141 Wissenschaftler fordern jetzt eine langfristige Finanzierung des queeren Jugendnetzwerks Lambda. Anlass ist die Kündigung einer Rahmenvereinbarung durch das Bundesjugendministerium (BMBFSFJ) zum Ende des Jahres 2026. Die Forscher warnen vor Folgen für queere junge Menschen und widersprechen der Einschätzung, spezielle Angebote für diese Gruppe könnten durch die allgemeine Jugendarbeit ersetzt werden.
Das Wichtigste im Überblick
- 141 Wissenschaftler setzen sich für eine langfristige Finanzierung des queeren Jugendnetzwerks Lambda ein.
- Anlass ist die Kündigung der Rahmenvereinbarung durch das Bundesjugendministerium zum Jahresende 2026.
- Die Forscher halten spezielle Angebote für queere Jugendliche trotz einer stärkeren Verankerung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in anderen Jugendverbänden weiterhin für notwendig.
- Sie verweisen auf die Bedeutung eigener Schutzräume, Unterstützung durch Gleichaltrige und die Selbstorganisation queerer junger Menschen.
- Zugleich führen die Wissenschaftler die Zunahme queerfeindlicher Straftaten als Argument für spezielle Angebote an.
- Das Jugendnetzwerk Lambda besteht seit 1990 und organisiert Angebote für queere junge Menschen.
Gefahr für Jugendliche
In einer jetzt veröffentlichten wissenschaftlichen Stellungnahme mit dem Titel „Kündigen, ‚was die Zukunft trägt‘?“ setzen sich die Forscher mit der Bedeutung spezieller Angebote für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Jugendliche auseinander. Sie kommen zu dem Schluss, dass eigene Räume, der Austausch mit Gleichaltrigen und Möglichkeiten zur Selbstorganisation für queere junge Menschen eine besondere Bedeutung haben. „Die Kündigung der Rahmenvereinbarung des BMBFSFJ mit dem queeren Jugendnetzwerk Lambda gefährdet das Aufwachsen queerer junger Menschen und die pluralistische Demokratie“, heißt es in der Stellungnahme.
Besondere Rolle
Das Jugendnetzwerk Lambda bietet seit 1990 spezielle Angebote für queere junge Menschen an. Dazu gehören Angebote, die nach dem Peer-to-Peer-Prinzip arbeiten und damit den Austausch und die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Altersgruppe ermöglichen. Aktuell bietet der Verband unter anderem Workshops und internationale Jugendbegegnungen für junge queere Menschen an. Die Wissenschaftler argumentieren, dass solche Angebote die selbstbestimmte Identitätsentwicklung unterstützen und Räume schaffen, in denen junge Menschen Gemeinschaft, Beziehungen und Möglichkeiten des Selbstausdrucks entwickeln können.
Besonders für Jugendliche mit psychosozialen Belastungen seien niedrigschwellige Angebote von Bedeutung. Die Arbeit könne darüber hinaus die gesellschaftliche Teilhabe queerer junger Menschen fördern. Die Unterzeichner formulieren ihre Position deutlich: „Professionelle Queere Jugendarbeit ist unverzichtbar – für queere junge Menschen, für die fachliche Ausgestaltung von Jugendangeboten wie für eine pluralistische, demokratische Gesellschaft.“
Wissenschaftler widersprechen Ministerium
Im Zentrum des Konflikts steht die Frage, ob weiterhin eine eigenständige Förderung queerer Jugendarbeit auf Bundesebene notwendig ist. Das Bundesjugendministerium begründet das Auslaufen der bisherigen Vereinbarung damit, dass geschlechtliche und sexuelle Vielfalt inzwischen breiter in den Strukturen der Jugendverbände verankert sei. Die 141 Wissenschaftler halten diese Begründung für nicht ausreichend. Allgemeine Angebote der Jugendarbeit könnten die spezifische Arbeit eines queeren Jugendverbands ihrer Einschätzung nach nicht ersetzen. Queere Jugendliche bewegten sich weiterhin in einem Spannungsfeld: Einerseits hätten Sichtbarkeit und rechtliche Anerkennung zugenommen, andererseits seien sie weiterhin mit struktureller Diskriminierung, Gewalt und sozialer Benachteiligung konfrontiert. Besonders betroffen seien junge Menschen, bei denen mehrere Formen gesellschaftlicher Benachteiligung zusammenkämen.
Warnung vor queerfeindlicher Gewalt
Als weiteren Grund für den Erhalt spezialisierter Angebote führen die Wissenschaftler die Entwicklung queerfeindlicher Straftaten an. Die Stellungnahme verweist auf eine Zunahme solcher Delikte. Dazu zählen neben körperlicher und sexualisierter Gewalt auch Stalking und Gewalt im digitalen Raum. Aus Sicht der Forscher sind eigene Räume deshalb nicht lediglich eine Ergänzung der allgemeinen Jugendarbeit. Sie könnten queeren jungen Menschen Schutz bieten und gleichzeitig Möglichkeiten schaffen, sich mit anderen auszutauschen und selbst zu organisieren. Gerade die Unterstützung durch Menschen mit ähnlichen Erfahrungen spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Jugendnetzwerk richtet seine Veranstaltungen ausdrücklich an junge queere Menschen; je nach Angebot gelten unterschiedliche Altersgrenzen.
Forderung nach langfristiger Finanzierung
Die Wissenschaftler fordern nicht nur eine Fortsetzung der Unterstützung, sondern eine dauerhafte finanzielle Absicherung des Bundesverbands. Zugleich sprechen sie sich für eine institutionelle und rechtliche Unterstützung queerer Selbstorganisation aus. Damit verbinden sie ihre Forderung ausdrücklich mit dem Kinder- und Jugendplan des Bundesjugendministeriums und dessen Leitgedanken „stärken, was die Zukunft trägt“. Die Unterzeichner sehen in eigenständiger queerer Jugendarbeit sowohl einen Beitrag zur Unterstützung der unmittelbar betroffenen Jugendlichen als auch zur gesellschaftlichen Beteiligung.
Mit ihrer Stellungnahme wenden sie sich deshalb gegen die Annahme, die stärkere Berücksichtigung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der allgemeinen Jugendarbeit mache einen eigenständigen queeren Jugendverband entbehrlich. Die Wissenschaftler fordern stattdessen eine „nachhaltige und langfristige Finanzierung des queeren Jugendnetzwerks Lambda und die institutionelle und rechtliche Unterstützung queerer Selbstorganisation“. Zu den 141 Wissenschaftlern gehören Professoren und Doktoren von Universitäten und Hochschulen aus ganz Deutschland sowie unter anderem auch renommierte Vertreter aus den Fachbereichen Sozial-, Kultur- und Medienwissenschaften. Auch queere Vereine und LGBTIQ+-Institutionen haben sich dem Aufruf angeschlossen. Erst vor wenigen Tagen hatte Lambda bekannt gegeben, eine eigene Jugendstiftung zu gründen. Langfristig soll das Stiftungsvermögen auf rund 1,5 Millionen Euro anwachsen.