Debatte über LGBTIQ+ in Afrika Wie lässt sich sinnvoll helfen? Und wie besser nicht?
Frankreich will im UN-Menschenrechtsrat gegen Gesetze vorgehen, die LGBTIQ+-Menschen kriminalisieren. Doch ausgerechnet Organisationen, die sich gegen solche Gesetze einsetzen, warnen jetzt vor den möglichen Folgen einer entsprechenden internationalen Initiative.
Das Wichtigste im Überblick
- 141 Organisationen aus Ländern mit Anti-LGBTIQ+-Gesetzen wenden sich gegen eine von Frankreich unterstützte Resolution im UN-Menschenrechtsrat.
- Die Organisationen betonen, dass sie das Ziel – die Abschaffung diskriminierender Gesetze – unterstützen, aber die Strategie für riskant halten.
- Sie warnen vor stärkerer Überwachung, Repression und Gewalt gegen LGBTIQ+-Menschen und Aktivisten.
- Outright International fordert Frankreich zugleich auf, seine historische Rolle bei der Verbreitung von Gesetzen gegen Homosexualität in ehemaligen Kolonien anzuerkennen.
- Nach Angaben der Organisation haben 52 von 65 Staaten, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen heute kriminalisiert werden, entsprechende Gesetze aus der Kolonialzeit übernommen.
- Aktivisten setzen statt internationalem Druck vor allem auf langfristige Arbeit vor Ort, etwa juristische Verfahren, politische Gespräche und Bündnisse mit der Zivilgesellschaft.
Ungeahnte Folgen vor Ort
Insgesamt 141 Organisationen haben eine Petition unterzeichnet, in der Frankreich aufgefordert wird, die Verabschiedung einer Resolution des UN-Menschenrechtsrats gegen Anti-LGBTIQ+-Gesetze nicht anzustreben. Die Unterzeichner kommen aus Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert werden. Dabei stellen die Organisationen ausdrücklich klar, dass sie das Ziel der Initiative nicht grundsätzlich ablehnen. „Unser Anliegen richtet sich nicht gegen das Ziel. Es geht um die Strategie.“ Ihre Sorge: Ein international sichtbarer Vorstoß könnte in den betroffenen Staaten als Einmischung von außen wahrgenommen werden und damit genau jene Menschen gefährden, die sich vor Ort für die Rechte von LGBTIQ+-Personen einsetzen. „Für viele Organisationen, die in Ländern arbeiten, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert werden, besteht die Gefahr, dass die vorgeschlagene Resolution Folgen nach sich zieht, die nicht Diplomaten in Genf und Politikern in Frankreich, sondern lokalen Aktivisten und Gemeinschaften aufgebürdet werden.“
Warnung vor weiterer Repression
Die Unterzeichner befürchten, dass staatliche und nichtstaatliche Akteure die Resolution als Beleg für die Behauptung verwenden könnten, die Rechte von LGBTIQ+-Personen seien Teil einer ausländischen Agenda. „Staatliche und nichtstaatliche Akteure, die die Rechte von LGBTIQ+-Personen bereits als ausländische Agenda darstellen, könnten eine öffentlichkeitswirksame internationale Resolution wie die vorgeschlagene nutzen, um die Überwachung zu verschärfen, den Spielraum für die Zivilgesellschaft weiter einzuschränken, mit repressiven Maßnahmen nachzulegen, Gewalttaten zu legitimieren, das Argument einer ‚ausländischen Agenda‘ zu stärken und in bestimmten Szenarien sogar Homosexualität erneut zu kriminalisieren oder Gesetze und Strafen zu verschärfen.“ Die Bedenken beruhten auf der politischen Situation in den jeweiligen Ländern und auf den Erfahrungen von Organisationen, die dort arbeiten.
