Internationaler Drag Tag Bedeutung und Relevanz dieser besonderen Kunstform
Es beginnt oft mit einem Lippenstift. Mit einer Perücke. Mit hohen Schuhen, Glitzer, falschen Wimpern und einer Bühne. Doch wer glaubt, Drag Queens seien lediglich extravagante Entertainerinnen in funkelnden Kleidern, unterschätzt die kulturelle und politische Bedeutung dieser Kunstform erheblich. Heute feiern wir den Internationalen Drag Tag (16. Juli), sodass es spätestens jetzt Zeit ist, dieser besonderen Performance und den Menschen dahinter mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Eine Geschichte, die viel älter ist als viele glauben
Drag ist heute weltweit sichtbar wie nie zuvor. Fernsehsendungen erreichen ein Millionenpublikum, Drag Queens moderieren Shows, veröffentlichen Musik, touren international und sind zu Ikonen der Popkultur geworden. Gleichzeitig stehen sie zunehmend im Zentrum gesellschaftlicher Debatten über Geschlecht, Sexualität und queere Sichtbarkeit. Die Geschichte der Drag Queens erzählt deshalb nicht nur von Unterhaltung. Sie erzählt auch von Ausgrenzung, Selbstermächtigung, Protest und Überleben. Die Wurzeln von Drag reichen mehrere Jahrhunderte zurück. Bereits im antiken Theater spielten Männer weibliche Rollen, weil Frauen auf vielen Bühnen nicht auftreten durften. Ähnliche Traditionen existierten später im europäischen Theater, etwa im elisabethanischen England zu Zeiten William Shakespeares. Auch dort wurden Frauenrollen ausschließlich von Männern dargestellt. Das hatte zunächst anfangs natürlich wenig mit queerer Identität zu tun. Es war vielmehr gesellschaftliche Norm. Dennoch entstand dadurch eine lange Tradition geschlechtlicher Darstellung auf der Bühne.
Der Begriff „Drag“ entwickelte sich vermutlich im 19. Jahrhundert. Eine verbreitete Theorie besagt, dass er sich vom englischen Verb „to drag“ ableitet — also „schleifen“ — weil lange Kleider über den Boden gezogen wurden. Historisch eindeutig belegt ist die genaue Herkunft des Begriffs allerdings nicht. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert tauchten Drag-Performances dann zunehmend in Varietés, Cabarets und Unterhaltungsbühnen auf. Besonders in Großstädten wie New York, Paris oder Berlin entstanden erste Räume, in denen Geschlechterrollen bewusst überzeichnet und spielerisch verändert wurden. Vor allem Berlin galt in den 1920er Jahren als Zentrum sexueller und kultureller Vielfalt. In der Weimarer Republik existierten queere Bars, Travestie-Lokale und Nachtclubs, in denen geschlechtliche Inszenierungen öffentlich stattfanden. Historiker verweisen häufig auf das liberale Klima jener Jahre — bevor die Nationalsozialisten queere Kultur brutal zerstörten. Mit der Machtübernahme der Nazis wurden homosexuelle Menschen verfolgt, queere Treffpunkte geschlossen und zahlreiche Künstlerinnen und Künstler kriminalisiert. Viele queere Lebensrealitäten verschwanden wieder im Untergrund.
Die Ballroom-Kultur verändert alles
Die moderne Drag-Kultur, wie sie heute verstanden wird, entstand maßgeblich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA — insbesondere innerhalb schwarzer und lateinamerikanischer LGBTIQ+-Communitys. Eine Schlüsselrolle spielte dabei auch die sogenannte Ballroom-Szene in New York. Seit den 1960er- und 1970er-Jahren organisierten queere Menschen Wettbewerbe, sogenannte Balls. Dort traten Teilnehmerinnen und Teilnehmer in verschiedenen Kategorien gegeneinander an — mit Mode, Tanz, Performance und Inszenierung. Viele der Beteiligten waren arm, diskriminiert oder von ihren Familien ausgestoßen worden. Die Ballroom-Kultur schuf deshalb nicht nur Bühnenräume, sondern viel mehr noch Ersatzfamilien. Diese Gruppen nannten sich „Houses“. Sie wurden oft von erfahrenen Drag Queens oder trans* Frauen geleitet, die jüngere queere und homosexuelle Menschen unterstützten. Dokumentiert wurde diese Welt eindrucksvoll im legendären Film „Paris Is Burning“ von Jennie Livingston aus dem Jahr 1990. Der Dokumentarfilm gilt bis heute als eines der wichtigsten Werke über queere Kulturgeschichte. Aus der Ballroom-Szene entstanden auch Begriffe und Ausdrucksformen, die später weltweit bekannt wurden — darunter „Voguing“, das durch Madonna Anfang der 1990er populär wurde.
