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Frankreich in Aufruhr Sexarbeiter fürchten neues Gesetz

Von ms - 28.09.2026 - 15:30 Uhr
Frankreich in Aufruhr
Foto: X / fabio_stallion
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Eine geplante Verschärfung der Regeln für Online-Sexarbeit sorgt in Frankreich aktuell für Widerstand unter schwulen Porno-Darstellern und Content-Produzenten. Mehrere von ihnen betonen, ihren Beruf freiwillig gewählt zu haben und gerne auszuüben. Statt neuer Einschränkungen fordern sie, stärker in die politische Debatte einbezogen zu werden. „Ich wünsche mir, dass andere aufhören, in unserem Namen zu sprechen, und dass das Parlament uns zuhört“, sagt der schwule Porno-Creator Fabio Stallion.

Das Wichtigste im Überblick

  • In Frankreich sorgt ein Gesetzentwurf zur Bekämpfung sexistischer und sexueller Gewalt für Unruhe unter Online-Sexarbeitern.
  • Artikel 25 könnte bestimmte Tätigkeiten von Plattformen, über die pornografische Inhalte verkauft werden, unter die Definition der Zuhälterei stellen. Darauf stehen bis zu sieben Jahre Haft.
  • Nach dem Vorbild einer 2025 in Schweden verabschiedeten Regelung könnte für bestimmte Kunden zudem ein Bußgeld von 1.500 Euro vorgesehen werden.
  • Mehrere schwule Porno-Creator weisen die Vorstellung zurück, grundsätzlich vor ihrer Tätigkeit oder den Plattformen geschützt werden zu müssen. „Wir lieben, was wir tun“, sagen Fabio Stallion und Tony Silver.
  • Die Befragten beschreiben ihre Tätigkeit als selbstgewählte Arbeit, die neben den eigentlichen Drehs auch Videoschnitt, Marketing, Verwaltung und Einwilligungsprozesse umfasst.
  • Die Creator verweisen auf bestehende Kontrollmechanismen der Plattformen. Bei OnlyFans müssten beispielsweise alle in Videos auftretenden Personen ihre Einwilligung hinterlegen.
  • Fabio Stallion und Tony Silver sehen vor allem die gesellschaftliche Stigmatisierung von Sexarbeitern als Problem.
  • Der Gesetzentwurf ist noch nicht beschlossen und kann während der parlamentarischen Beratungen verändert werden. Die Debatte im Plenum soll am Donnerstag beginnen.

Warnung von schwulen Porno-Creatorn 

Auslöser der Kritik ist Artikel 25 eines Gesetzentwurfs „zur Bekämpfung sexistischer und sexueller Gewalt gegen Frauen und Kinder“. Der entsprechende Artikel wurde am Dienstag, 22. September, in einem Ausschuss der französischen Nationalversammlung angenommen. Die Regelung könnte bestimmte Aktivitäten von Plattformen, über die pornografische Inhalte verkauft werden, rechtlich unter die Definition der Zuhälterei fallen lassen. Das Delikt kann mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft werden. Für Menschen, die mit ihren Inhalten auf diesen Plattformen Geld verdienen, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf das bisherige Geschäftsmodell haben. Nach dem Vorbild einer im Mai 2025 in Schweden verabschiedeten Regelung ist zudem für bestimmte Kunden ein Bußgeld von 1.500 Euro vorgesehen. Das Gesetz ist allerdings noch nicht beschlossen. Der Text soll weiter im Parlament beraten werden und kann sich dabei noch verändern.

„Wir lieben, was wir tun“

Mehrere schwule Online-Sexarbeiter widersprechen vor allem der Vorstellung, dass sie grundsätzlich vor ihrer eigenen Tätigkeit oder den Plattformen geschützt werden müssten. „Wir lieben, was wir tun“, sagen Fabio Stallion und sein Partner Tony Silver. Auch Kinkoer beschreibt seine Arbeit als bewusste Entscheidung: „Ich habe mich dafür entschieden, von meiner Leidenschaft zu leben.“ Ähnlich äußert sich Maxime Andolini: „Ich habe beschlossen, einen durchaus gut bezahlten und qualifizierten Job aufzugeben, um Pornos zu machen.“ Alle vier berichten, bereits vor ihrem professionellen Einstieg in die Branche exhibitionistisch veranlagt gewesen zu sein. Zunächst sei es ihnen weniger um eine mögliche Bezahlung als um die Erfahrung selbst gegangen.

