Die neue Premierministerin! Mit Spannung und Bedenken blickt die LGBTI*-Community nach London
Sie galt bereits in den Umfragen als haushohe Favoritin, nun ist es klar – die bisherige Außenministerin Liz Truss wird die neue Chefin der Konservativen Partei und damit auch die neue Premierministerin Großbritanniens. Die rund 200.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählten die 47-Jährige zur neuen starken Frau in der Downing Street 10. Mit rund 57 Prozent entschieden sich die Torys für Truss, die damit das Erbe des bisherigen Premierministers Boris Johnson antritt. Johnson galt zuletzt auch in der LGBTI*-Community als äußert umstritten, weil er nach einem politischen Schlingerkurs schlussendlich nach vier Jahren Kampf das Verbot von Konversionstherapien einführen wollte – allerdings nur für Schwule, Lesben und Bisexuelle. LGBTI*-Aktivist der ersten Stunde, Peter Tatchell, hatte vorab bereits klargemacht, dass er weder mit Truss noch mit ihrem jetzt unterlegenden Gegenkandidaten, Ex-Finanzminister Rishi Sunak, zufrieden ist – für die queere Community sei es eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera.
Doch ist das wirklich so? Das Wahlverhalten von Truss, die zudem bis zuletzt auch Gleichstellungsbeauftragte war, zeigt sehr klar, dass sich die Britin stets für die Rechte von Schwulen und Lesben ausgesprochen und auch eingesetzt hat. Immer wieder betonte die neue Premierministerin in spe auch, dass ihr die Rechte der Community wichtig sind. Die britische trans-Community sowie gerade auch queere Aktivisten dürften mit Truss nun allerdings einen Dämpfer erfahren, die Politikerin bezog zuletzt mehrfach Stellung zu umstrittenen Themen und gilt als klare Gegnerin der "Identitätspolitik". Sie möchte die “lächerlichen Debatten über Sprache und Pronomen“ beenden, steht klar zur biologischen Zweigeschlechtlichkeit und kritisiert auch gerne den “woken Wahnsinn“. Truss hat deswegen auch als Ministerin die Reform des Geschlechtsanerkennungsgesetzes verhindert, was die trans-Community stark verärgert hatte. Sie will den Begriff "Geschlecht“ als biologisches Geschlecht gesetzlich festhalten und sich für Frauenrechte und Schutzräume stark machen. Gänzlich offen ist aktuell, ob es mit Truss noch ein Verbot von Konversionstherapien geben wird – sie hatte sich in den vergangenen Jahren zwar mehrfach dafür ausgesprochen, aber ähnlich wie ihr Vorgänger Johnson betonte sie zuletzt, dass trans-Menschen allein aus rechtlichen Erwägungen sehr schwer einfach so mit einbezogen werden könnten.
In diese Bewertung dürften auch die jüngsten Entwicklungen um die Tavistock Klinik in London eingeflossen sein – die Fachklinik für trans-Jugendliche erwartet gerade eine Klagewelle von mehr als 1.000 Eltern sowie eine definitive Schließung im Frühjahr 2023, weil die Klinikleitung ohne medizinische Abklärung Medikamente und auch Operationen bei Minderjährigen genehmigt hatte. Jede Kritik oder Rückfrage von Seiten der Eltern oder Mitarbeiter war als transphob eingestuft worden. Würde ein Verbot von Konversionstherapien ohne weitere Reglementierungen trans-Personen inkludieren, befürchten Kritiker, dass eine ärztliche Abklärung bei trans-Jugendlichen damit abermals künftig schwierig werden dürfte.
Für die LGBTI*-Community war der Wahlkampf der letzten Wochen dabei ein sehr zermürbender und auch innerhalb der Szene waren beide Kandidaten höchst umstritten. Der Guardian hatte mit Blick auf die letzten Wochen erklärt: "Die britische Politik war im vergangenen Monat eine Lektion in Folter. Der Wahlkampf hat beide Kandidaten so beschädigt, dass Tory-Mitglieder - und die Bevölkerung im Allgemeinen - offenbar selbst einen diskreditierten Boris Johnson als Premier bevorzugen würden." Diese Stimmung zeichnet sich auch in der LGBTI*-Community hab, die ersten Stimmen wünschen sich bereits einen Boris Johnson zurück, denn mit ihm hätte es, wenn auch in abgespeckter Version, beispielsweise ein Verbot von Konversionstherapien gegeben. Nun blickt die LGBTI*-Community gespannt auf die neue Chefin in der Downing Street.