Kampf für queere Rechte
Die Geschichte der Drag Queens ist überdies auch eng mit dem Kampf um LGBTIQ+-Rechte verbunden. Besonders die Stonewall-Aufstände von 1969 in New York gelten als Wendepunkt der modernen Homosexuellen-Bewegung. Damals wehrten sich Besucherinnen und Besucher der Bar „Stonewall Inn“ gegen Polizeigewalt und Razzien. Unter den Beteiligten waren auch Drag Queens. Bis heute wird gerne emotional aufgeladen darüber diskutiert, welche Personen konkret eine führende Rolle spielten. Historiker weisen darauf hin, dass die Ereignisse oft vereinfacht dargestellt werden. Unstrittig ist jedoch: Gender-nonkonforme Menschen gehörten zu den sichtbarsten und verletzlichsten Gruppen der damaligen queeren Szene. Drag wurde dadurch zunehmend auch politisch verstanden. Die bewusste Überzeichnung von Geschlecht wurde zur Provokation gegen gesellschaftliche Normen.
Was bedeutet es eigentlich, eine Drag Queen zu sein?
Eine Drag Queen ist in der Regel eine Person — häufig, aber nicht ausschließlich ein Mann —, die mit Kleidung, Make-up, Performance und Inszenierung eine weibliche Kunstfigur erschafft. Doch Drag ist keine feste Identität und kein klar definierter Beruf. Für manche ist es Kunst. Für andere Aktivismus. Für wieder andere Unterhaltung oder Selbstausdruck. Wichtig ist: Drag Queens sind nicht automatisch trans*. Und trans* Frauen sind nicht automatisch Drag Queens. Beides wird häufig verwechselt, beschreibt aber ganz unterschiedliche Dinge. Während trans* Menschen ihre Geschlechtsidentität leben, erschaffen Drag Queens meist bewusst eine Bühnenfigur oder Performance-Persona, oftmals stecken dahinter schwule Männer. Die Übergänge können dabei überdies fließend sein. Einige Künstlerinnen verstehen Drag als Teil ihrer Identität, andere ausschließlich als Performance. Typisch für Drag sind Punkte wie ein starkes Make-up, eine überzeichnete Weiblichkeit, eine auffällige Mode, Humor, Lip-Sync-Auftritte, Tanz, Moderation, Gesang oder Comedy. Viele Drag Queens entwickeln dabei eigene Charaktere mit individuellen Persönlichkeiten, Stimmen oder Stilen.
Erst Subkultur, dann Mainstream
Über Jahrzehnte blieb Drag weitgehend Subkultur. Das änderte sich grundlegend mit dem Erfolg von „RuPaul’s Drag Race“. Die US-amerikanische Realityshow startete 2009 und entwickelte sich zu einem globalen Phänomen. Moderator RuPaul Charles wurde zur bekanntesten Drag Queen der Welt. Er selbst besteht darauf, keine Drag Queen zu sein, sondern die Queen of Drag. In der Show treten Drag Queens in Wettbewerben gegeneinander an — mit Modeschauen, Comedy-Aufgaben, Tanzperformances und Playback-Duellen. Der Erfolg der Sendung machte Drag international massentauglich. Zahlreiche Länder entwickelten eigene Ableger, darunter Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien oder auch Deutschland. Damit veränderte sich auch die öffentliche Wahrnehmung. Drag Queens wurden zunehmend Teil der Mainstream-Kultur. Sie erschienen auf Magazincovern, in Werbekampagnen und Talkshows.
