Direkt zum Inhalt

Ein Regenbogen allein reicht nicht mehr Pride und Marken

Von tb - 16.07.2026 - 10:45 Uhr
Pride Marken
Foto: © iStock / Michael Warren
ANZEIGE
Loading audio player...

Jedes Jahr ab Juni wird es bunt. Logos färben sich in Regenbogenfarben, Schaufenster zeigen Pride Motive, Unternehmen posten Solidaritätsbotschaften und Social Media wird für ein paar Wochen sichtbar queerer. Für viele Menschen in der LGBTIQ+ Community ist das zunächst einmal wichtig. Sichtbarkeit zählt. Gerade in einer Zeit, in der queere Rechte weltweit wieder stärker angegriffen werden, kann öffentliche Unterstützung durch große Marken ein Signal sein. Sie zeigt: Queere Menschen sind Teil der Gesellschaft, Teil der Kundschaft, Teil der Belegschaft und Teil des öffentlichen Lebens.

 

Pinkwashing als Strategie

Doch genau hier beginnt auch das Problem. Denn ein Regenbogen allein sagt noch wenig darüber aus, ob ein Unternehmen wirklich hinter der Community steht. Er kann Haltung zeigen. Er kann aber auch nur Marketing sein. Zwischen ernst gemeintem Engagement und so genanntem Pinkwashing liegt oft nur ein sehr schmaler Grat.

Pinkwashing bedeutet: Unternehmen nutzen queere Sichtbarkeit, um modern, offen und progressiv zu wirken, ohne dass dahinter echte Verantwortung steht. Im Juni wird die Regenbogenflagge gezeigt, im Rest des Jahres bleibt es still. Es gibt bunte Kampagnen, aber keine Unterstützung für queere Projekte. Es gibt Diversity Slogans, aber keine sicheren Strukturen für queere Mitarbeitende. Es gibt Pride Produkte, aber keine erkennbare Haltung, wenn die Community politisch oder gesellschaftlich unter Druck gerät.

Genau deshalb reagieren viele Menschen inzwischen skeptischer. Pride Kommunikation ist nicht mehr automatisch ein Pluspunkt. Sie wird geprüft. Was macht das Unternehmen wirklich? Unterstützt es queere Organisationen? Gibt es interne Antidiskriminierungsregeln? Werden trans, lesbische, schwule, bisexuelle und nicht binäre Mitarbeitende geschützt? Ist die Haltung auch dann sichtbar, wenn sie Gegenwind auslöst? Oder verschwindet der Regenbogen sofort, sobald es unbequem wird?

Aktuelle Umfragen zeigen, dass viele Verbraucherinnen und Verbraucher grundsätzlich erwarten, dass Marken nach Werten handeln. Gleichzeitig ist die Glaubwürdigkeit von Pride Kampagnen begrenzt. Viele Menschen unterscheiden sehr genau zwischen kurzfristiger Symbolik und langfristigem Engagement. Das ist eine wichtige Entwicklung. Denn sie macht klar: Die Community ist nicht einfach eine Zielgruppe, die man im Juni dekorativ ansprechen kann. Sie ist kritisch, informiert und müde von leeren Gesten.

 

Archiv FASH Medien KI

 

Sichtbarkeit bleibt wichtig

Dabei wäre es falsch, jede Pride Kampagne pauschal abzuwerten. Sichtbarkeit bleibt wichtig. Für junge queere Menschen kann es viel bedeuten, wenn große Unternehmen, Medien, Händler oder Dienstleister öffentlich zeigen, dass LGBTIQ+-Menschen dazugehören. In kleineren Städten, in ländlichen Regionen oder in konservativen Umfeldern kann ein sichtbares Zeichen durchaus Wirkung haben. Es normalisiert queeres Leben. Es macht deutlich, dass Vielfalt nicht versteckt werden muss. Es kann Mut machen.

Aber Sichtbarkeit ist nur der Anfang. Wer als Unternehmen wirklich glaubwürdig sein will, muss tiefer gehen. Dazu gehören klare interne Strukturen: Schulungen gegen Diskriminierung, Ansprechpersonen für queere Mitarbeitende, gleiche Rechte für Regenbogenfamilien, konsequentes Vorgehen gegen queerfeindliches Verhalten und eine Unternehmenskultur, in der Coming out nicht zum Karriererisiko wird. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch ein Logo, sondern durch Entscheidungen.

Auch nach außen braucht es mehr als eine Kampagne. Unternehmen können queere Beratungsstellen, Jugendprojekte, Kulturarbeit, HIV Prävention, Antigewaltprojekte oder CSD Vereine unterstützen. Sie können queere Medien buchen, statt nur kostenlose Sichtbarkeit mitzunehmen. Sie können sich politisch klar positionieren, wenn LGBTIQ+ Rechte infrage gestellt werden. Und sie können langfristige Partnerschaften aufbauen, die nicht nach den CSDs wieder verschwinden.

