Direkt zum Inhalt

Kanadas neue Wege Wandel in der HIV-Versorgung als positives Zeichen

Von ms - 20.07.2026 - 13:30 Uhr
Kanadas neue Wege
Foto: Casey-House Toronto / Hariri Pontarini
ANZEIGE
Loading audio player...

Kanadas einziges spezialisiertes HIV-Krankenhaus, das Casey House in Toronto, erweitert sein Angebot deutlich. Nach fast 40 Jahren als Anlaufstelle für Menschen mit HIV und AIDS bietet die Einrichtung nun erstmals auch eine klassische hausärztliche Versorgung an. Der Schritt wird in Kanada als Wandel der HIV-Versorgung insgesamt und als positives Zeichen im Kampf gegen HIV selbst wahrgenommen. 

Das Wichtigste im Überblick

  • Das Casey House in Toronto bietet erstmals hausärztliche Grundversorgung an.
  • Die Einrichtung war ursprünglich als Hospiz für Menschen mit AIDS gegründet worden.
  • Rund 2.200 Menschen sollen im ersten Jahr einen Hausarztplatz erhalten.
  • Das Angebot richtet sich unabhängig vom HIV-Status an Menschen aus der Region.
  • Besonders homosexuelle und marginalisierte Gruppen sollen von der erweiterten Versorgung profitieren.
  • Die Verantwortlichen sehen die Erweiterung als wichtigen Schritt in der Geschichte der Einrichtung.

Grundlegender Wandel 

Menschen, die den Aufnahmeprozess durchlaufen, können künftig unabhängig von ihrem HIV-Status einen Platz bei einer Hausärztin oder einem Hausarzt erhalten – auch wenn sie zuvor noch keinen Kontakt zum Krankenhaus hatten. Die Erweiterung bedeutet einen grundlegenden Wandel für die kleine Klinik. Im ersten Jahr sollen mehr als 2.200 Menschen über Casey House eine feste medizinische Ansprechperson erhalten. Für die Verantwortlichen steht die Entwicklung auch symbolisch für den veränderten Umgang mit HIV. Seit den 1990er-Jahren, als die Zahl der HIV-Infektionen in Kanada ihren Höhepunkt erreichte, hat sich die medizinische Situation stark verändert. Medikamente wie PrEP und PEP können Infektionen wirksam verhindern. Moderne Therapien sind breiter verfügbar und bezahlbarer geworden. Zudem gilt als wissenschaftlich belegt, dass Menschen mit erfolgreicher HIV-Behandlung das Virus nicht weitergeben können.

Beratung und Suchtprobleme

Während einige HIV-Organisationen ihre Arbeit angesichts dieser Entwicklungen beendet haben, hat Casey House sein Angebot schrittweise ausgeweitet. Die Einrichtung unterstützt inzwischen auch Menschen ohne HIV – etwa durch psychologische Beratung, Hilfe bei Suchtproblemen, Physiotherapie, Massagen und die Ausgabe warmer Mahlzeiten. „Im ersten Jahresbericht von Casey House stand gleich auf der ersten Seite, dass wir, sobald HIV gelöst sei, Menschen mit anderen Krankheiten helfen würden“, sagt Joanne Simons, Geschäftsführerin von Casey House. „Und schon im ersten Jahr sagten sie damit, dass wir uns weiterentwickeln werden, um den Bedürfnissen der Gemeinschaft gerecht zu werden – ganz gleich, welche das sein mögen.“

Fehlende medizinische Grundversorgung

Die hausärztliche Betreuung sei bislang die entscheidende Lücke gewesen, erklärt Dr. Ed Kucharski, medizinischer Leiter von Casey House. „Wir haben Physiotherapie, Pflegekräfte, Ergotherapie und Unterstützung im Bereich psychische Gesundheit – aber wir haben keine Pflegefachkraft oder Ärztin beziehungsweise Arzt, die diagnostizieren und Medikamente verschreiben können“, sagt Kucharski. Dadurch habe es bislang keine umfassende Möglichkeit gegeben, Menschen mit zusätzlichen gesundheitlichen Problemen vollständig zu versorgen. Eine Person könne beispielsweise wegen einer warmen Mahlzeit zu Casey House kommen und gleichzeitig eine Verletzung oder Infektion haben.

Unterstützung für homosexuelle Menschen

Im Frühjahr 2025 kündigte die Regierung der kanadischen Provinz Ontario Investitionen von 2,1 Milliarden Dollar für den Ausbau der hausärztlichen Versorgung an. Casey House nutzte diese Gelegenheit, um das eigene Angebot auszuweiten. Eine Befragung unter etwas mehr als 100 der damals rund 2.000 betreuten Menschen ergab, dass mehr als zwei Drittel Interesse an einer hausärztlichen Versorgung durch Casey House hatten.

Mittlerweile wurde das Programm genehmigt und finanziert. Rund 2.200 Menschen sollen darüber Zugang zu medizinischer Grundversorgung erhalten. Besonders betroffen von Versorgungslücken ist demnach die queere und homosexuelle Community. In einer Untersuchung von Pink Triangle Press aus dem Jahr 2026 zu gesundheitlichen Ungleichheiten in Kanada nannten LGBTIQ+-Menschen den Mangel an Ärztinnen und Ärzten sowie anderen Gesundheitsfachkräften als größte Herausforderung. Lange Wartezeiten und Schwierigkeiten bei der Suche nach einer hausärztlichen Praxis folgten auf den weiteren Plätzen. „Fast zwei Millionen Menschen in Ontario haben keinen Zugang zu hausärztlicher Versorgung – und für unsere Gruppen wissen wir, dass es aufgrund all der Ausgrenzung, des Rassismus und der Diskriminierung noch schwieriger ist“, sagt Simons. „Dies ist der Ort, dem sie vertrauen.“