Plötzlich zu kommerziell?
Gleichzeitig kritisieren manche Veteraninnen der Szene, dass Drag dadurch kommerzialisiert worden sei. Andere sehen darin vor allem eine historische Chance auf Sichtbarkeit. Deutschland besitzt eine lange Tradition geschlechtlicher Bühnenkunst. Bereits in der Nachkriegszeit wurden Travestie-Shows populär. Besonders bekannt wurden Künstler wie Mary & Gordy oder Olivia Jones. Travestie und modernes Drag überschneiden sich teilweise, unterscheiden sich aber oft in Stil und Selbstverständnis. Während klassische Travestie häufig auf perfekte Illusion weiblicher Eleganz setzte, arbeitet modernes Drag oft bewusster mit Übertreibung, Brüchen und politischer Aussage. Ein bis heute berühmter Name aus Deutschland ist Lilo Wanders. Heute existiert in Deutschland eine vielfältige Szene. In Berlin, Hamburg, Köln oder München finden regelmäßig Drag-Shows statt.
Viele Künstlerinnen verbinden Performance mit Aktivismus, Clubkultur oder queerer Bildungsarbeit. Zu den bekanntesten deutschen Drag Queens gehören unter anderem Olivia Jones, Barbie Breakout, Katy Bähm oder Bambi Mercury. Vor allem jüngere Künstlerinnen orientieren sich häufig an internationalen Vorbildern und sozialen Medien. Plattformen wie Instagram oder TikTok haben die Szene überdies sehr stark verändert. Musste eine Olivia Jones in ihren Anfangsjahren noch Klingelputzen bei den Bars auf der Hamburger Reeperbahn und sich mühsam nach oben arbeiten, gelingt manchem Drag-Künstler heute bereits der Durchbruch mit seinem Auftritt in den sozialen Medien. Sichtbarkeit entsteht heute nicht mehr nur in Clubs, sondern immer stärker auch online. Allerdings kann der Ruhm in der schnelllebigen, digitalen Blase auch ebenso rasch wieder verschwunden sein.
Warum Drag Queens wichtig sind
Für viele LGBTIQ+-Menschen sind Drag Queens weit mehr als Entertainerinnen. Sie verkörpern Sichtbarkeit in einer Gesellschaft, die queere Menschen lange unsichtbar machte oder stigmatisierte. Besonders in Zeiten gesellschaftlicher Ausgrenzung wurden Drag Queens oft zu Symbolfiguren für Selbstbehauptung, Freiheit und mutige Frechheit. Viele queere und homosexuelle Jugendliche erleben Drag erstmals online oder im Fernsehen — und sehen dort Menschen, die Geschlechterrollen bewusst hinterfragen und Individualität feiern. Drag schafft außerdem Räume, in denen unterschiedliche Identitäten sichtbar werden können. Historisch spielten Drag Queens auch während der HIV/AIDS-Krise eine wichtige Rolle. Viele sammelten Spenden, organisierten Benefizveranstaltungen oder unterstützten erkrankte Community-Mitglieder.
Bis heute engagieren sich zahlreiche Künstlerinnen politisch — etwa gegen Diskriminierung oder für queere Rechte. Parallel zur wachsenden Popularität nehmen allerdings auch politische Angriffe auf Drag zu. Besonders in Teilen der USA wurden in den vergangenen Jahren Gesetze diskutiert oder verabschiedet, die Drag-Auftritte einschränken oder ganz verbieten sollen. Konservative Gruppen behaupten häufig, Drag gefährde Kinder oder sexualisiere die Öffentlichkeit. LGBTIQ+-Organisationen und Bürgerrechtsgruppen widersprechen dieser Darstellung entschieden. Sie verweisen darauf, dass Drag vor allem eine Form von Kunst und Performance sei — vergleichbar mit Theater oder Cabaret. Auch in Europa werden Diskussionen inzwischen immer schärfer geführt. Pride-Veranstaltungen und Drag-Lesungen geraten zunehmend ins Visier rechter Protestgruppen. Viele Beobachter sehen darin Teil eines größeren Kulturkampfes um Geschlechterrollen und queere Sichtbarkeit.
