Eine Kirche für alle? Queere Katholiken und ihre Hoffnungen
Immer wieder keimte in den letzten Jahren die Hoffnung auf, die katholische Kirche öffne sich ernsthaft für Homosexuelle und queere Menschen. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe war für Reformpläne offen und Papst Franziskus erlaubte Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, wenngleich auch unter sehr engen Richtlinien. Mit dem neuen Papst Leo XIV. scheint sich die Aufbruchstimmung verflüchtigt zu haben. SCHWULISSIMO fragte nach bei Markus Gutfleisch vom katholischen LSBT+Komitee, ein kirchenpolitisches Arbeitsbündnis, dem sieben Gruppen sowie interessierte Einzelpersonen aus der Community angehören.
Wie erleben queere Gläubige heute die katholische Kirche?
Als queere Gläubige erleben wir sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Deutungen. Ein Teil der Menschen sieht spürbare Erfolge. Vor 25 Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Bischöfe, pastorale Gremien, Gemeinden oder kirchliche Medien für queere Menschen in der Kirche interessieren. Heute möchten immer mehr Gemeinden queerfreundlich und queersensibel werden. Der Synodale Weg in Deutschland war umfassender und verbindlicher als alles, was wir vorher hatten. Papst Franziskus hat betont, dass man in der Seelsorge nicht moralische Gesetze anwenden darf, „als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“. Das finde ich nach wie vor stark. Doch: Mit diesen kleinen Öffnungen verbindet sich auch Hoffnung auf echte Teilhabe queerer Menschen in der Kirche. Diese wird immer wieder enttäuscht. Es ist traurig, aber verständlich, dass viele – nicht nur queere – Personen in der Kirche keine Zukunft mehr sehen. Es ist eben auch eine Realität, dass Menschen die Kirche verlassen und auch eine tiefe Erschütterung ihres Glaubens erleben. Ich bin über jede Person, die geht, traurig. Die Kirche verliert die Menschen und ihre Potenziale. Eine dritte Gruppe von Personen, zu denen wir als Katholisches LSBT+Komitee zählen, ist sehr realistisch. Wir gehen nicht, wir bleiben. Kritisch, mutig und getragen durch unseren Glauben und gemeinsame Erfahrungen. Im Grunde sprechen wir simultan zwei Sprachen, die Sprache der Kirchen und die von queeren Communitys. Wir müssen in beiden unbequem sein und an die jeweils andere Sprache erinnern.
Queere Menschen im Kirchendienst berichten auch heute noch trotz Aktionen wie OutinChurch von Ausgrenzung, Angst und fehlender Anerkennung.
Die gesamte Kirche muss queerfreundlicher und queersensibler werden. Da geht es um Gemeinden und Arbeitsplätze, Regelungen, um das, was nach außen geäußert wird und wie es geäußert wird, vor allem aber um einen Kulturwandel. Für viele Menschen hat sich die Situation in der Gemeinde oder am Arbeitsplatz verbessert. Wir sind sehr daran interessiert, von positiven und auch von negativen Beispielen zu hören. Wenn heute noch eine Person in einer Einrichtungen diskriminiert wird, weil sie queer ist, müssen wir alles dafür tun, dass das ein Ende findet.
Papst Leo hat sich mehrfach gegen Reformen für Homosexuelle ausgesprochen. Wie bewerten Sie den aktuellen Kurs des Vatikans?
Der neue Papst setzt andere Akzente als sein Vorgänger. Das muss man akzeptieren. Und man muss verstehen, dass Veränderungen in der katholischen Kirche nie als Paukenschlag geschehen. Es ist ganz wichtig, die Frage nach dem Umgang der Kirche mit queeren Menschen in einem größeren Zusammenhang zu betrachten. Es geht um viel mehr: Um die Abkehr von einer Klerikerkirche und um die Gleichberechtigung von Menschen aller Geschlechter. Das steht auf der Tagesordnung, und das weiß man in Rom und in vielen Teilen der Weltkirche. Da erleben wir, dass viele sich Veränderungen vorstellen können und diese auch wollen. Gleichzeitig gibt es tiefe Angst vor möglichen Reformen. Und wer Angst hat, hält am bisherigen fest. Dazu gehören kirchliche Lehraussagen zu Homosexualität und Geschlechterfragen, die nicht akzeptabel sind. Papst Leo findet andere Fragen wichtiger, aber wir haben eine Weltsynode, bei der 375 Personen neue Wege finden wollen. Die Studiengruppe, die sich mit Fragen der kirchlichen Lehre, Pastoral und Ethik befasst, hat Lebensberichte von zwei schwulen Männern gehört; leider scheinen andere queere Personengruppen nicht vorzukommen. Dennoch ist das Dokument dieser Studiengruppe ein Fortschritt: Da wird das Leid, in das auch die katholische Kirche Homosexuelle stürzt, benannt, es wird an die fatalen Auswirkungen von Konversionstherapien erinnert, da wird klar, dass es nicht beim Zuhören bleiben kann, sondern dass sich die Lehre auch aufgrund der kirchlichen und pastoralen Praxis ändern kann. Zurück zu Papst Leo: Ich denke, er will, dass alles geordnet verläuft. Wir sehen da noch viele Potenziale. Wir müssen gut beobachten, was er sagt und tut, vor allem aber, mit wem er sich berät. Zwei Kardinäle sind zum Katholikentag gefahren und haben sich aus erster Hand über die Kirche in Deutschland informiert. Was sie berichten, landet auch beim Papst. Und es überrascht nicht, dass andere, konservative Kardinäle auf die Barrikaden gehen. Auf lange Sicht gibt es gar keine Alternative zu einer Öffnung der Kirche für Menschen in vielfältigen und damit auch in queeren Lebensformen. Ich bin sicher, dass das dem Papst bewusst ist.
