Brutale Attacke in Lyon Schwule Künstler rennen in Problemviertel um ihr Leben
Sie waren gekommen, um zu tanzen. Stattdessen mussten sie unter homophoben Beleidigungen und dem Beschuss mit Feuerwerksmörsern um ihr Leben rennen und fliehen. Auf dem Place Gisèle-Halimi im Lyoner Stadtteil La Duchère präsentierten zwei Tänzer und ein Musiker der Kompanie „MF“ vor wenigen Tagen die Show „Say Something“, eine kostenlose Straßenaufführung, als die Situation eskalierte.
Das Wichtigste im Überblick
- Ein schwules Künstlertrio musste eine Straßenaufführung im Lyoner Stadtteil La Duchère abbrechen.
- Zunächst wurden die Künstler homophob beschimpft, anschließend mit hunderten Feuerwerksmörsern beschossen.
- Ein Musiker wurde verletzt, sein Computer durch einen Treffer zerstört.
- Die drei Straßenartisten mussten um ihr Leben rennen, um aus dem Problemviertel herauszukommen.
- Die Künstler machen der Stadtverwaltung Vorwürfe, weil bei der Veranstaltung keine Polizei vor Ort war.
- Die Stadt Lyon verurteilte den Angriff „mit größter Entschiedenheit“ und bezeichnete ihn als „äußerst schwerwiegend“.
Angriff auf Straßenaufführung
Die Vorstellung war Teil von „Tout l’monde dehors“, einem städtischen Festival, das jeden Sommer fast 200 Open-Air-Veranstaltungen anbietet. Doch diese eine Aufführung war indes schnell vorbei. Zunächst wurden die Künstler mit homophoben Beleidigungen beschimpft, anschließend mit einer Salve von Feuerwerksmörsern beschossen. Der Musiker der Gruppe wurde dabei verletzt. „Schon bei unserer Ankunft hatten wir das Gefühl, dass wir stören – beim Parken unserer Autos und sogar beim Aufbau unseres Materials“, berichtet Francesco Colaleo. Gemeinsam mit Maxime Freixas gründete er das Trio, das Tanz, Theater, Improvisation und Humor miteinander verbindet.
Die Performance hatte gerade begonnen, als ein Jugendlicher auf einem E-Scooter auftauchte und begann, um die Tänzer herumzufahren. „Während der gesamten Show tat er so, als würde er auf uns zufahren. Dann versuchte er, uns ins Gesicht zu schlagen, und schrie dabei ‚Schwuchtel‘ und ‚Tunte‘“, erzählt Francesco. Die Künstler beschlossen daraufhin, die Vorstellung abzubrechen. „Wir hatten Angst um unsere Sicherheit“, fasst Maxime zusammen. Doch noch während sie begannen, ihre Ausrüstung zusammenzupacken, eskalierte die Situation weiter. „Ein Hagel von Feuerwerksmörsern ging auf uns hernieder. Wir mussten um unser Leben rennen!“, empört sich Francesco.
Hunderte Feuerwerksmörser
Die Geschosse wurden von den umliegenden Wohnhäusern aus abgefeuert und zielten direkt auf die Künstlergruppe. Der Computer des Musikers wurde durch einen Treffer zerstört, außerdem wurde sein Trommelfell verletzt. „Wir haben überhaupt nicht verstanden, was da gerade passiert“, fährt Maxime fort. Er sieht auch „eine gewisse Verantwortung bei der Stadtverwaltung, die uns hierher geschickt hat, ohne Polizei oder Sicherheitskräfte“. Édouard Hoffmann, ein Stadtrat in Lyon, sieht in dem homophoben Angriff „das Symptom eines Viertels, in dem das Gesetz der Straße regelmäßig über dem Gesetz der Republik steht“.
Der Bürgermeister des Stadtbezirks, Emmanuel Giraud, räumte indes ein, dass La Duchère „ein schwieriges Viertel“ sei, in dem insbesondere der Anblick zweier tanzender Männer religiöse Überzeugungen verletzen könne. „Die Überwachungskameras könnten dabei helfen festzustellen, von wo aus die Feuerwerksmörser abgefeuert wurden, und ihre Urheber zu identifizieren“, hofft er. Gleichzeitig betonte er nachdrücklich: „Es kommt überhaupt nicht infrage, dass die Werte der Republik aus dem Viertel ausgeschlossen werden. Wir werden unsere kulturellen, sportlichen oder historischen Veranstaltungen nicht an eine Religion oder an einige Fundamentalisten anpassen, die das Viertel beherrschen würden.“
Stadt verurteilt den Angriff
Die Stadt Lyon verurteilte die Vorfälle ebenso „mit größter Entschiedenheit“ und bezeichnete sie als „äußerst schwerwiegend“. Der grüne Bürgermeister Grégory Doucet versicherte, dass die Stadtverwaltung „gegenüber allen Formen von Hass unnachgiebig bleiben“ und sich weiterhin für eine „offene, inklusive und respektvolle“ Stadt einsetzen werde. An die Künstler gerichtet bekräftigte er außerdem: „Ihr seid in Lyon immer willkommen.“ Bereits am Tag nach dem Vorfall kontaktierte die Kulturdezernentin von Emmanuel Giraud die Künstler und bot ihnen an, ihre Vorstellung in den kommenden Monaten erneut anzusetzen.
Ob die Künstler indes noch einmal im Problemviertel La Duchère auftreten, ist aktuell ungewisse: „Wir müssen über das Angebot noch nachdenken. Wir sind schon in Kroatien, Rumänien und in Ländern aufgetreten, in denen Homosexualität oft noch weniger akzeptiert wird – und die Menschen haben uns dort gedankt! Hier haben schon unsere einfachen glitzernden Kostüme ausgereicht, um eine solche Gewalt auszulösen. Das ist verrückt.“