Karriere begann mit X

Andolini erzählt, dass seine heutige Tätigkeit im Jahr 2020 eher beiläufig begann. „Eines Tages im Jahr 2020 sagte ich meinem Freund, dass es mir Spaß machen würde, ein Foto von meinem Schwanz auf Twitter zu posten. Er sagte mir, ich solle mich ruhig austoben, und ich fand Gefallen daran. Ich liebe das Wissen, dass ich anderen Menschen Freude bereiten kann.“ Nachdem Andolini begonnen hatte, seinen Account regelmäßig mit neuen Bildern zu füllen, wuchs die Zahl seiner Follower stark. Besonders Aufnahmen aus Zugtoiletten kamen bei seinen Followern an. Bald verdiente er mit seinen Inhalten zusätzliches Geld, während er weiterhin in einem Architekturbüro arbeitete.

Vom Fetisch-Auftritt zum Beruf

Kinkoer kam auf einem anderen Weg zur professionellen Sexarbeit. Er war bereits in der Fetischszene aktiv, als er einen bekannten Darsteller kennenlernte. Dieser habe ihm angeboten, bei einer Fisting-Performance gemeinsam mit ihm auf die Bühne zu gehen. „Ich habe diese Erfahrung geliebt und besonders den Gemeinschaftsgeist der Fetischfamilie. Anders als diese Parlamentarier, die Kinkshaming betreiben, offenbar zu glauben scheinen, haben wir dabei verdammt viel Spaß und wollen mehr davon!“, sagt Kinkoer. Er produziert Inhalte für Online-Plattformen, tritt vor Publikum auf und dreht Szenen für Studios. Daneben arbeitet er als Tätowierer. Gerade die zeitliche Flexibilität der selbstständigen Tätigkeit schätze er. „Ich arbeite viel, aber man kann nicht behaupten, dass ich mich in einer prekären Situation befinde“, sagt er.

Creator nicht aus der Not 

Auch Tony Silver weist die Vorstellung zurück, er habe sich aus Mangel an Alternativen für die Pornobranche entschieden. „Ich bin groß, ich habe einen Doktortitel in Virologie. Wenn ich einen konventionelleren Beruf hätte ausüben wollen, hätte ich durchaus die Möglichkeiten dazu gehabt“, sagt er. Seine frühere Tätigkeit im Einzelhandel habe er als belastender erlebt. „Ich war Kassierer bei Carrefour, das war viel schlimmer. Es ist körperlich sehr anstrengend, man bekommt abfällige Bemerkungen von Kunden, man muss eklige Sachen schrubben ...“

Bei privaten Videos habe er dagegen „noch nie Dinge tun müssen, die mir nicht gefallen haben“. Dass dennoch nicht jede berufliche Aufgabe gleichermaßen interessant sei, räumt Fabio Stallion ein. Als Beispiel nennt er individuell bestellte Videos. „Man bittet mich, Videos von meinen Füßen zu machen, was ich von mir aus nicht tun würde. Das kostet mich mehr Zeit, weil ich versuche, sie interessant zu gestalten, obwohl mich das nicht besonders reizt.“ Solche speziell angefertigten privaten Inhalte seien allerdings auch besser bezahlt.

Arbeit hinter der Kamera

Die eigentliche Aufnahme von Pornos mache nur einen kleinen Teil des Berufs aus, betont Andolini. „Der Dreh selbst macht ein Prozent der Arbeitszeit aus“, schätzt er. Zu den weiteren Aufgaben gehören demnach die Abwicklung von Sozialabgaben über die französische Behörde Urssaf, Videoschnitt, Einwilligungsformulare, Marketing in sozialen Netzwerken und die eigene Präsenz innerhalb der Community. Pornografische Inhalte selbstständig zu produzieren bedeute deshalb zugleich, ein Unternehmen zu führen und sich um die eigene Marke sowie die Finanzen zu kümmern.