Mit Bischof Heiner Wilmer steht ein neuer Vorsitzender an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz. Welche Hoffnungen verbinden Sie mit seiner Amtszeit?
Wir sind durchaus optimistisch, was Wilmers bisherige Positionierung zu den Fragen queerer Menschen betrifft; er trägt die wichtigen Beschlüsse des Synodalen Wegs zu Homosexualität und geschlechtlicher Vielfalt mit. In seinem bisherigen Bistum gibt es queere Pastoral und Segnungsfeiern für queere Paare; in seinem künftigen Bistum Münster ist das genauso. Wir halten Wilmer für sehr klug und dialogbereit, wie übrigens auch seinen Vorgänger, Bischof Bätzing. Beide sind vom Synodalen Weg geprägt, wo es ja um Mitberatung und Mitentscheidung durch gewählte Vertreter:innen der Nicht-Bischöfe geht. Wilmer hat einen schweren Job übernommen, weil eine Minderheit von vier Bischöfen die Reformen blockieren. Da jeder Bischof in seinem Bistum eigenständig entscheiden kann, hat der Vorsitzende nicht allzu viel Macht, an den Verhältnissen etwas zu ändern. Wir haben die Hoffnung, dass Wilmer sowohl durch den Vatikan wie auch durch die konservativen Bischöfe mehr Respekt erfährt, als es bei Bischof Bätzing der Fall war. Da geben wir die Hoffnung nicht auf, dass der Heilige Geist nochmal stärker durch bestimmte Bistümer weht, damit sich Bischöfe dort wieder mehr auf den Weg des Kirchenvolks begeben, dass auch die Menschen nicht locker lassen und durch einen künftigen Wechsel auf manchem Bischofsstuhl eines Tages mehr möglich ist.
Haben Sie das Gefühl, dass die deutsche Kirche in einer Art Dauerkonflikt mit Rom steckt? Immer wieder ist die Rede von einer Zerreißprobe.
Eine grundlegende Veränderung der Lehre ist nicht ohne den Vatikan möglich. Da gibt es theologische Konzepte, die davon ausgehen, dass die römisch-katholische Lehre eine große Familie ist, die aber an verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Antworten kommt und unterschiedlich entscheidet. Es hätte auch viele Vorteile, die Kirche näher zu den Menschen zu bringen. Die derzeitigen synodalen Prozesse in Deutschland und weltweit gehen ja in diese Richtung. Es geht also nicht darum, isoliert und aus deutscher Perspektive nur queere Fragen zu beachten, sondern ergebnisoffene Beratungen und Entscheidungsprozesse generell zu organisieren. Darin ist die katholische Kirche bisher nicht sehr geübt, denn der Papst ist an Synodenbeschlüsse nicht gebunden – er kann alleine entscheiden. Es kommt also darauf an, insgesamt die Beteiligung von Nicht-Bischöfen und vor allem von nicht-männlichen Personen zu stärken. Nach unserem Eindruck ist die Gesprächs- und Konfliktkultur bei internationalen Tagungen gar nicht so schlecht. Es scheint aber auch Gesprächsverweigerung zu geben. Da sind noch harte Bretter zu bohren, aber eines ist klar: Queere katholische Menschen leben in allen Kontinenten der Erde. Queere Fragen sind keine deutschen Fragen. Selbstverständlich haben das auch viele europäische und internationale Bischöfe formuliert. Vielleicht sollten sie sich untereinander besser vernetzen.