Steter Tropfen höhlt den Stein
Nach Ansicht der Organisationen lässt sich ein dauerhafter Wandel deshalb nicht allein durch internationalen diplomatischen Druck erreichen. Entscheidend sei vielmehr die kontinuierliche Arbeit innerhalb der jeweiligen Gesellschaften. „In unseren jeweiligen Ländern werden Veränderungen häufig durch sorgfältige und langfristige Arbeit erreicht: strategische Klagen, Gespräche mit Abgeordneten, der Aufbau von Bündnissen mit einer breiteren Zivilgesellschaft, öffentliche Aufklärung, der Dialog mit religiösen Führungspersönlichkeiten und Akteuren aus den Gemeinschaften sowie beharrliche und kontinuierliche Arbeit vor Ort. Diese Bemühungen beruhen auf Vertrauen, Legitimität und lokaler Eigenverantwortung. Internationalen Initiativen, die als von außen vorangetrieben wahrgenommen werden, können diese Arbeit unbeabsichtigt erschweren und sie bisweilen sogar gefährden.“
„Nichts über uns ohne uns“
Kritik gibt es zudem am Zustandekommen der geplanten UN-Initiative. Organisationen aus Staaten, in denen homosexuelle und queere Menschen kriminalisiert werden, seien nicht ausreichend in die Vorbereitung einbezogen worden. „Wir sind auch besorgt darüber, dass viele Organisationen aus Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen kriminalisiert werden, bei der Entwicklung dieser Initiative nicht sinnvoll konsultiert wurden. Eine sinnvolle Konsultation bedeutet nicht lediglich, Gemeinschaften über bereits getroffene Entscheidungen zu informieren, sondern den betroffenen Gemeinschaften zu ermöglichen, Initiativen mitzugestalten und darüber zu entscheiden, ob und wie solche Initiativen weiterverfolgt werden. Das Prinzip ‚Nichts über uns ohne uns‘ sollte bei jeder internationalen Initiative zur Entkriminalisierung eine zentrale Rolle spielen.“
Frankreichs schwieriges koloniales Erbe
Noch grundsätzlicher fällt die Kritik der US-amerikanischen LGBTIQ+-Organisation Outright International aus. Sie fordert von Frankreich mehr Unterstützung für LGBTIQ+-Gemeinschaften im Globalen Süden. Gleichzeitig müsse das Land seine historische Verantwortung für die Verbreitung von Gesetzen gegen Homosexualität in seinen früheren Kolonien anerkennen. Unter der Überschrift „Koloniale Homophobie: Frankreichs unerforschte Hinterlassenschaft“ verweist die Organisation auf die widersprüchliche Geschichte Frankreichs. 1791 war Frankreich das erste westeuropäische Land, das „Sodomie“ entkriminalisierte. Dennoch überwachten französische Behörden weiterhin die sexuelle Vielfalt, um die kolonisierten Bevölkerungen zu kontrollieren.
Dieses Erbe sei heute noch in sechs ehemaligen französischen Kolonien, Mandatsgebieten oder Protektoraten sichtbar: Algerien, Kamerun, Libanon, Marokko, Senegal und Tunesien. Dort ließen sich bestehende Gesetze, die gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen kriminalisieren, auf die eine oder andere Weise auf die französische Herrschaft zurückführen. Outright International sieht darin einen wichtigen Teil der Geschichte heutiger Anti-LGBTIQ+-Gesetzgebung. Vier von fünf Staaten, die gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen kriminalisieren, hätten entsprechende Verbote aus der Kolonialzeit übernommen.
Hass aus der Vergangenheit
Eine neue Karte der Organisation kommt demnach zu dem Ergebnis, dass von den 65 Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Intimität heute strafbar ist, 52 – also 80 Prozent – solche Gesetze aus der Kolonialherrschaft übernommen haben. Die Vorschriften seien ursprünglich als Instrumente sozialer Kontrolle eingeführt worden. Bis heute trügen sie dazu bei, Diskriminierung und Gewalt gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen zu ermöglichen. Während die Mehrheit der betroffenen Staaten entsprechende Gesetze aus dem Britischen Empire übernommen habe, müsse auch die weniger untersuchte Rolle Frankreichs stärker berücksichtigt werden.
