Der kanadische Schauspieler, Regisseur und Serienmacher Jacob Tierney (47) hat der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL vorgeworfen, den Erfolg seiner schwulen Eishockeyserie „Heated Rivalry“ aus wirtschaftlichen Gründen auszunutzen, ohne sich ausreichend für LGBTIQ+-Menschen einzusetzen. In der SiriusXM-Sendung von US-Moderator Andy Cohen kritisierte er die aus seiner Sicht problematische Kultur innerhalb der Liga.
Das Wichtigste im Überblick
- Scharfe Kritik: „Heated Rivalry“-Schöpfer Jacob Tierney wirft der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL vor, nicht genug gegen eine aus seiner Sicht toxische Kultur zu unternehmen.
- Tierney erhebt schwere Anschuldigungen im Zusammenhang mit einem kanadischen Sexualstrafverfahren. Die fünf betroffenen Spieler wurden freigesprochen.
- Umstrittene Pride-Politik: Die NHL hatte 2023 Sondertrikots und Regenbogen-Klebeband verboten. Das Verbot für das sogenannte Pride Tape wurde nach Protesten wieder aufgehoben.
- Gescheiterte Werbeaktion: Mit der Hörbuchreihe „Hot for Hockey“ wollte die Liga vom Erfolg der schwulen Eishockeyserie profitieren. Das Projekt wurde nach einer Woche eingestellt.
- Fehlende Sichtbarkeit: In der Geschichte der NHL hat sich bislang kein aktiver oder ehemaliger Spieler öffentlich als schwul geoutet.
Kommerzielles Interesse
„Sie müssen sich wirklich mit ihrer eigenen toxischen Kultur auseinandersetzen“, sagte Tierney gleich zu Beginn der Sendung und legte nach: „Und das tun sie nicht.“ Auslöser der Diskussion war Cohens positive Einschätzung der Reaktion der NHL auf den internationalen Erfolg von „Heated Rivalry“. Der Moderator erklärte, er freue sich darüber, dass die Liga „die Gunst der Stunde erkannt und daraus Kapital geschlagen“ habe. Tierney widersprach umgehend: „Hat sie das?“ Auf Nachfrage machte der Serienmacher deutlich, dass er zwischen kommerziellem Interesse und tatsächlicher gesellschaftlicher Offenheit unterscheide. „Ich glaube, die NHL hat noch sehr viel Arbeit vor sich“, sagte er.
Kein Outing im Profi-Sport
Die erfolgreiche Serie handelt von schwulen Eishockeyspielern, die sich in der von traditionellen Männlichkeitsbildern geprägten Welt des professionellen Sports mit ihrer sexuellen Orientierung auseinandersetzen. Im Mittelpunkt stehen die beiden Eishockeystars Ilya Rozanov, gespielt von Connor Storrie, und Shane Hollander, dargestellt von Hudson Williams. Die beiden führen über Jahre hinweg eine geheime Liebesbeziehung. Erst später entscheiden sie sich für eine gemeinsame Zukunft.
Neben ihrer Liebesgeschichte beschäftigt sich die Produktion mit den Schwierigkeiten, die schwule Sportler beim Coming-Out und im Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen erleben können. Gerade dieser Hintergrund macht den Versuch der NHL, vom Erfolg der Serie zu profitieren, für Tierney problematisch. Denn während „Heated Rivalry“ die Unsichtbarkeit schwuler Männer im professionellen Eishockey thematisiert, hat sich in der Geschichte der NHL bislang kein aktiver oder ehemaliger Spieler öffentlich als schwul geoutet.
Schwere Anschuldigungen
Besonders deutlich wurde Tierneys Kritik beim Umgang der Liga mit Fehlverhalten von Spielern gegenüber Frauen. Im Gespräch mit Cohen sagte er: „Sie haben gerade vier Vergewaltiger verpflichtet, die jetzt für sie spielen.“ Mit dieser Aussage spielte Tierney auf ein aufsehenerregendes kanadisches Strafverfahren wegen mutmaßlicher sexueller Übergriffe an. Die fünf betroffenen Eishockeyspieler wurden allerdings von den gegen sie erhobenen Vorwürfen freigesprochen. Tierneys Bezeichnung ist deshalb als seine persönliche Anschuldigung einzuordnen und nicht als festgestellte Tatsache. Nach den Freisprüchen blieben die Suspendierungen der Spieler aus der kanadischen Nationalmannschaft bestehen. Die NHL hob dagegen ihre Sperren auf. Zwei der betroffenen Spieler stehen dem Bericht zufolge derzeit bei NHL-Vereinen unter Vertrag. Für Tierney zeigt der Umgang mit dem Fall, dass die Liga weiterhin grundlegende Probleme habe. „Die NHL nutzt diesen Moment nicht“, sagte er mit Blick auf die Aufmerksamkeit, die „Heated Rivalry“ dem Eishockey beschert hat.
