aber ganz ehrlich, mich stört das nicht. Ich sehe es eher von dem Aspekt: Lieber erzählt man es mir und dann schaut man, ob man eine Lösung dafür findet, bevor man Probleme in sich hineinfrisst. Und ja, es gab schon öfters mal die Versuche, mich mit anderen Kameraden zu verkuppeln, besonders, seitdem ich mich von meinem Partner nach 15 Jahren Beziehung getrennt habe, kommen meine Jungs häufiger auf mich zu und wollen mir jemanden vorstellen. Ich finde das echt süß und dafür liebe ich meine Jungs auch. Allein daran sieht man, dass das Thema Homosexualität echt keine Rolle mehr spielt.

Würdest Du dir denn einen Kameraden als Freund wünschen? Oder sollte dein künftiger Partner lieber einen anderen Job haben?

Ach, das ist mir sowas von egal, was mein nächster Partner für einen Beruf ausübt, Hauptsache, er ist glücklich damit. Wenn es dazu kommen sollte, dass ich mal mit einem Kameraden zusammenkomme, dann ist das eben so. Genauso entspannt sehe ich das, wenn ich mit einem Zivilisten zusammenkommen würde.

Gibt es denn auf der Stube noch ab und an homophobe Witze? 

Jetzt müsste man erstmal klären, was man unter homophoben Witzen versteht. Sicherlich gab es schon den einen oder anderen Schwulenwitz, aber der kam meist auch von mir selbst. Ich glaube, wir täten alle gut daran, uns selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Man darf und muss auch mal über sich selbst lachen können.

Kommen wir zu einem letzten Klischee, dass sich unter Schwulen durchaus hält: Die Annahme, dass es unter Kameraden in der Stube auch zu sexuellen Abenteuern kommen kann. 

Wenn sich zwei Menschen verstehen und die Chemie passt, dann passieren halt Sachen, die auch jenseits der militärischen Mauern in der zivilen Welt gang und gebe sind.

Warum gibt es auch innerhalb der queeren Community noch immer mancherorts Vorurteile in puncto Bundeswehr? 

Das liegt meiner Meinung daran, weil sich die LGBTIQ+-Community zu oft von Leuten aus bestimmten politischen Milieus einlullen lässt. Es wäre förderlich, wenn die Community mal über den Tellerrand hinausschaut und selbst Toleranz gegenüber anderen zeigt. Man kann nicht nur ständig gebetsmühlenartig Toleranz einfordern, man muss es auch selbst leben. Das heißt im Klartext: Die Toleranz fängt bei einem selbst an.

Du betonst auch sehr deutlich, dass Du der Bundesrepublik Deutschland „treu und gewissenhaft“ dienst. Welche Werte sind dir als schwuler junger Mann wichtig? 

 Meine persönlichen Werte, an die ich fest glaube, mache ich nicht von meiner Sexualität abhängig. Ich weiß, es gibt innerhalb der Community nicht gerade wenige, die ihre Sexualität zu ihrem Lebensmittelpunkt machen und das auch jedem auf die Nase binden müssen. Das ist aus meiner Sicht der falsche Weg, denn seien wir mal ehrlich: Toleranz erreicht man nicht durch Penetranz. Darüber sollte so manch einer mal nachdenken. Ich persönlich halte es für wichtig, jeden nach seiner Façon zu respektieren. Ich muss es ja nicht toll finden, aber ich erwarte Respekt von meinem Gegenüber, also kann ich das auch von mir erwarten. Daher ist es mir persönlich vollkommen egal, was er glaubt, welche Moralvorstellungen er hat oder wie seine politische Gesinnung ist. 

Die Bundesregierung hat eine deutliche Stärkung der Bundeswehr beschlossen, sowohl finanziell wie auch materiell und personell. Wie stellst Du dir die Zukunft der Deutschen Bundeswehr vor? 

Ich persönlich hoffe, dass nun endlich Taten folgen. Bislang kamen meist nur schöne Reden, aber das war es auch schon. Bei der jetzigen Koalition habe ich aber gute Hoffnungen, denn sowohl der Bundeskanzler als auch der Verteidigungsminister sind Menschen, denen wirklich sehr viel am Wohl der Truppe liegt. Das merkt man, sobald man sich mit denen mal unterhält. Vieles geht bereits in die richtige Richtung. Jetzt heißt es, am Ball bleiben und die Kritik mit erhobenen Hauptes durchstehen. Aber da muss ich mir bei den beiden keine Sorgen machen. Beide leben ihre Überzeugungen und das ist großartig.

Dein finales Fazit: Warum ist die Bundeswehr gerade auch etwas für schwule Männer?

Weil es einfach ein Ort ist, wo man sich keine Platte darüber machen muss, ob mein Gegenüber mich so wie ich bin akzeptiert. Wichtig ist nur eines: Bist du ein Kamerad oder bist du keiner.

Christopher, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute dir!

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