Frankreich müsse deshalb mehr für die Rechte, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe von LGBTIQ+-Menschen weltweit tun. Zugleich müsse die Regierung die eigene Rolle bei der Verbreitung gesetzlich verankerter Homophobie anerkennen. Die französische „Regenbogendiplomatie“ dürfe sexuelle und geschlechtliche Minderheiten nicht zusätzlich in Gefahr bringen.
Wenig Unterstützung für Organisationen
Besonders schwierig ist die finanzielle Situation von LGBTIQ+-Gruppen im frankophonen Afrika. Sie gehören nach Angaben von Outright International zu den am stärksten unterfinanzierten der Welt. Von 2013 bis 2020 erhielten sie weniger als ein Prozent der weltweiten LGBTIQ+-Fördermittel. In der Region leben rund fünf Prozent der Weltbevölkerung. Auch die Kürzung internationaler Hilfen habe Folgen. Einige frankophone queere Organisationen seien besonders stark getroffen worden, nachdem die US-Regierung Anfang 2025 den größten Teil ihrer Auslandshilfe eingestellt hatte.
Beim staatlichen Engagement für LGBTIQ+-Bewegungen liegt Kanada deutlich vor Frankreich. 2023 und 2024 entsprachen die kanadischen Mittel 0,24 Prozent der staatlichen Entwicklungshilfe. Frankreich stellte dagegen lediglich 0,025 Prozent bereit. Wegen dieser Differenz wenden sich frankophone LGBTIQ+-Aktivisten nach Angaben der Organisation häufig an Kanada und nicht an Frankreich, wenn sie Unterstützung benötigen. Outright International kritisiert darüber hinaus die französische Entwicklungspolitik insgesamt. Frankreich erschwere Fortschritte bei der Gleichstellung von LGBTIQ+-Menschen zusätzlich durch Kürzungen bei der Entwicklungshilfe.
Sexuelle Vielfalt vor der Kolonialisierung
Die Debatte berührt auch die Frage, wie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Afrika vor der europäischen Kolonialisierung aussah. Französische Kolonialherren betrachteten die von ihnen gewaltsam unterworfenen Bevölkerungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus einer vermeintlich moralisch überlegenen Position. Sie beschrieben diese Gesellschaften als sexuell dekadent und pervers. Von den Romanen des französischen Schriftstellers André Gide bis zu militärischen Zeitschriften gibt es zahlreiche historische Quellen, in denen Afrika und andere kolonialisierte Regionen als Orte besonderer sexueller Freizügigkeit beschrieben wurden. Dort schien demnach vieles erlaubt, was gesellschaftliche Normen in Europa untersagten.
In einigen vorkolonialen Gesellschaften existierten demnach Formen geschlechtlicher Vielfalt mit einem anerkannten gesellschaftlichen Status. Auch gleichgeschlechtliche Intimität findet sich in schriftlichen Berichten aus der französischen Kolonialzeit. Der französische Militärarzt Georges Saint-Paul etwa beklagte, dass heterosexuelle Männer unter dem Einfluss der kolonisierten Bevölkerungen „homosexuell werden“ und „manchmal auch bleiben“. Zugleich existierte sexuelle Vielfalt selbstverständlich auch in Frankreich.
„Un-Afrikanisch“ als politisches Argument
Heute wird die Geschichte teilweise in ihr Gegenteil verkehrt. Einige afrikanische Politiker und politische Bewegungen verbreiten die Vorstellung, homosexuelles Leben sei „unafrikanisch“. Diese Behauptung wird nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen zunehmend genutzt, um Gesetze gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen zu rechtfertigen und den Einsatz für gleiche Rechte einzuschränken. Die Debatte um die geplante UN-Resolution berührt damit nicht nur die Frage, wie Anti-LGBTIQ+-Gesetze weltweit bekämpft werden können. Sie stellt auch die Frage, welche Form internationaler Unterstützung den Menschen vor Ort tatsächlich hilft – und wann äußerer Druck ihre Arbeit sogar erschweren oder gefährden kann.