Zwei Challenger-Titel, der erstmalige Sprung unter die besten 200 Tennisspieler der Welt und ein neues Selbstvertrauen: Für den Schweizer Tennisprofi Mika Brunold läuft es derzeit so gut wie noch nie. Der 22-Jährige aus dem Kanton Basel-Landschaft hat innerhalb weniger Wochen einen bemerkenswerten sportlichen Aufstieg geschafft. Dabei sieht er auch einen Zusammenhang mit seinem Coming-Out im vergangenen November.
Das Wichtigste im Überblick
- Sportlicher Durchbruch: Mika Brunold hat 14 seiner vergangenen 15 Matches gewonnen und innerhalb von sechs Wochen einen Sprung von Weltranglistenplatz 410 auf 195 geschafft.
- Zwei Turniersiege: Der 22-jährige Schweizer gewann die Challenger-Turniere im österreichischen Tulln und im französischen Roanne. Damit ist er hinter Stan Wawrinka der zweitbeste Schweizer Tennisspieler.
- Coming-Out als Befreiung: Im November 2025 machte Brunold seine Homosexualität öffentlich. Seitdem fühlt er sich selbstbewusster und kann sich nach eigenen Angaben besser auf den Sport konzentrieren.
- Vorbild für andere Homosexuelle: Sein Coming-Out erhielt rund 75.000 Likes auf Instagram. Besonders bewegten ihn Nachrichten von Menschen, denen sein Schritt Mut zum eigenen Coming-Out gemacht hatte.
- Große sportliche Ziele: Brunold möchte bei den Swiss Indoors in Basel erfolgreich sein und sich auf der Weltrangliste weiter verbessern. Durch seinen Einzug in die Top 200 kann er erstmals an der Qualifikation für die Australian Open teilnehmen.
Mehr Energie nach Outing
„Ich spüre es auch auf dem Court. Ich habe mehr Selbstvertrauen und weniger negative Gedanken. Und ich kann mehr Energie in mein Tennis stecken“, sagte Brunold in einem Interview mit dem Schweizer Tages-Anzeiger. Der Tennisspieler gehört zu den wenigen aktiven männlichen Profis, die offen homosexuell leben. Für ihn ist dieser Teil seines Lebens inzwischen selbstverständlich. Gleichzeitig weiß er, dass sein öffentliches Coming-Out anderen Menschen helfen kann. Im Mittelpunkt seiner Karriere soll jedoch weiterhin der Sport stehen. „Ich bin Tennisspieler, nicht der schwule Tennisspieler“, betonte Brunold.
14 Siege in 15 Spielen
Die jüngsten Ergebnisse unterstreichen den sportlichen Aufstieg des Schweizers. Von seinen vergangenen 15 Matches gewann Brunold 14. Bei den Challenger-Turnieren in Tulln und Roanne sicherte er sich jeweils den Titel. Innerhalb von nur sechs Wochen verbesserte er sich auf der Weltrangliste von Platz 410 auf Rang 195. Damit liegt er unter den Schweizer Tennisspielern nur noch hinter Stan Wawrinka, der vor dem Ende seiner Karriere steht. Dass er dieses Niveau erreichen könne, habe er schon länger gewusst, erklärte Brunold. Bislang sei es ihm allerdings nicht gelungen, seine Leistungsfähigkeit über eine gesamte Turnierwoche hinweg konstant abzurufen.
Gerade diese Beständigkeit sei entscheidend, weil die Leistungsunterschiede zwischen den Spielern auf der Challenger-Tour gering seien. Seit April arbeitet Brunold mit dem italienischen Trainer Gianluca Carbone zusammen. Der Coach verfügt über Erfahrungen mit Spielern aus den Top 50 und Top 20 der Weltrangliste. Gemeinsam hätten sie an verschiedenen Bereichen gearbeitet, darunter die mentale Vorbereitung, der Umgang mit Stress, die Ernährung und die Regeneration. Zuvor war Brunold von unterschiedlichen Trainern betreut worden, darunter der ehemalige Schweizer Davis-Cup-Spieler Henri Laaksonen. Von jedem habe er etwas lernen können, sagte er. Die Zusammenarbeit mit Carbone habe ihm nun geholfen, den nächsten Entwicklungsschritt zu machen.
Tennis liegt in der Familie
Brunold stammt aus einer tennisbegeisterten Familie. Sowohl seine Mutter als auch sein Vater gehörten früher zur nationalen Spitze. Sein Vater Armando Brunold besiegte bei einem Satellite-Turnier in Küblis sogar einmal den jungen Roger Federer. Zu Hause sei dieser Erfolg allerdings nie besonders hervorgehoben worden, erzählte Brunold lachend. Er glaube, die Geschichte sogar erst selbst entdeckt zu haben, als er eine Biografie über Federer las. Auch sein älterer Bruder spielte Tennis. Gemeinsam trainierten die beiden in ihrer Kindheit. Der Bruder musste den Leistungssport später wegen Hüftproblemen aufgeben und spielt inzwischen nur noch hobbymäßig.
