Zweieinhalb Jahre nach einem tödlichen Brandanschlag auf vier lesbische Frauen in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires steht der Strafprozess gegen den mutmaßlichen Täter vor dem Abschluss. Die Staatsanwaltschaft hat Ende dieser Woche eine lebenslange Freiheitsstrafe für Justo Fernando Barrientos gefordert. Dem 69-Jährigen werden dreifacher Mord und versuchter Mord unter erschwerenden Umständen vorgeworfen.
Das Wichtigste im Überblick
- Drei Frauen getötet: Bei einem Brandanschlag auf vier lesbische Frauen in Buenos Aires starben im Mai 2024 Pamela Cobbas, Roxana Figueroa und Andrea Amarante. Sofía Castro Riglos überlebte schwer verletzt.
- Lebenslange Haft gefordert: Die argentinische Staatsanwaltschaft beantragte jetzt eine lebenslange Freiheitsstrafe für den 69-jährigen Angeklagten Justo Fernando Barrientos.
- Mutmaßlich homophobes Motiv: Die Anklage geht von geschlechtsbezogener Gewalt und Hass auf die sexuelle Orientierung der Opfer aus. Zeugen berichteten von früheren Beleidigungen und Bedrohungen.
- Angeklagter bestreitet Tat: Barrientos weist die Vorwürfe zurück. Er erklärte vor Gericht, das Feuer nicht gelegt zu haben.
- Urteil im November erwartet: Das Schlussplädoyer der Verteidigung ist für den 11. November vorgesehen. Am 18. November soll nach bisheriger Planung das Urteil verkündet werden.
- Die LGBTIQ+-Organisation All Out hat bisher rund 82.000 Unterschriften gesammelt. Ziel sind 100.000 Unterstützer, die eine konsequente strafrechtliche Verfolgung als Hassverbrechen fordern.
Homophobe Gewalt
Parallel zum Gerichtsverfahren setzt sich die internationale LGBTIQ+-Organisation All Out mit einer Unterschriftenkampagne für die strafrechtliche Anerkennung des homophoben Tatmotivs ein. Rund 82.000 Menschen haben sich der Forderung bisher bereits angeschlossen. Für die Aktivisten geht es nicht nur um die Bestrafung des Angeklagten. Sie wollen erreichen, dass Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung der Opfer bei der juristischen Bewertung ausdrücklich berücksichtigt wird.
In ihrem Aufruf stellt All Out die Bedeutung des Falls für die Sicherheit von LGBTIQ+-Menschen heraus. Die Organisation argumentiert, dass sich die Auswirkungen solcher Gewalttaten nicht auf die unmittelbar Betroffenen beschränken. Hassverbrechen können auch bei anderen Mitgliedern einer gesellschaftlichen Minderheit Angst auslösen und ihr Sicherheitsgefühl dauerhaft beeinträchtigen. Die psychischen Folgen solcher Angriffe sowie die Furcht vor weiterer Gewalt könnten aus Sicht der Organisation Fortschritte bei Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Akzeptanz gefährden. All Out sieht den Brandanschlag deshalb auch als Versuch, eine Gemeinschaft einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen.
Brandsatz in Zimmer geworfen
Der Angriff ereignete sich am 6. Mai 2024 in einer Unterkunft im Stadtteil Barracas im Süden von Buenos Aires. Dort lebten Pamela Cobbas, Roxana Figueroa, Andrea Amarante und Sofía Castro Riglos in einem gemeinsam genutzten Zimmer der Armenunterkunft. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft warf Barrientos einen Brandsatz in den Raum, während sich die vier Frauen dort aufhielten. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus und hatte verheerende Folgen. Pamela Cobbas, Roxana Figueroa und Andrea Amarante starben an den Folgen des Angriffs. Sofía Castro Riglos überlebte schwer verletzt.
Barrientos wohnte ebenfalls in dem Gebäude. Nach den Ermittlungen soll er die Frauen bereits vor der Tat wiederholt wegen ihrer sexuellen Orientierung beleidigt und bedrängt haben. Für die Anklage ist dieser Hintergrund von wesentlicher Bedeutung. Sie geht davon aus, dass sich die Gewalt gezielt gegen die Frauen richtete, weil sie lesbisch waren. Der Fall löste in der argentinischen LGBTIQ+-Gemeinschaft Entsetzen aus. Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten forderten eine umfassende Aufklärung und eine strafrechtliche Verfolgung, die das mutmaßliche Hassmotiv berücksichtigt.
Erschütternde Zeugenberichte
Seit Mitte Mai 2026 wird der Fall vor dem Strafgericht Nummer 5 in Buenos Aires verhandelt. Im Laufe des Prozesses wurden Zeugen und Sachverständige gehört. Mehrere Zeugen schilderten dabei, dass Barrientos die Frauen vor dem Angriff wiederholt wegen ihrer sexuellen Orientierung beschimpft haben soll. Dabei sollen auch grob homophobe Beleidigungen gefallen sein. Ein Zeuge gab zudem an, beobachtet zu haben, wie der Angeklagte eine der bereits brennenden Frauen noch zusätzlich geschlagen habe. Auch dieser Vorwurf ist Gegenstand der gerichtlichen Auseinandersetzung.
Sachverständige und Feuerwehrleute kamen nach den vorliegenden Prozessberichten zu dem Ergebnis, dass das Feuer vorsätzlich gelegt wurde. Nach dem Brand wurde Barrientos mit einer Halsverletzung und einem Messer in einem Badezimmer auf der Dachterrasse der Unterkunft gefunden. Ärzte gingen davon aus, dass er sich die Verletzung selbst zugefügt hatte. Die Staatsanwaltschaft wertet die Ermittlungsergebnisse und Zeugenaussagen als Belege für die Verantwortung des Angeklagten. Eine abschließende Entscheidung darüber liegt jedoch beim Gericht.
Angeklagter bestreitet Tat
Mitte Oktober dann äußerte sich Barrientos erstmals selbst im Prozess. Er wurde per Video aus dem Gefängnis von Ezeiza zugeschaltet, wo er sich in Untersuchungshaft befindet. Der 69-Jährige bestritt, den Brand gelegt zu haben. Auch den Vorwurf, die Frauen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert zu haben, wies er zurück. Zu den Einzelheiten der Tatnacht erklärte er, sich nicht erinnern zu können. Fragen der Verfahrensbeteiligten beantwortete er nicht.
Lebenslange Freiheitsstrafe
In dieser Woche nun beantragte die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Freiheitsstrafe. Auch die Nebenkläger schlossen sich dieser Forderung an. Die Anklage sieht die Voraussetzungen für eine Verurteilung wegen dreifachen Mordes und versuchten Mordes unter erschwerenden Umständen als erfüllt an. Dabei spielt das mutmaßliche Tatmotiv eine zentrale Rolle. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft war der Angriff sowohl von geschlechtsbezogener Gewalt als auch von Hass auf die sexuelle Orientierung der Frauen geprägt. Das argentinische Strafrecht sieht bei bestimmten Tötungsdelikten erschwerende Umstände vor, wenn diese unter anderem aus Hass auf die sexuelle Orientierung eines Menschen begangen werden. Für den 11. November ist das Schlussplädoyer der Verteidigung vorgesehen. Nach bisheriger Planung soll das Gericht am 18. November 2026 sein Urteil verkünden.