463 Zwillingspaare ausgewertet Zwillingsstudie belegt Gen-Beitrag zu trans* Identität
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der University of Melbourne hat in der Fachzeitschrift Scientific Reports neue Ergebnisse zur genetischen Mitbestimmung der Geschlechtsidentität veröffentlicht. Die Studie an 463 Zwillingspaaren deutet erstmals solide darauf hin, dass genetische Faktoren zusätzlich zu Umwelteinflüssen zur Entwicklung einer trans* Identität beitragen. Diese Erkenntnisse stellen gängige Vorurteile in Frage, wonach die Identität trans* Personen hauptsächlich durch soziale Faktoren wie Modetrends oder Gruppendruck entstehe.
Das Wichtigste im Überblick
- Eine Zwillingsstudie mit 463 Paaren zeigt eine deutlich höhere trans Konkordanz bei eineiigen als bei zweieiigen Zwillingen.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass beide eineiigen Zwillinge trans* sind, liegt laut Studie bei 21,2 Prozent, bei zweieiigen bei 8,7 Prozent.
- Die Ergebnisse bestätigen einen genetischen Beitrag, widerlegen aber einen alleinigen Einfluss von Genen.
- Die Forscher fanden keinen Beleg für einen pränatalen Hormontransfer als Erklärung.
- Fachleute warnen vor deterministischen Deutungen und betonen die komplexe Interaktion von Erbe und Lebensumwelt.
Genetische Mitbestimmung der Geschlechtsidentität belegt
Die Untersuchung verglich 222 eineiige mit 241 zweieiigen Zwillingspaaren, bei denen mindestens eine Person eine trans* Identität angab. Die Concordanz – also das gemeinsame Auftreten einer trans* Identität – war bei eineiigen Zwillingen mit 21,2 Prozent deutlich höher als bei den zweieiigen mit 8,7 Prozent. Dieser Unterschied wäre ohne einen genetischen Beitrag unwahrscheinlich, da eineiige Zwillinge fast identisches Erbgut teilen, während es zweieiige ähnlich wie Geschwister tun. Das Forschungsteam betont aber, dass keine einzelne Genvariante, sondern viele Gene und Umweltfaktoren zusammenspielen.
Keine Einzelauslöser und keine absolut festgelegte Identität
Auch nach diesen Ergebnissen kann die Geschlechtsidentität niemandem vollständig „in die Wiege gelegt“ werden. Die große Mehrheit – etwa vier von fünf – eineiiger Zwillingspaare war nicht gemeinsam trans. Damit bestätigen die Forschenden, dass Umwelteinflüsse jenseits der Genetik eine ausschlaggebende Rolle spielen. Der Begriff „Umwelt“ umfasst hier sämtliche nicht genetische Einflüsse, bereits vor der Geburt und während der gesamten persönlichen Entwicklung. Die Auswertung zeigte zudem keinen Hinweis darauf, dass pränatale Hormone allein die Identitätsentwicklung erklären.
Studienlage und offene Fragen für künftige Forschung
Die aktuellen Ergebnisse stimmen mit einer systematischen Übersichtsarbeit aus dem März 2026 in der Zeitschrift Behavior Genetics überein. Diese Analyse von sechzehn einschlägigen Studien zeigt, dass sowohl Vererbung als auch Umwelt nicht vernachlässigt werden können. Allerdings bestehen Begrenzungen hinsichtlich Repräsentativität und Datenerhebung, weshalb die Autorinnen und Autoren der Studien weitere Forschungen auf breiterer Basis fordern.
Das Ergebnis unterstreicht, dass die Identität trans* Menschen keineswegs als beliebig oder allein sozial beeinflusst gelten kann. Die nächste Forschungsaufgabe wird es sein, die spezifischen genetischen und umweltbasierten Faktoren in noch größeren Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.