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Johannes Kram // © vvg

Im Interview Johannes Kram

vvg - 04.08.2019 - 07:00 Uhr

Johannes Kram (Jahrgang 1967) ist ein deutscher Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege. Erste mediale Schlagzeilen machte er mit einer hochgelobten Marketingstrategie für Guildo Horns ESC-Auftritt 1998. Derzeit ist er deutschlandweit mit seinem aktuellen Buch auf Lesetour und wird durch seinen Nollendorfblog als aktiver Kämpfer für Menschenrechte wahrgenommen.

Herzlichen Glückwunsch zur Verleihung der Auszeichnung „Kompassnadel“ Anfang Juli in Köln; inzwischen gibst du wie die "Kompassnadel" eine Richtung vor. Woher rührt dein Engagement für Gerechtigkeit?
Na, es gibt ja gottseidank viele Richtungen in der Community, die sich alle ergänzen und unterstützen sollten. Mir ist es wichtig, klarzumachen, dass Homophobie immer noch ein großes Problem ist, auch wenn sie heute nicht mehr so offen formuliert wird. Nur ein Drittel aller LGBTI*-Beschäftigten sind out im Job, Jugendlichen fällt Coming-out immer noch schwer. Man sagt, man hat nichts gegen uns, aber in der Realität will man doch oft, dass wir jenseits der CSDs den Mund halten. Man sagt, wir sollen uns nicht so wichtig nehmen. In Wahrheit will man, dass wir nicht sichtbar so sind. Aber das müssen wir, weil wir sonst nicht frei und wir selbst sein können und ständig unter Druck stehen. Studien zeigen: Das macht krank und mindert unsere Chancen in der Schule, im Alltag und im Beruf. Verstecken darf keine Option sein und trotzdem erlebe ich auf meiner Lesereise durch Deutschland dauernd Menschen, die zwar offen in der Szene unterwegs sind, sich aber in Schule und Beruf verstellen. Das macht mich wirklich traurig und ich versuche mit meinem Engegement meinen Teil dazu beizutragen, das sich das ändert.

2018 hast du bereits den Tolerantia Award in Paris erhalten und warst mit deinem Nollendorfblog für den Grimme Online Award nominiert. Was bedeuten dir solche Auszeichnungen?
Als ich den Tolerantia Award bekommen sollte, wusste ich zunächst nicht, wie ich damit umgehen sollte, weil es so viele Leute gibt, die tolle Arbeit machen und diese Ehrung verdienen und dann war mir das auch etwas peinlich. Aber der Journalist Martin Reichert, der in der Jury zum Tolerantia Award ist, hat mir gesagt, ich soll das als Ermutigung verstehen. Und das ist es ja auch. Es ist ja nicht immer so lustig, sich im Blog mit Politikern oder Medienleuten anzulegen, und manchmal denkt man schon: Warum tu ich mir das an? Und dann helfen solche Preise, weil es für unsere Gegner nicht mehr so einfach ist, mich als kompletten Idioten darzustellen, sondern deutlich ist, dass es Menschen gibt, die meine Arbeit unterstützen. Über die Kompassnadel habe ich mich natürlich besonders gefreut. Ich finde, die Verleihung ist eine der besten queeren Veranstaltungen in Deutschland und ich hätte nie gedacht, dass ich da einmal selbst eine Rolle spielen würde.

Du warst der Manager von Guildo Horn in seiner erfolgreichen Zeit als er beim Grand Prix in Birmingham „alle lieb hatte". Wann und warum hast du festgestellt, dass du nicht mehr alle lieb hast?
Die Frage klingt jetzt so, als ob ich ein verbissener, humorloser Typ bin, aber ich denke, das ist nicht so. Ich formuliere meine Kritik manchmal sehr hart, aber ich mache das ja nicht, um Recht zu haben, sondern um etwas zu verändern und da braucht es klare Worte. Ich denke, dass das so vor ca. zehn Jahren angefangen hat, dieses: „Das wird man doch noch mal sagen dürfen“, als eigentlich liberale Leute wie der Zeit-Journalist Harald Martenstein anfingen, nicht die Diskriminierer zu kritisieren, sondern die Diskriminierten. Seitdem gilt es als mutig, auf Minderheiten einzudreschen. Die Grenzen des Sagbaren verschoben sich.

Wie kam es 2009 zum ersten Nollendorfblog und wie erklärst du dir den Erfolg und die enorme Resonanz?
Im Nollendorfkiez in Berlin, also eigentlich in einem Herzen unserer Community, hatte der Chef eines Eiscafés ein lesbisches Pärchen attackiert, weil die sich vor dem Laden geküsst hatten, vielleicht hatten sie sich auch nur umarmt, da gibt es verschiedene Erzählungen zu. Auf jeden Fall wurde der Eismann aggressiv gegen sie und meinte „Ich hab ja nichts gegen Euch, aber bitte nicht vor den Kindern.“ Das war der Startschuss für meinen Blog, weil ich dachte: Wenn das schon hier bei uns im Homo-Viertel so losgeht mit diesem „Ich hab ja nichts gegen Euch, aber“, dann ist das ein Symptom dafür, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat. Ich habe versucht, die „neue Homophobie“ zu beschreiben, die diffuser ist und uns nicht mehr offen angreift, sondern eine Homosexuellenfeindlichkeit ist, die auf ihre Homosexuellenfreudlichkeit beharrt. Das mache ich bis heute. Warum es so erfolgreich ist? Keine Ahnung, vielleicht liegt es auch an der Unabhängigkeit. Bei mir gibt es keine Werbung, ich muss nichts schreiben, wenn mir nichts einfällt und habe dadurch den Luxus, mich nur zu Wort melden zu können, wenn ich das Gefühl habe, zu einem Thema etwas beisteuern zu können, was so noch nicht anderswo gestanden hat.