 

Offene Kommunikation

Ein weiterer Punkt ist Ehrlichkeit. Nicht jedes Unternehmen ist perfekt. Das erwartet auch niemand. Aber wer Pride Kommunikation betreibt, sollte offen damit umgehen, wo man steht und was man besser machen will. Eine glaubwürdige Botschaft könnte lauten: Wir wissen, dass ein Regenbogen nicht reicht. Deshalb unterstützen wir konkrete Projekte, verbessern interne Strukturen und bleiben auch nach dem Pride Month sichtbar. Das ist stärker als jede Hochglanzkampagne.

Besonders problematisch wird es, wenn Unternehmen in liberalen Märkten mit Pride werben, in Ländern mit queerfeindlichen Gesetzen aber schweigen. Diese Doppelmoral wird von der Community zunehmend erkannt. Haltung darf nicht nur dort gelten, wo sie bequem ist. Natürlich bewegen sich internationale Unternehmen in schwierigen politischen Rahmenbedingungen. Aber wer Vielfalt als Markenwert verkauft, muss erklären können, wie ernst dieser Wert gemeint ist.

Für die queere Community stellt sich deshalb die Frage: Wie gehen wir mit Marken um, die Pride für sich nutzen? Die Antwort kann nicht nur Ablehnung sein. Wirtschaftliche Unterstützung kann reale Wirkung haben, wenn Geld, Reichweite und Infrastruktur tatsächlich bei queeren Menschen ankommen. Gleichzeitig braucht es klare Erwartungen. Wer mit der Community werben will, muss auch etwas zurückgeben. Nicht irgendwann. Nicht nur symbolisch. Sondern konkret.

 

Archiv FASH Medien KI

 

Was bringt die Zukunft?

Die Zukunft von Pride Marketing wird deshalb weniger bunt, aber hoffentlich ehrlicher. Der reine Regenbogenmoment ist vorbei. Marken, die verstanden haben, worum es geht, werden nicht nur im Juni sichtbar sein. Sie werden zuhören, investieren, lernen und Verantwortung übernehmen. Marken, die das nicht tun, werden zunehmend als das erkannt, was sie sind: Unternehmen, die Vielfalt als Dekoration nutzen.

Pride war nie nur eine Party und auch nie nur ein Logo. Pride entstand aus Protest, aus Widerstand und aus dem Kampf um Würde, Sicherheit und gleiche Rechte. Wer sich darauf bezieht, sollte diesen Ursprung respektieren. Sichtbarkeit ist wichtig. Aber sie muss verbunden sein mit Schutz, Solidarität und echter Veränderung.

Am Ende ist die Frage an Marken ziemlich einfach: Seid ihr nur bunt, solange es sich gut verkaufen lässt? Oder steht ihr auch dann an unserer Seite, wenn Haltung etwas kostet? 

Anzeige

Auch Interessant

50 Jahre English Theatre

Feier mit Golden Season

Das English Theatre in Hamburg wird 50 Jahre jung und feiert dieses besondere Jubiläum mit einzigartigen Bühnenproduktionen.
HIQFF setzt auf Widerstand

Queeres Kino zeigt Haltung

Das 37. Hamburg International Queer Film Festival begeistert im Oktober erneut sein Publikum und setzt zudem auf Widerstand in schwierigen Zeiten!
Puppenalarm in Bochum

Tim Becker im Variete et cetera

Der schwule Bauchredner Tim Becker lässt seit Jahren erfolgreich seine Puppen tanzen und leiht ihnen seine Stimme. SCHWULISSIMO wollte mehr wissen.
Richtungswahl im Norden?

Zwsichen Rostock und Schwerin

Mecklenburg-Vorpommern wählt! Die Community blickt gespannt auf die Ergebnisse der Landtagswahl - und mitunter auch mit Skepsis und Ängsten.
Regierungswechsel in Berlin

Wahl zum Abgeordnetenhaus

In Berlin findet die Wahl zum Abgeordnetenhaus statt. Klar ist, dass es an der Spitze einen Wechsel geben wird, doch was bedeutet das für LGBTIQ+?
Ein Kuss mit Folgen

Baseball-Kollegen unter sich

Ein schwuler Kuss mitten auf einem US-Baseballspielfeld zwischen zwei Kollegen machte kürzlich Schlagzeilen. SCHWULISSIMO sprach mit einem der Männer.
Kommunalwahl in Niedersachsen

Wohin wandert die Community?

Bei den Kommunalwahlen in Niedersachsen entscheidet sich regional viel für LGBTIQ+-Gruppen und Vereine. Was steht alles auf dem Spiel?
60 Jahre Star Trek

Die Community und die Kult-Reihe

Wir feiern 60 Jahre Star Trek! Und ganz explizit feiert die Community mit, denn das Thema Vielfalt wurde in der Kult-Reihe schon früh groß geschrieben
Schicksalswahl Sachsen-Anhalt?

Deutschland blickt gen Osten

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist mehr als eine regionale Entscheidung, sie kann bundesweit von Bedeutung werden. Was bedeutet das für LGBTIQ+?