NHL und Pride-Verbote
Der aktuelle Streit erinnert an eine frühere Kontroverse um den Umgang der Liga mit LGBTIQ+-Sichtbarkeit. Im Jahr 2023 weigerten sich einzelne NHL-Spieler, während der Pride-Aktionsabende ihrer Mannschaften Trikots oder andere Ausrüstung mit Regenbogensymbolen zu tragen. Die Liga reagierte darauf mit einem Verbot von Sondertrikots. Auch die Verwendung von Regenbogen-Klebeband an Eishockeyschlägern, dem sogenannten Pride Tape, wurde untersagt. Diese Entscheidung löste erhebliche Kritik aus. Mehrere Spieler widersetzten sich dem Verbot und machten deutlich, dass sie weiterhin Regenbogen-Klebeband verwenden wollten. Schließlich nahm die NHL das Pride-Tape-Verbot zurück.
Kritiker sahen in dem Vorgang einen Widerspruch: Einerseits wirbt die Liga mit Pride-Veranstaltungen um LGBTIQ+-Fans, andererseits habe sie sich in einer konkreten Auseinandersetzung nicht ausreichend für deren Interessen eingesetzt. Tierney fordert deshalb mehr als symbolische Aktionen. „Es liegt an der NHL, die Menschen tatsächlich davon zu überzeugen, dass dies ein sicherer Ort für sie ist“, sagte er. Anschließend fügte er hinzu: „Sie tun nicht das, was sie tun sollten, um ihren Sport zu einem inklusiven Ort zu machen.“
Werbekampagne eingestellt
Zusätzliche Kritik löste der Versuch der NHL aus, den Erfolg von „Heated Rivalry“ mit einer eigenen Produktion aufzugreifen. Die Liga entwickelte eine kurze Hörbuchreihe unter dem Titel „Hot for Hockey“, die sich erkennbar an der erfolgreichen Fernsehserie orientierte. Anders als in „Heated Rivalry“ fehlten darin jedoch romantische Handlungsstränge. Zudem war die Zustimmung der beteiligten Spieler zu der Vermarktung offenbar nicht ausreichend berücksichtigt worden. Die Aktion stieß auf wenig Begeisterung und wurde bereits nach einer Woche eingestellt. Kritiker warfen der Liga vor, reale Spieler für eine Kampagne zu sexualisieren, ohne dass diese sich bewusst an einer entsprechenden Inszenierung beteiligt hätten.
Für die US-Presse stand fest, dass die NHL zwar die Popularität schwuler Liebesgeschichten nutzen wolle, sich mit deren gesellschaftlichen Hintergründen aber nicht ernsthaft beschäftige. NHL-Commissioner Gary Bettman hatte zuvor eingeräumt, dass die Liga auch aus geschäftlichen Gründen auf den Erfolg von „Heated Rivalry“ reagieren wolle. „Da es offenbar ein kulturelles Phänomen ist, dachten wir uns: Warum sollten wir nicht mitmachen?“, erklärte er.
Grundlegender Kulturwandel
Für Tierney reicht es deshalb nicht aus, neue Werbeaktionen zu entwickeln oder mit der Beliebtheit einer schwulen Liebesgeschichte zusätzliche Zuschauer anzusprechen. Entscheidend sei, ob sich innerhalb des professionellen Eishockeys tatsächlich etwas verändere. Die NHL müsse glaubhaft vermitteln, dass LGBTIQ+-Menschen willkommen seien und sich im Umfeld des Sports sicher fühlen könnten. Der Serienmacher sieht darin eine Verantwortung der Liga, der sie bislang nicht ausreichend nachkomme. Tierney hatte deswegen auch für die Produktion von „Heated Rivalry“ eine Zusammenarbeit mit der NHL abgelehnt. Die Spannungen dürften mit Staffel 2 im kommenden Jahr noch weiter zunehmen, Grundlage der Storyline ist dann im Wesentlichen das Buch „The Long Game“ aus der Game-Changers-Reihe von Rachel Reid. Darin wird die Homophobie in der Chefetage der Eishockeyliga ausführlich thematisiert. Und auch Tierney dürfte darauf einen Schwerpunkt in der TV-Adaption legen.