Homo-Ehe in Indien? Machtkampf zwischen Menschenrechten und Religion
Heute starteten sehr besondere Anhörungen am Obersten Gerichtshof in Indien – die gesamte Gay-Community und Aktivisten weltweit erwarten mit Spannung das Urteil, das in die Geschichte des Landes eingehen könnte. Es geht um die Frage, ob das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe einführen wird. In den Morgenstunden wurden heute mehre Dutzend Petitionen von Gay-Aktivisten beim höchsten Gericht des Landes eingebracht – sie sind Teil einer Sammelklage, die für die gleichgeschlechtliche Ehe und für die rechtliche Gleichstellung von LGBTI*-Personen eintritt. Die Anhörungen werden „im öffentlichen Interesse“ live gestreamt.
Breite Front gegen die Homo-Ehe
Die indische Regierung unter dem hindu-nationalistischen Premierminister Narendra Modi ist nach wie vor strikt und vehement gegen die Homo-Ehe, sie sei ein „urbanes, elitäres Konzept“, das religiöse und soziale Werte untergraben würde. Auch 21 pensionierte Richter des Obersten Gerichtshofs hatten zuvor erklärt, dass die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe „verheerende Auswirkungen auf Kinder, Familie und Gesellschaft“ haben und zudem die HIV-Inzidenz im Land erhöhen würde. In einem seltenen Akt der Einigkeit sprachen sich auch die großen indischen Religionen – Hindus, Muslime, Jainas, Sikhs und Christen – ebenfalls gegen die Homo-Ehe aus.
Akzeptanz in der Gesellschaft wächst
Gay-Aktivisten blicken trotzdem voller Hoffnung zum Obersten Gerichtshof. Zum einen haben die Richter dort bereits 2018 die Rechte von Homosexuellen gestärkt, als sie ein Gesetz aus der Kolonialzeit aufhoben, das Homosexualität bis dahin kriminalisiert hatte. Zum anderen findet auch innerhalb der Gesellschaft allmählich ein Wandel statt, zuletzt sprachen sich im Jahr 2020 (Pew-Umfrage) insgesamt immerhin 37 Prozent der Inder für die Akzeptanz von Homosexualität aus, im Jahr 2014 waren es nur 15 Prozent gewesen.
Die Indische Psychiatrische Gesellschaft (IPS) versicherte zudem einmal mehr, dass Homosexualität keine Krankheit sei. Auch der Oberste Richter Dy Chandrachud bezeichnete die Angelegenheit als „zukunftsträchtig“ und als eine Frage von „grundlegender Bedeutung“, weswegen er ein fünfköpfiges Gremium aus Verfassungsrichtern dafür einsetzte. Eine Entscheidung wird in den kommenden zwei Wochen erwartet.
Weitreichende Konsequenzen sind möglich
Wenn Indien die gleichgeschlechtliche Ehe tatsächlich legalisiert, wäre es nach Taiwan erst das zweite Land in Asien und weltweit das 35. Land, welches diesen Schritt geht. Davon betroffen wären allein in Indien nach Schätzungen rund einhundert Millionen Schwule, Lesben und Bisexuelle. Dabei hätte ein positives Urteil noch viel weitreichendere Konsequenzen und könnte auch einen gesellschaftlichen Wandel weiter vorantreiben. Viele andere Gesetze, wie zum Beispiel das Adoptions-, Scheidungs- und Erbschaftsrecht, müssten dann ebenfalls in Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Paaren neu ausgestaltet werden.
Gleichstellung aller Menschen im Fokus
Rohin Batt, einer der klagenden Anwälte, erklärte gegenüber dem britischen Guardian, der Fall habe auch Auswirkungen auf die verfassungsmäßige Gleichstellung aller Menschen und das Recht, unabhängig von Geschlecht, Religion oder Kaste zu heiraten, wen man will; ein wichtiger Aspekt in einer Zeit, in der interreligiöse und kastenübergreifende Ehen vom rechten Hindu-Flügel angegriffen werden. Die Gegenargumente der Regierung bezeichnete er als „entmenschlichend und entmündigend“, sie würden der Homophobie im Land Vorschub leisten und versuchen, das Land von den demokratischen Werten der Verfassung wegzuführen: „Es geht um die Grundrechte der Bürger. Was wir als queere Menschen in diesem Land fordern, ist lediglich, dass die Rechte, die für heterosexuelle Paare bestehen, auf uns ausgeweitet werden, nicht mehr und nicht weniger.“
Das Thema Homosexualität bleibt wohl vorerst trotz der ersten Besserungen weitestgehend nach wie vor ein Tabu in der indischen Gesellschaft, die Mehrzahl der Homosexuellen outet sich bis heute aus Angst vor Anfeindung nicht.