Ein Platz mit Geschichte 

Die Geschichte dieses Vertrauens reicht Jahrzehnte zurück. Casey House entstand in den 1980er-Jahren, als viele Menschen mit HIV gesellschaftlich isoliert waren und kaum Unterstützung erhielten. Die Journalistin und Aktivistin June Callwood beobachtete damals, wie zahlreiche junge Männer mit HIV allein und ohne Unterstützung starben. Aus Mitgefühl begann sie, diese Menschen zu Hause zu besuchen. Nach den positiven Erfahrungen gründete sie gemeinsam mit der Autorin und Aktivistin Margaret McBurney im Jahr 1986 Casey House als gemeinnützige Organisation – benannt nach Callwoods verstorbenem Sohn Casey.

1988 eröffnete die Einrichtung mit Unterstützung der Regierung Ontarios und Spenden aus der Gemeinschaft ihren Standort in der Huntley Street 9 und wurde Kanadas erstes HIV-Hospiz. „Es wurde ein Ort des Mitgefühls, der Würde und der Fürsorge, an dem Menschen sterben konnten, ohne dass ein Stigma damit verbunden war, homosexuell oder mit HIV diagnostiziert worden zu sein“, sagt Simons. Zu dieser Zeit lag die Lebenserwartung vieler Menschen mit HIV nach der Diagnose bei nur zehn bis 15 Monaten. Casey House bot ihnen einen Ort, an dem sie ihre verbleibende Zeit in Sicherheit und Würde verbringen konnten.

Ein Anlaufpunkt für alle Menschen

Während andere medizinische Einrichtungen Abstand zu HIV-Patientinnen und -Patienten hielten, entwickelte sich Casey House zu einem internationalen Beispiel für menschliche und respektvolle Versorgung. 1991 besuchte Prinzessin Diana das Hospiz. Bilder dieses Besuchs gingen weltweit um und wurden zu einem Symbol dafür, dass Menschen mit HIV berührt, respektiert und geliebt werden können. Mit dem Fortschritt der HIV-Therapie änderte sich auch die Arbeit der Einrichtung. 

Die 13 Hospizplätze wurden zunehmend für Menschen mit schweren Infektionen genutzt. Gleichzeitig baute Casey House ambulante Angebote aus. Bereits 2001 gingen Mitarbeitet auf die Straße und versorgten obdachlose Menschen sowie Menschen mit Suchterfahrungen – unabhängig vom HIV-Status. Mit Hilfe von Spenden konnte die Organisation zusätzliche Räume in einem benachbarten Gebäude in der Isabella Street nutzen. Wegen der veränderten Aufgaben wurde Casey House 2016 offiziell vom „Hospiz“ zum „Krankenhaus“ nach dem Public Hospitals Act der Provinz Ontario.

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

tazHomosexualität im japanischen Sport: Rui Takahashi macht den ganz mutigen AufschlagtazNeue ZDF-Serie: Das Geisterhaus im SchwarzwaldhessenschauTanzen gegen die Einsamkeit: Ein Ort, an dem sich queere Menschen nicht erklären müssenBerliner MorgenpostDie Sehnsucht im Italien der bleiernen Jahre: „Buch der Träume“Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Sollte die geplante automatische Weitergabe sensibler Daten in Baden-Württemberg verhindert werden?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Frankreich verbietet Dickpics

Hohe Strafen für Penisfotos

Frankreich will ungefragt verschickte Penisfotos unter Strafe stellen. Schon ein einziges Bild könnte künftig 15.000 Euro kosten, auch bei Dating-Apps
Schuluniformen in Pornos

Verbot in Großbritannien gefordert

In England wird über eine Petition debattiert, die Schuluniformen aus Pornofilmen verbannen und damit Jugendliche vor Sexualisierung schützen soll.
Justin Lui zieht Bilanz

Schwuler Olympionike hört auf

Der offen schwule Volleyball-Olympionike Justin Lui beendet seine Nationalmannschaftskarriere und blickt stolz auf sein Coming-Out zurück.
Coming-Out im Wandel

Schwul sein ohne Versteckspiel

Zwischen Angst und Selbstverständlichkeit: Das Coming-Out schwuler Männer hat sich in 30 Jahren grundlegend verändert.
Krise unter US-Jugendlichen

Queere Jugendliche ohne Zuhause

Junge LGBTIQ+-Menschen in den USA sind mehr als doppelt so häufig von Wohnungslosigkeit betroffen. Experten fordern jetzt bessere Hilfen.
Nackt durch Vice City

GTA 6 zeigt nackten Helden

Ein neuer GTA-6-Leak zeigt Hauptfigur Jason völlig nackt in Vice City. Rockstar bestätigt jetzt Nacktszenen für das kommende Spiel.
Heiratsantrag am Leuchtturm

Schwule Volleyballstars sagen Ja

Die schwulen Beachvolleyballer Tim Brewster und Kyle Friend haben sich verlobt. Der Heiratsantrag fand an einem Leuchtturm in Maine statt.
Gen Z altert schneller

Studie zeigt beschleunigtes Altern

Neue Studien deuten darauf hin, dass die queer-affine Gen-Z biologisch schneller altert. Die Hintergründe dafür sind noch nicht final erklärt.
Proteste gegen Harry Potter

Aktion gegen Lichter-Show in London

Aktivisten fordern ein Verbot der Harry-Potter-Weihnachtsbeleuchtung in London. Grund ist die Kritik an J. K. Rowlings Haltung zu trans* Rechten.