Für Mika Brunold stand dagegen schon früh fest, dass er Tennisprofi werden wollte. Anders als einige andere Schweizer Nachwuchstalente wurde er von seinen Eltern schrittweise an die Belastungen des Leistungssports herangeführt. Mit etwa 14 Jahren habe er noch nicht täglich unzählige Stunden trainiert. Seine Eltern hätten darauf geachtet, dass er sich körperlich langsam entwickeln und an steigende Trainingsumfänge gewöhnen konnte. Möglicherweise ist das auch ein Grund dafür, dass Brunold bislang von schwerwiegenden Verletzungen verschont geblieben ist. Schon im Alter von zwölf Jahren wurde er physiotherapeutisch betreut und absolvierte regelmäßig Übungen zur Verletzungsprävention.
Während seiner Juniorenzeit stand Brunold häufig im Schatten anderer Schweizer Talente. Dominic Stricker, Jérôme Kym und Leandro Riedi erhielten damals mehr Aufmerksamkeit. Inzwischen hat er alle drei in der Weltrangliste überholt. Mit seinem bisherigen Weg zeigt sich der 22-Jährige zufrieden. Die kontinuierliche Entwicklung und der vorsichtige körperliche Aufbau hätten sich ausgezahlt. Auch im Davis Cup konnte Brunold bereits auf sich aufmerksam machen. Im Februar gewann er bei seinem Debüt sein Einzel gegen Tunesien. Nun gehört er zu den aufstrebenden Schweizer Spielern, denen der nächste Schritt auf die große internationale Tennisbühne zugetraut wird.
Persönliche Entwicklung
Internationale Aufmerksamkeit erhielt Brunold bereits im November 2025, als er seine Homosexualität auf Instagram öffentlich machte. Die Entscheidung war nach seinen Worten das Ergebnis einer längeren persönlichen Entwicklung. Bereits im Januar dieses Jahres erzählte er von positiven Erfahrungen nach dem Outing, dies bestätigte er nun erneut. Er habe schon lange gewusst, dass er irgendwann offen homosexuell leben wolle. Nach dem Ende der Saison habe sich der Zeitpunkt richtig angefühlt. „Für mich war es der richtige Zeitpunkt. Die Saison war fertig, und mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich ready bin“, erklärte Brunold. Eine besonders spektakuläre Entscheidung sei es für ihn damals nicht mehr gewesen. Der Gedanke habe ihn bereits längere Zeit begleitet. Vor seinem öffentlichen Coming-Out sprach er auch mit seinen Eltern, insbesondere mit seiner Mutter. Sie habe ihn darin bestärkt, offen mit seiner Homosexualität umzugehen und sich nicht länger verstecken zu müssen.
Bewegende Nachrichten
Seine Veröffentlichung auf Instagram löste eine außergewöhnlich große Resonanz aus. Rund 75.000 Menschen versahen den Beitrag mit einem Like. Für Brunold war die hohe Zahl der Reaktionen allerdings nicht entscheidend. „Ich habe es für mich gemacht, nicht wegen der Likes. Ob es 500 Likes sind oder fünf Millionen, ist mir nicht wichtig“, sagte er. Wesentlich mehr bedeuteten ihm die persönlichen Nachrichten, die ihn anschließend erreichten. Einige Menschen berichteten ihm, dass sie durch sein Beispiel selbst den Mut gefunden hätten, offen über ihre Homosexualität zu sprechen. „Dein Coming-Out hat mir geholfen, mich selbst zu outen“, schrieb ihm beispielsweise jemand.
Eine andere Nachricht lautete: „Jetzt habe ich es auch geschafft, es meinen Eltern zu sagen.“ Solche Rückmeldungen bezeichnet Brunold als die schönsten Reaktionen auf seinen Schritt. „Es ist cool, dass ich ein Vorbild für andere sein kann“, erklärte er. Eine Belastung empfindet er durch diese Rolle nicht. Er müsse sich deshalb nicht verändern oder anders verhalten. Vielmehr sieht er darin eine besondere Möglichkeit, anderen homosexuellen Menschen zu helfen, die mit ihrer sexuellen Orientierung und der Angst vor Ablehnung kämpfen.
Mehr Selbstvertrauen auf dem Platz
Das Coming-Out hatte für Brunold nicht nur persönliche, sondern auch sportliche Auswirkungen. Lange Zeit sei ihm selbst nicht vollständig bewusst gewesen, wie stark er sich in bestimmten Situationen angepasst oder zurückgenommen habe. Erst in den vergangenen Jahren habe er begonnen, offener seine Meinung zu vertreten und persönliche Bedürfnisse anzusprechen. Das betreffe nicht ausschließlich seine Homosexualität, sondern auch den Umgang mit Trainern, Teammitgliedern und seiner Familie.