Die Creator fragen sich zudem, welche Folgen die geplanten Vorschriften für ihre Zusammenarbeit untereinander haben könnten. Die derzeitige Fassung des Gesetzentwurfs legt dies nicht entsprechend fest. „Wenn ich meinen Freund während einer Szene filme, macht mich das dann zu einem Zuhälter?“, fragt Tony Silver. Fabio Stallion ergänzt ironisch: „Und warum sollte dann nicht auch die Urssaf als Zuhälter gelten?“

Virtuelle Welt als „Dschungel“

Befürworter der geplanten Regelung verweisen dagegen auf den Schutz von Menschen, die online sexuelle Dienstleistungen oder entsprechende Inhalte anbieten. „Die virtuelle Welt ist derzeit ein Dschungel. Wir haben nichts, um dafür zu sorgen, dass diese jungen Frauen und Männer geschützt werden können“, sagt Isabelle Rauch von der Partei Horizons, Mitberichterstatterin des Gesetzentwurfs. Die befragten Creator verweisen dagegen auf bereits vorhandene Kontrollmechanismen der Plattformen. Diese unterscheiden sich je nach Anbieter.

Fabio Stallion nennt OnlyFans als Beispiel. Dort müsse jede Person, die in einem Video auftauche, ihre Zustimmung über die Plattform dokumentieren. „Das wird sehr streng kontrolliert. Selbst wenn die Person ihr Gesicht nicht zeigt, selbst wenn man nur eine Hand sieht, muss diese Person ein Formular ausfüllen. Und die Identität wird mithilfe künstlicher Intelligenz mit 3D-Gesichtserkennung überprüft, wie wenn man einen Vertrag beim Notar unterschreibt.“

OnlyFans setzt Grenzen 

Auch hinsichtlich der erlaubten Inhalte greifen Plattformen nach Darstellung der Creator teilweise stark ein. OnlyFans sei etwa bei bestimmten Fetischen restriktiv. „Wenn in deinem Video auch nur ein Tropfen Pisse vorkommt, wird der Upload gelöscht“, sagt Maxime Andolini. Auch Aufnahmen im öffentlichen Raum könnten von der Plattform abgelehnt werden. Die genauen Vorgaben unterscheiden sich allerdings von Anbieter zu Anbieter. Kinkoer verweist auf eine Alternative: „JustForFans ist für Kink besser als OnlyFans und verlangt, dass die Teilnehmer in den Videos markiert werden.“

Creator sehen Stigmatisierung 

Fabio Stallion und Tony Silver wünschen sich von der Politik einen anderen Schwerpunkt. Nicht ihre Tätigkeit selbst, sondern die gesellschaftliche Stigmatisierung erschwere ihnen das Leben. „Was uns im Leben behindert, ist die Stigmatisierung, mit der wir konfrontiert sind und an der die Gesellschaft arbeiten sollte“, sagen sie. Als Beispiel nennt das Paar Schwierigkeiten bei der Eröffnung eines Geschäftskontos. „Als er uns unsere Bankkarte geben wollte, machte der Filialleiter einen Rückzieher und erklärte, wir hätten ihm die Art unserer Tätigkeit mitteilen müssen“, berichtet Tony Silver.

Er habe den Eindruck, dass die Sichtweise der Betroffenen in der bisherigen parlamentarischen Diskussion zu wenig berücksichtigt worden sei. Deshalb will er die weitere Beratung des Gesetzes verfolgen. Ab dem 1. Oktober soll der Gesetzentwurf im Plenum beraten werden. Erst im weiteren parlamentarischen Verfahren wird sich zeigen, in welcher Form die umstrittenen Bestimmungen zur Online-Sexarbeit letztlich Bestand haben.

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