Rotstift in Hamburg? Sparkurs auch bei der HIV-Prävention in der Hansestadt?
Weltweit wird in diesen Tagen mit dem Rotstift an viele Projekte zur HIV-Prävention herangegangen, obwohl HIV-Experten eindringlich davor warnen. Aktuell halten sich auch Gerüchte über Kürzungen im kommenden Doppelhaushalt in Hamburg. SCHWULISSIMO fragte nach bei Omer Idrissa Ouedraogo, Geschäftsführer und Vorstand der Aidshilfe Hamburg.
Wie schätzt Du die gegenwärtige Lage ein?
Die aktuelle Situation ist für uns sehr besorgniserregend. Die Gerüchte über mögliche Kürzungen im Doppelhaushalt sorgen sowohl intern als auch extern für große Verunsicherung. Unsere Mitarbeiter*innen und die Menschen, die wir unterstützen, sind besorgt über die Zukunft unserer Angebote und die Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung.
Welche konkreten Folgen hätten finanzielle Kürzungen?
Finanzielle Kürzungen würden direkte Auswirkungen auf unsere Beratungs- und Präventionsangebote haben. Besonders gefährdet wären unsere niedrigschwelligen Beratungsangebote, die Menschen ohne Zugang zu regulären Gesundheitsdiensten unterstützen. Auch unsere Präventionsprojekte, die sich an gefährdete Gruppen richten, wären stark betroffen, was zu einem Anstieg von Neuinfektionen führen könnte.
Warum wäre es gerade jetzt problematisch, im Bereich HIV zu sparen?
Gerade in Zeiten, in denen wir mit einer Zunahme an HIV-Neudiagnosen und einer wachsenden Diskriminierung, Rassismus und Stigmatisierung von Menschen mit HIV/Aids konfrontiert sind, ist es wichtig, präventive Maßnahmen und Beratungsangebote aufrechtzuerhalten und auszubauen. Die Mittelkürzungen bedrohen die existenzielle Hilfe für die Verletzlichsten in unserer Gesellschaft. Einsparungen würden nicht nur die individuelle Gesundheit gefährden, sondern auch die gesamte öffentliche Gesundheit. Wir müssen zusammenstehen und uns für die Unterstützung aller einsetzen!
Gibt es Entwicklungen, die eher für einen Ausbau als für Kürzungen sprechen?
Ja, wir beobachten einen steigenden Beratungsbedarf, insbesondere unter Jugendlichen, Geflüchteten und Migrant*innen. Außerdem steigen die Anforderungen an unsere Angebote durch neue Herausforderungen, wie zum Beispiel die psychischen Folgen der Pandemie und die gesellschaftliche Isolation vieler Menschen mit HIV/Aids. Diese Entwicklungen sprechen klar für einen Ausbau unserer Dienstleistungen.
Wie würden sich Kürzungen im Alltag bemerkbar machen?
Kürzungen würden sich in längeren Wartezeiten für Beratungen, einem Rückgang der Präventionsmaßnahmen und einer geringeren Erreichbarkeit von Hilfsangeboten äußern. Menschen, die dringend Unterstützung benötigen, würden weniger Zugang zu den notwendigen Informationen und Hilfen haben, was zu einer Erhöhung der Ansteckungsgefahr führen könnte.
Was würden Personen, die bislang keinen Kontakt zur Aidshilfe hatten, vermutlich unterschätzen?
Viele Menschen unterschätzen die Bedeutung unserer Arbeit für die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Unsere Angebote sind nicht nur lebensrettend, sondern auch wichtig für die soziale Integration und das Empowerment der Menschen mit HIV/Aids.
Welche Botschaft möchtet Ihr den Verantwortlichen senden?
Wir bitten die Entscheidungsträger, die Bedeutung der HIV-Prävention und -Beratung ernst zu nehmen und die notwendigen Mittel bereitzustellen, um die Arbeit von Organisationen wie der Aidshilfe Hamburg e.V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Aids Hamburg (LAG) zu sichern. Investitionen in unsere Angebote sind Investitionen in die Gesundheit der gesamten Gesellschaft. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass niemand zurückgelassen wird.Gesundheit ist ein Grundrecht – keine Kürzung sollte das Recht auf Unterstützung und Prävention gefährden.
Omer Idrissa, vielen Dank für das Gespräch.