Früher habe er häufig akzeptiert, was für andere in Ordnung gewesen sei, selbst wenn er sich damit nicht vollständig wohlgefühlt habe. Inzwischen könne er deutlicher sagen, wenn ihn etwas störe. Diese Veränderung habe sich auch auf sein Tennisspiel ausgewirkt. Er fühle sich freier, habe weniger negative Gedanken und könne seine Energie stärker auf Training und Wettkämpfe konzentrieren. Sein Coming-Out bezeichnete Brunold deshalb ausdrücklich als Befreiung.
Einsamkeit auf der Tennistour
Trotz der positiven Erfahrungen sieht Brunold weiterhin gesellschaftliche Probleme im Umgang mit Homosexualität. Eigentlich sollte es nach seiner Ansicht keine besondere Rolle spielen, ob jemand homosexuell sei oder nicht. Tatsächlich sei dies aber weiterhin ein Thema, das viele Menschen beschäftige und belaste. Besonders schwierig könne die Situation im professionellen Tennis sein, wenn homosexuelle Spieler kaum andere Profis kennen, die offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen. „Und wenn du auf der Tennistour niemanden kennst, der so ist wie du, fühlst du dich allein“, sagte Brunold.
Dadurch entstünden Ängste und Fragen, mit denen sich heterosexuelle Kollegen möglicherweise nicht auseinandersetzen müssten. In seinem ursprünglichen Instagram-Beitrag hatte er bereits darauf hingewiesen, dass Homosexualität weit mehr bedeute, als lediglich einen Menschen des gleichen Geschlechts zu lieben. Dazu gehörten auch die Angst, nicht akzeptiert zu werden, und der Druck, die eigene sexuelle Orientierung geheim halten zu müssen.
Silva machte ihm Mut
Eine wichtige Rolle auf Brunolds Weg spielte auch der brasilianische Tennisprofi João Lucas Reis da Silva. Dieser hatte sich bereits im Jahr zuvor öffentlich als homosexuell geoutet und war damit der erste aktive männliche Tennisprofi, der diesen Schritt ging. Brunold beobachtete, dass die Reaktionen auf das Coming-Out des Brasilianers überwiegend positiv ausfielen. Das habe ihn in seiner eigenen Entscheidung bestärkt. Eine besondere sportliche Begegnung gab es beim Challenger-Turnier im österreichischen Tulln. Dort standen sich die beiden offen homosexuellen Profis im Finale gegenüber. Brunold gewann die Partie und sicherte sich damit seinen ersten Challenger-Titel. Über ihre Coming-Outs hätten sie bei dem Turnier allerdings nicht gesprochen, berichtete der Schweizer. Stattdessen unterhielten sie sich über Tennis, die nächsten Turniere und ihre sportlichen Pläne. Auch bei anderen Begegnungen auf der Tour sei seine Homosexualität kaum ein Thema gewesen. Für Brunold ist genau das der richtige Umgang.
Homosexualität im Männertennis
Brunold und Reis da Silva sind weiterhin die einzigen aktiven männlichen Tennisprofis, die ihre Homosexualität öffentlich gemacht haben. Ob die Tennistour deshalb als rückständig bezeichnet werden müsse, wollte der Schweizer nicht beurteilen. Er verwies vielmehr darauf, dass die Gesellschaft insgesamt beim Umgang mit Homosexualität noch nicht so weit sei, wie sie sein sollte. Diese gesellschaftliche Situation spiegele sich auch im Tennissport wider. Dass sein Coming-Out in Interviews teilweise mehr Aufmerksamkeit erhält als seine sportlichen Erfolge, sieht Brunold differenziert. Einerseits möchte er in erster Linie über seine Leistungen als Tennisspieler wahrgenommen werden. Andererseits habe er kein Problem damit, offen über seine Homosexualität zu sprechen, weil sie ebenfalls zu seiner Persönlichkeit gehöre.
Weltrangliste weiter hinauf
Nach seinen jüngsten Erfolgen richtet Brunold den Blick auf die Swiss Indoors in Basel. Vor Kurzem entdeckte Brunold ein altes Freundschaftsbuch aus seiner Kindheit. Darin hatte er auf die Frage nach seinem größten Traum geschrieben, dass er eines Tages die Swiss Indoors gewinnen wolle. Dieses Ziel verfolgt er weiterhin. Durch seinen Sprung unter die besten 200 Spieler der Weltrangliste eröffnen sich Brunold auch anderweitig neue Möglichkeiten. Im Januar kann er erstmals an der Qualifikation für die Australian Open teilnehmen. Den sportlichen Durchbruch betrachtet Brunold deshalb als wichtigen Zwischenschritt, nicht als Endpunkt seiner Entwicklung. Er wolle sich in der Weltrangliste möglichst weit nach vorne arbeiten.