Was braucht man, um Drag Queen zu werden?
Eine klassische Ausbildung existiert nicht. Dennoch erfordert Drag zahlreiche Fähigkeiten. Wichtig sind oft Bühnenpräsenz, Kreativität, Improvisation, Styling, Make-up-Techniken, Modeverständnis, Selbstbewusstsein, Humor, Durchhaltevermögen und ein besonders freches Mundwerk. Viele Drag Queens bringen sich alles selbst bei — über Tutorials, Freundeskreise oder durch Erfahrungen auf kleinen Bühnen. Der Einstieg erfolgt häufig in Clubs oder bei Amateur-Wettbewerben. Erfahrene Künstlerinnen raten Anfängerinnen meist dazu, zunächst eine eigene Figur zu entwickeln. Entscheidend sei nicht Perfektion, sondern Persönlichkeit. Ebenso wichtig sei ein realistischer Blick auf die Arbeit hinter den Kulissen. Drag kann teuer und körperlich anstrengend sein. Perücken, Make-up, Kostüme und Schuhe kosten oft viel Geld. Hinzu kommen stundenlange Vorbereitungen vor Auftritten.
Zu den international bekanntesten Drag Queens gehören wie bereits erwähnt RuPaul aber auch Kolleginnen wie Divine, Trixie Mattel, Bianca Del Rio oder Sasha Velour. Eine besonders prägende Figur war Divine — die enge Muse des Regisseurs John Waters. Divine wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren zur Kultfigur des Underground-Kinos, bevor sie im März 1988 in einem Hotel in Los Angeles im Alter von 42 Jahren an einem schweren Herzinfarkt im Schlaf verstarb. In Deutschland gelten Olivia Jones oder Lilo Wanders als sehr prominente Wegbereiterinnen queerer Sichtbarkeit. Auch Travestiekünstler Georg Preuße ebnete als Mary zahlreichen Künstlerinnen nach ihm die große Bühne – Mary trat ab den 1990er Jahren alljährlich in großen Silvestershows im deutschen Fernsehen vor einem Millionenpublikum auf, zu einer Zeit, als homosexuelle Handlungen noch immer strafbar (Paragraf 175) und für viele Bundesbürger schwule Männer nach wie vor kranke Menschen zweiter Klasse waren.
Drag war nie nur Show
Doch auch mehrere Filme und Serien gelten heute als wichtige Darstellungen von Drag-Kultur: „Paris Is Burning“ (1990) dokumentiert die Ballroom-Szene in New York. „The Queen“ (1968) zeigt frühe Drag-Wettbewerbe in den USA. „Priscilla – Königin der Wüste“ (1994) erzählt die Geschichte zweier Drag Queens und einer trans* Frau in Australien. „To Wong Foo, Thanks for Everything! Julie Newmar“ (1995) wurde ebenso zum Kultfilm. Die Serie „Pose“ des schwulen Masterminds Ryan Murphy porträtiert Ballroom-Kultur und HIV-Krise der 1980er-Jahre. Viele queere Experten betonen allerdings, dass Drag-Kultur gerade heute weit vielfältiger sei als ihre Darstellung im Fernsehen. Wer Drag Queens heute auf Bühnen sieht, sieht oft Glitzer, Humor und große Gesten. Doch hinter der Kunstform steckt eine lange Geschichte von Ausgrenzung und Widerstand. Drag war nie nur Show. Es war immer auch ein Mittel, gesellschaftliche Grenzen sichtbar zu machen — und zu überschreiten. Vielleicht erklärt gerade das die enorme Faszination, die Drag bis heute auslöst. Denn in einer Welt, die Menschen oft in feste Rollen pressen will, zeigt Drag eine radikale Alternative: Identität kann gespielt, verändert, überzeichnet und neu erfunden werden. Und manchmal beginnt genau darin Freiheit. (ms)