Du bist Mitinitiator des Waldschlösschen-Appells. Was verbirgt sich dahinter und wo kann man die Petition unterstützen?
Viele Medien, darunter übrigens besonders oft der WDR, produzieren schlimmen, homophoben Mist und sagen anschließend etwas verkürzt: Wir sind doch nicht homophob, also kann der gesendete Beitrag auch nicht homophob sein. Es war somit schwer, über Homophobie zu sprechen und darüber, und was man in den Medien dagegen tun kann. Also haben wir mit dem Waldschlösschen Appell klare Definitionen formuliert, um sagen zu können: Da habt Ihr eine Grenze überschritten, da seid Ihr aus diesem oder jenem Grund zu weit gegangen.

Bitte alle unterschreiben unter: der-appell.de

Dein Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber… : Die schrecklich nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ hat große mediale Aufmerksamkeit erreicht - auch durch Dieter Nuhr und Jürgen von der Lippe. Wie das denn?
Der SPIEGEL hatte anlässlich meiner Buchveröffentlichung groß über meine Homophobievorwürfe gegenüber Dieter Nuhr, Jürgen von der Lippe, Bully Herbig und andere berichtet. Dieter Nuhr ist tatsächlich der Meinung, seine homophoben Witze können gar nicht homophob sein, weil er ja etwa für die Ehe für alle ist. Es ist nicht die AfD, sondern es sind die vermeintlich netten, harmlosen Leute, die Homophobie in der Mitte der Gesellschaft salonfähig machen. Hinter ihnen kann man sich leicht verstecken und hinter Dieter Nuhr besonders gut, weil er ja eine Kabarettsendung in der ARD hat und man denkt: Dann kann das schon nicht so schlimm sein. Doch, kann es, und bei Nuhr ist es das auch.

„Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen erreicht.“ Du stammst aus Trier, ebenso wie der Autor dieses Satzes. Was verbindet euch?
Oh ja, Karl Marx. Wir sind beide in Trier geboren und waren sogar auf dem gleichen Gymnasium. Ich habe letztes Jahr zum 200. Geburtstag „Marx! Love! Revolution!“ ein mobiles „Theaterstück zum Mitgehen“ geschrieben, das den jungen Karl durch die Straßen der Innenstadt auf seinem letzten Schulweg begleitet. Läuft übrigens immer noch jeden Samstag.


Inwiefern machst du dir den Inhalt des Zitats zu eigen?
Man kann nur bedingt die Kämpfe von damals mit den unsrigen heute vergleichen. Aber ich denke schon, dass auch unsere Bewegung mehr Radikalität braucht. Und wie Marx müssen wir uns die Verhältnisse anschauen, also die gesellschaftlichen Strukturen, wenn wir etwas verändern wollen. Wir leben in einer strukturell homophoben Gesellschaft, es steckt uns in den Knochen. Es reicht nicht, nicht homophob sein zu wollen.

In deinem Blog bist du oft wütend, was bringt dich darüber hinaus zur Weissglut?
Meistens meine eigene Dummheit. Wenn ich zum Beispiel die EC-Karte irgendwo stecken lasse.

Wann hast du zum letzten Mal geweint?
Bei 50 Jahre Stonewall in New York gab es viele Momente, da war ich kurz davor.

Du hast lange in Köln gelebt, heute lebst du in Berlin. Gibt es Unterschiede in den beiden Communities?
Ich glaube, in Berlin sind die Debatten politischer, grundsätzlicher und auch teilweise aggressiver. Hier treffen mehr Gegensätze hart aufeinander. Dafür haben die Kölner ein tolles Händchen, auch politisch Kompliziertes so rüberzubringen, dass jeder weiß, worum es geht. Köln war für mich als junger Schwuler ein sicherer Hafen, die Community saugt einen auf, gibt einem ein gutes Gefühl, stellt das Verbindende heraus, das gefällt mir. Das war für mich damals sehr wichtig und ich denke, das ist auch heute noch für viele junge Leute so.

Wie stellst du dir dein Leben in 30 Jahren vor?
Gar nicht. Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, was nächstes Jahr ist. Ich arbeite ja frei und da kann immer viel passieren. Ich hoffe, dass ich in 30 Jahren noch weiterhin kreativ arbeiten kann.

Wie ist deine Prognose für die Zukunft der queeren Szene?
Puh, ich fürchte, das würde dieses Interview sprengen. Aber klar ist: Wir müssen und werden diverser werden, dürfen und können uns nicht auf dem ausruhen, was wir erreicht haben. Menschen werden immer andere Menschen abwerten und queere Menschen werden dabei immer ganz oben auf der Liste stehen. Die Bedrohung wird immer bleiben und deswegen wird es immer eine wachsame Community geben müssen, die weiterkämpft.

Was möchtest du den Lesern des Interviews noch mitgeben?
Lasst uns die Community nicht kaputtreden! Es gibt notwendige Konflikte, die wir aushalten müssen, aber es ist wichtig, solidarisch zu sein, und besonders die zu unterstützen, die nicht so sichtbar sind und unter Beschuss stehen. Beispielsweise, dass wir uns gemeinsam gegen den neuen Entwurf zum Transsexuellengesetz stemmen, weil es übergriffig und erniedrigend ist. Es muss klar sein: Wer eine Gruppe von uns angreift, greift uns alle an. Stonewall hat gezeigt: Nur gemeinsam können wir etwas erreichen, Solidarität funktioniert.

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