Knapp die Hälfte der 27 Bistümer in Deutschland ermöglicht homosexuelle Segnungen, ein flächendeckendes Angebot bleibt angesichts konservativer Hardliner wie Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki schwierig. Außerdem bleiben die strengen Regeln bestehen, eine Art Segnung Light.
Segnungen von Paaren, die nicht offiziell heiraten dürfen, gab es schon immer. Diese Gottesdienste sollten der Liebe des Paares, den Angehörigen und Gästen, aber auch der Seelsorge-Person gerecht werden. Es geht um Menschen, die ihr Leben miteinander gestalten, gegenseitig Verantwortung übernehmen und ihren Lebensweg unter den Schutz Gottes stellen. Die Paare wollen nicht irgendwas hingeworfen bekommen. Wo Gott ins Spiel kommt, das Leben bereichert und ermutigt, da wird es dann auch feierlich. Wir möchten, dass genau das hier gesehen wird. Der Zehn-Sekunden-Segen, den Rom gestattet hat, wird niemandem gerecht. Es ist unverständlich und lieblos, wie manche Bischöfe sich ängstlich an ihren vermeintlichen Gehorsam zu Papst und Weltkirche klammern. Evangelium heißt, von der Liebe Gottes zu allen Menschen zu sprechen.
Wie reagieren konservative katholische Gruppen auf queere Forderungen?
Konservative Gruppen innerhalb wie außerhalb der katholischen Kirche beobachten sehr genau, wie sich die Kirche zu queeren Menschen positioniert. Jede Person, die sich für queere Rechte engagiert, wird angegriffen. Die Vorstellung, dass queere Menschen Teil der Kirche sind, passt ihnen einfach nicht. Das gilt auch für Gruppen und Freikirchen, die sich sehr modern geben. Sie publizieren und posten alles Mögliche, um zu beschreiben, wie eine richtige Frau oder ein richtiger Mann zu leben oder zu lieben hätten. Manche hätten gerne, dass alles bleibt, wie es ist, und dass kritische Menschen die Kirche verlassen. Wir erleben in vielen Gemeinden und kirchlichen Gruppen aber auch Offenheit und Interesse. Die Dialogbereitschaft ist groß – Dialog ist ja auch keine Einbahnstraße. Wir sind sehr an Netzwerken, öffentlichen Diskussionen und gut organisierten Gesprächsformaten, auch mit konservativen Menschen, interessiert.
2025 sank die Zahl der Mitglieder der beiden großen Kirchen in Deutschland um rund 1,1 Millionen, darunter 550.000 Katholiken. Kritiker sagen, die katholische Kirche verliere insbesondere junge Menschen, weil sie bei Themen wie Sexualität und Vielfalt nicht mehr anschlussfähig sei. Was müsste hier geschehen?
Veränderung ist möglich; die Kirche hat auch ihre Lehre immer wieder mal geändert. Die Grundbotschaft bleibt selbstverständlich, aber manche Dinge sind zeitlich oder kulturell bedingt und können durchaus anders geregelt werden. Wir möchten in einer Kirche leben, die die Botschaft von Gottes Liebe zu allen Menschen ernst nimmt. Beziehungen, Liebe, Partnerschaft, da braucht es eine Kirche, die Menschen begleitet und nicht reglementiert. Das Gerede von Sünde oder „Gender-Ideologie“ muss aufhören. Es braucht mehr Anerkennung für queere Theologie, es braucht qualifizierte Ansprechpersonen für queere Menschen, Begegnungsangebote, eine queersensible und diskriminierungssensible Sprache. Regenbogenflaggen an Kirchtürmen sind ein guter Anfang, aber da geht noch mehr. Als Kirche muss man auch mal die eigene Bubble verlassen und ganz schlicht mit queeren Menschen darüber sprechen, was sie vor Ort brauchen und von der Kirche erwarten. Die Kirche muss ein Ort werden, an dem Menschen Schutz erfahren, die Vielfalt von Menschen und Lebensformen wertgeschätzt wird und Geschlechtergerechtigkeit endlich lebt. Kirchliche Einrichtungen könnten sich der Charta der Vielfalt anschließen. Dort, wo queere Menschen verfolgt oder kriminalisiert werden, braucht es eine starke Stimme, die sich für uns einsetzt. Weil das alles noch nicht der Fall ist, gibt es eine lange Geschichte von Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Kirche. Wenn die Kirche das wirklich aufarbeitet, müsste sie zu einem authentischen Bekenntnis ihrer Schuldgeschichte finden. Wir werden uns dieses Thema im Dezember bei einer Tagung anschauen, gemeinsam mit OutinChurch und dem LSVD+.
Herr Gutfleisch, vielen Dank für das Gespräch.