Direkt zum Inhalt

Homo-Ehe in Indien? Machtkampf zwischen Menschenrechten und Religion

Von ms - 18.04.2023 - 12:00 Uhr
Homo-Ehe in Indien?
Foto: iStock / lakshmiprasad S
ANZEIGE
Loading audio player...

Heute starteten sehr besondere Anhörungen am Obersten Gerichtshof in Indien – die gesamte Gay-Community und Aktivisten weltweit erwarten mit Spannung das Urteil, das in die Geschichte des Landes eingehen könnte. Es geht um die Frage, ob das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe einführen wird. In den Morgenstunden wurden heute mehre Dutzend Petitionen von Gay-Aktivisten beim höchsten Gericht des Landes eingebracht – sie sind Teil einer Sammelklage, die für die gleichgeschlechtliche Ehe und für die rechtliche Gleichstellung von LGBTI*-Personen eintritt. Die Anhörungen werden „im öffentlichen Interesse“ live gestreamt.

Breite Front gegen die Homo-Ehe

Die indische Regierung unter dem hindu-nationalistischen Premierminister Narendra Modi ist nach wie vor strikt und vehement gegen die Homo-Ehe, sie sei ein „urbanes, elitäres Konzept“, das religiöse und soziale Werte untergraben würde. Auch 21 pensionierte Richter des Obersten Gerichtshofs hatten zuvor erklärt, dass die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe „verheerende Auswirkungen auf Kinder, Familie und Gesellschaft“ haben und zudem die HIV-Inzidenz im Land erhöhen würde. In einem seltenen Akt der Einigkeit sprachen sich auch die großen indischen Religionen – Hindus, Muslime, Jainas, Sikhs und Christen – ebenfalls gegen die Homo-Ehe aus.

Akzeptanz in der Gesellschaft wächst

Gay-Aktivisten blicken trotzdem voller Hoffnung zum Obersten Gerichtshof. Zum einen haben die Richter dort bereits 2018 die Rechte von Homosexuellen gestärkt, als sie ein Gesetz aus der Kolonialzeit aufhoben, das Homosexualität bis dahin kriminalisiert hatte. Zum anderen findet auch innerhalb der Gesellschaft allmählich ein Wandel statt, zuletzt sprachen sich im Jahr 2020 (Pew-Umfrage) insgesamt immerhin 37 Prozent der Inder für die Akzeptanz von Homosexualität aus, im Jahr 2014 waren es nur 15 Prozent gewesen.

Die Indische Psychiatrische Gesellschaft (IPS) versicherte zudem einmal mehr, dass Homosexualität keine Krankheit sei. Auch der Oberste Richter Dy Chandrachud bezeichnete die Angelegenheit als „zukunftsträchtig“ und als eine Frage von „grundlegender Bedeutung“, weswegen er ein fünfköpfiges Gremium aus Verfassungsrichtern dafür einsetzte. Eine Entscheidung wird in den kommenden zwei Wochen erwartet.  

Weitreichende Konsequenzen sind möglich

Wenn Indien die gleichgeschlechtliche Ehe tatsächlich legalisiert, wäre es nach Taiwan erst das zweite Land in Asien und weltweit das 35. Land, welches diesen Schritt geht. Davon betroffen wären allein in Indien nach Schätzungen rund einhundert Millionen Schwule, Lesben und Bisexuelle. Dabei hätte ein positives Urteil noch viel weitreichendere Konsequenzen und könnte auch einen gesellschaftlichen Wandel weiter vorantreiben. Viele andere Gesetze, wie zum Beispiel das Adoptions-, Scheidungs- und Erbschaftsrecht, müssten dann ebenfalls in Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Paaren neu ausgestaltet werden.

Gleichstellung aller Menschen im Fokus

Rohin Batt, einer der klagenden Anwälte, erklärte gegenüber dem britischen Guardian, der Fall habe auch Auswirkungen auf die verfassungsmäßige Gleichstellung aller Menschen und das Recht, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Kaste zu heiraten, wen man will; ein wichtiger Aspekt in einer Zeit, in der interreligiöse und kastenübergreifende Ehen vom rechten Hindu-Flügel angegriffen werden. Die Gegenargumente der Regierung bezeichnete er als „entmenschlichend und entmündigend“, sie würden der Homophobie im Land Vorschub leisten und versuchen, das Land von den demokratischen Werten der Verfassung wegzuführen: „Es geht um die Grundrechte der Bürger. Was wir als queere Menschen in diesem Land fordern, ist lediglich, dass die Rechte, die für heterosexuelle Paare bestehen, auf uns ausgeweitet werden, nicht mehr und nicht weniger.“

Das Thema Homosexualität bleibt wohl vorerst trotz der ersten Besserungen weitestgehend nach wie vor ein Tabu in der indischen Gesellschaft, die Mehrzahl der Homosexuellen outet sich bis heute aus Angst vor Anfeindung nicht.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

WDRFast ausgestorben: Schwule Pinguine werden ElternDER STANDARDVerhetzungsprozess um "Dachau" und "Mauthausen" gegen lautstarken UneinsichtigenDie Presse„Vor Scham im Boden versinken“: Audi-Chef Döllner erntet harsche Kritik für Auftritt bei Trump-WahlkampfSüddeutsche ZeitungNews-Überblick: Das sind die Nachrichten des TagesAlle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Welche Rolle sollten politische Forderungen auf CSDs spielen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Viel Stoff, bequemer Halt

Schwule Jungs, lockere Hosen

Zum Tag der Boxershorts wird es luftig: Warum schwule Männer auf lockeren und besonders elastischen Stoff stehen und weshalb das mehr Erotik bedeutet.
Wünsche der Glee-Fans

Viel Liebe und neue Songs

Das „Glee“-Reboot sorgt für Vorfreude: Fans wünschen sich Hits von Chappell Roan, Troye Sivan und Sabrina Carpenter – samt chaotischer Geschichten.
Grusel trifft Glamour

Halloween wird schwul

Von Madonna bis „Heated Rivalry“: Diese Halloween-Kostüme bringen schwulen Glamour, viel nackte Haut und reichlich Selbstironie auf die Party.
Eine Frage der Größe

Doku sorgt für Debatten

Die Dokumentation „Manhood“ zeigt Männer, die für einen größeren Penis viel Geld ausgeben und sorgt damit aktuell für viele Debatten.
Abschied von Walter Koenig

Trauer um Star-Trek-Legende

Der „Star Trek“-Schauspieler Walter Koenig ist mit 90 Jahren gestorben. Für die Community bleibt seine Freundschaft mit George Takei in Erinnerung.
LGBTIQ+-Kino erobert Rom

Community-Filme feiern Erfolge

Das Filmfestival in Rom feiert einen starken Jahrgang des LGBTIQ+-Kinos. Gleich mehrere LGBTIQ-Filme sorgen international für Aufmerksamkeit.
Pflastersteine als Protest

25.000 Dollar für den Pride

Aus einem entfernten Regenbogen-Zebrastreifen in Miami Beach wird ein Zeichen des Widerstands: Eine Dragqueen sammelte damit Geld für Pride-Feste.
Mika Brunold auf Erfolgskurs

Coming-Out beflügelt Tennisprofi

Der Schweizer Tennisprofi Mika Brunold feiert mit 22 Jahren seinen Durchbruch. Sein Coming-Out hat ihm geholfen, selbstbewusster zu spielen.
Tom DeSimone ist tot

Schwuler Filmpionier gestorben

Der US-Regisseur Tom DeSimone ist mit 87 Jahren gestorben. Er prägte den schwulen Pornofilm und machte später mit Horror- und Kultfilmen Karriere.