Kommt der finale Bruch? Auffallend hoher Anstieg der Austritte
Immer mehr Menschen treten aus den beiden großen Kirchen in Deutschland aus – einer der Hauptgründe dafür ist die homophobe Einstellung der Glaubensvertreter, so eine der Kernaussagen einer neuen Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche (kurz SIEKD). Wichtig dabei: Bei der bundesweiten repräsentativen Befragung, durchgeführt vom Meinungsforschungsinstitut Forsa, wurden 1.500 Menschen sowohl aus der evangelischen als auch aus der katholischen Kirche befragt.
Die jüngsten Zahlen beziehen sich dabei auf das Jahr 2019, die letzten Geschehnisse wie beispielsweise das erschütternde Missbrauchsgutachten über die Vorgänge im Einzugsgebiet des Erzbistums München-Freising mit rund 500 Opfern hatten hierauf noch gar keinen Einfluss. So ist davon auszugehen, dass die Zahl der Austritte im Licht der jüngsten Entwicklungen noch weiter ansteigen dürfte – der zunehmende Trend lässt sich allerdings auch in der Studie bereits eindeutig erkennen.
Das SIEKD spricht mittlerweile von einem „auffallend hohen Anstieg“ der Kirchenaustritte in 2019. Ein Anstieg von mehr als 20 Prozent binnen eines Jahres.
Warum Menschen aus ihrer jeweiligen Kirche austreten, ist von Generation zu Generation unterschiedlich. Bei den Jüngeren zeichnet sich so eher ein allgemeiner Trend ab, wobei sie bereits länger über diesen Schritt nachgedacht haben und schlussendlich ohne einen konkreten Anlass die Kirchengemeinde verließen.
Anders bei den älteren Befragten, die auf eine längere Verbundenheit mit ihrer Kirche zurückblicken können. Hier waren oftmals konkrete Anlässe ausschlaggebend, maßgeblich sind dabei drei Aspekte: Die Ablehnung der katholischen Kirche von Homosexuellen, der Umgang mit sexualisierter Gewalt und Kindesmissbrauch sowie die Verschwendung von finanziellen Mitteln. Vor allem katholische Gläubige benennen diese Punkte, anders als ihre ehemaligen Glaubensbrüder der evangelischen Kirche.
Die Autorin der Studie, Petra-Angela Ahrens, spricht offen von einem Versagen der Institutionen – die Kirchen werden ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht und scheitern im Umgang mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Gerade in der katholischen Kirche bezieht sich der Großteil der ausgetretenen Menschen auch auf die „Unglaubwürdigkeit“ der Kirche.
Generell ist zudem eine steigende Irrelevanz von christlichen Religionen zu erkennen, gleichermaßen bei der evangelischen wie katholischen Glaubensgemeinschaft. Kaum zu Gewicht fällt tatsächlich die Kirchensteuer – allein deswegen eher selten Menschen aus.
Es zeigt sich, so die Studie, dass der „Bedeutungsverlust eines religiösen Selbstverständnisses über die Generationenfolge hinweg sichtbar wird.“ Im weiteren Verlauf wird von einem „regelrechten Bruch“ mit der Institution Kirche gesprochen – eine Entwicklung, die sich dank Missbrauchsfällen, der Aktion #OutInChurch und den aktuellen Begebenheiten der Kirche noch verstärken dürfte.
Da wirken Bekundungen wie jene von Kardinal Marx am vergangenen Wochenende gegenüber der LGBTI*-Community eher als ein Rettungsversuch, um einen endgültigen Dammbruch zu verhindern.
Doch die Bevölkerung scheint diese Aktionen mehrheitlich als das zu beurteilen, was sie wahrscheinlich auch sind – mediale Beschwichtigungsversuche. Das belegte auch im Januar die Münchner Anwaltskanzlei, die das Gutachten zum sexuellen Missbrauch vorstellte – das zweite seiner Art nach 2010. Erschreckend für die drei Anwälte war nebst den Taten selbst vor allem der Umgang der Kirche mit der Situation: Trotz dem klaren Fehlverhalten, welches bereits im ersten Gutachten vor über zehn Jahren festgestellt worden war, änderte sich in der katholischen Kirche nichts. Anwältin Dr. Marion Westphal sprach von einem „erschreckenden Phänomen der Vertuschung“ und einem bitteren bis nicht vorhandenen Reue-Verständnis der Kirche bis hinauf zum Papst.