Pest, Cholera oder LGBTI*-Neubeginn? Was bedeuten die beiden Kandidaten für die LGBTI*-Community?
Gestern Abend einigte sich die Konservative Partei Großbritanniens in ihrer Abstimmung in der Parlamentsfraktion auf zwei Kandidaten für die Nachfolge von Boris Johnson als neuen Premierminister. Im Rennen sind Ex-Finanzminister Rishi Sunak und Außenministerin Liz Truss. Sunak lag bei der parteiinternen Abstimmung mit 137 Stimmen vorne, gefolgt von Truss mit 113 Stimmen. Die Mitglieder der Torys werden dann Anfang September in einer Wahl darüber entscheiden, wer am Ende in die Downing Street 10 einziehen wird. Für die britische LGBTI*-Community stellt sich nach dem Rücktritt des oft umstrittenen Boris Johnson nun die Frage: Pest, Cholera oder doch Neubeginn?
Gerade in puncto Konversionstherapie dürfte die britische trans-Community mit beiden Kandidaten einen Dämpfer erfahren. Johnson selbst hatte im Frühjahr erst erklärt, ein Verbot von Konversionstherapien einführen zu wollen, allerdings nur für Schwule, Lesben und Bisexuelle. Bei trans-Personen bedürfe es zuvor noch diverser rechtlicher Abklärungen, beispielsweise der Frage, ob Ärzte oder Therapeuten dann überhaupt noch die Selbstdiagnose einer Person überprüfen dürften, ohne sich im Sinne eines möglichen Konversionsverbotes strafbar zu machen. Die LGBTI*-Community reagierte verärgert – mit den aktuellen Kandidaten dürfte sich an dieser Ausgangslage wenig ändern, für Schwule und Lesben hingegen könnten sowohl Sunak wie auch Truss ein Zugewinn sein.
Der Kandidat Rishi Sunak
Der 42-jährige ehemalige Finanzminister Rishi Sunak vertritt seit 2015 seinen Wahlkreis Richmond (Yorks) im britischen Unterhaus, zuletzt war er gute zwei Jahre Finanzminister, bevor er im Juli 2022 als Protest gegenüber Johnsons Führungsstil sein Amt niederlegte. Er gilt als Perfektionist und will ein Manifest für Frauenrechte erstellen. Mehrfach betonte er, dass er trans-Personen respektiere, sagte aber auch, dass er ein Verfechter der biologischen Zweigeschlechtlichkeit ist. Ein britischer Insider im Unterhaus erklärte, dass Sunak den “jüngsten Trends zur Auslöschung von Frauen durch die Verwendung einer plumpen, geschlechtsneutralen Sprache kritisch gegenüberstehe" und dass Sunak als möglicher neuer Premierminister nicht unterstützen werde, dass “die Sprache des Geschlechts in der Gesetzgebung oder im öffentlichen Sektor ausgehöhlt wird." Sunak setzt sich dafür ein, eine Mutter auch als Mutter zu bezeichnen und nicht als “stillende Person“. Auch will Sunak weiter vorantreiben, dass trans-Frauen ganz im Sinne mehrerer internationaler Sportverbände von Sportwettkämpfen für Frauen ausgeschlossen werden. In puncto genereller LGBTI*-Rechte ist Sunak weitestgehend noch ein unbeschriebenes Blatt. Grundsätzlich bekundete Sunak allerdings seine Unterstützung von Homosexuellen und der LGBTI*-Community.
Die Kandidatin Liz Truss
Die 46-jährige Liz Truss ist seit 2010 Abgeordnete im Unterhaus für ihren Wahlbezirk South West Norfolk. Seit 2019 ist sie Ministerin für Frauen und Gleichstellung und seit September 2021 zudem Außenministerin des Vereinigten Königreichs. Truss hatte zu Beginn ihrer Amtszeit als Gleichstellungsministerin erklärt, dass sie entschlossen sei, der Konversionstherapie ein Ende zu machen – geliefert hatte sie seitdem nicht, was ihr viele LGBTI*-Aktivisten negativ auslegten. Truss hat die Reform des Geschlechtsanerkennungsgesetzes verhindert, was die trans-Community stark verärgert hat. Im Allgemeinen dagegen befürwortet die Politikerin die Rechte von Lesben, Schwulen und Bisexuellen, wie die Website TheyWorkForYou.com unter Rücksichtnahme ihres bisherigen Abstimmungsverhaltens bekräftigte. Truss hat bei jeder Gelegenheit für die Rechte von LGBTI* gestimmt. Ähnlich wie Sunak kritisiert sie allerdings die “lächerlichen Debatten über Sprache und Pronomen“ und sprach sich auch als Gegnerin der "Identitätspolitik" aus.
Wer auch immer am Ende das Rennen machen wird – im direkten Vergleich sehen Wahlbeobachter Truss vorne –, es ist schon jetzt klar, dass gerade aus LGBTI*-Perspektive viele Baustellen anzupacken sind: Nebst der Einführung eines Verbots von Konversionstherapien stehen das strukturell homophobe Verhalten in der britischen Polizei und die massive Zunahme von Hasskriminalität sowie sexualisierter Gewalt gegenüber LGBTI*-Menschen auf der To-Do-Liste. Einer der berühmtesten LGBTI*-Aktivisten des Landes, Peter Tatchell, blickt hingegen wenig hoffnungsvoll auf die Wahl im September und erklärte: "Die gesamte Führung der Torys ist Gift für unsere Community.“