Direkt zum Inhalt
Der Blick auf uns

Der Blick auf uns Welche Probleme, welche Chancen hat die queere deutsche Community?

ms - 09.01.2026 - 16:00 Uhr
Loading audio player...

Geht es vorwärts oder stecken wir in puncto LGBTIQ+-Rechte doch eher fest im neuen Jahr 2026 mit Blick auf Europa aber auch auf die Bundesregierung? Droht ein Rückschritt bei den Rechten für queere Menschen oder doch nicht? Die letzten Zahlen der ILGA Europe sowie der ILGA World lassen hier zumindest Bedenken aufkommen. 

Entwicklungen in Europa 

Im letzten Jahr 2025 konnte sich Deutschland bei den rechtlichen und politischen Einstellungen im internationalen Vergleich leicht auf den achten Platz von 49 Ländern verbessern. Andere Partnerländer wie beispielsweise Großbritannien verloren indes massiv bei der letzten Rainbow Map. Nützt es uns also wirklich etwas, nur auf Deutschland zu blicken, wenn in unmittelbarer Nähe Rückschritte zu verzeichnen sind? „Die Entwicklungen in Großbritannien, Ungarn, Georgien und darüber hinaus sind nicht nur ein Zeichen für isolierte Rückschritte, sondern für einen koordinierten globalen Gegenschlag, der auf die Auslöschung von LGBTIQ+-Rechten abzielt und zynisch als Verteidigung der Tradition oder der öffentlichen Stabilität dargestellt wird, in Wirklichkeit aber darauf abzielt, Diskriminierung zu verfestigen und abweichende Meinungen zu unterdrücken“, warnte im letzten Sommer bereits Katrin Hugendubel, Direktorin von ILGA Europe. 

Ähnlich sieht das auch die Kollegin von ILGA World, Julia Ehret: „Die Errungenschaften des letzten Jahrzehnts in Bezug auf die Gleichstellung der Geschlechter, die körperliche Autonomie, die Rechte von LGBTIQ+-Personen und die Rechenschaftspflicht der Regierungen sind bedroht. Sie müssen und werden verteidigt werden.“ Ein paar Eckdaten dazu: Die gleichgeschlechtliche Ehe in Europa gibt es bis heute nur in 22 Ländern, ein Personenstandswechsel für trans* Menschen ist in zwölf Ländern möglich. Pride-Paraden sind in mindestens vierzehn Ländern eingeschränkt oder werden politisch angegriffen. 

Versprechungen der EU

Die EU-Kommission verspricht mit ihrer neuen Gleichstellungsstrategie für 2026 bis 2030, dass alles besser wird. Ziel sei es dabei, LGBTIQ+-Menschen stärker vor Gewalt zu schützen, Diskriminierung abzubauen und gleiche Rechte für queere Personen in allen Lebensbereichen zu stärken. Zudem soll gegen Hass und Hetze im Internet vorgegangen werden. Ein EU-Aktionsplan soll außerdem gegen Cybermobbing helfen, dazu soll es neue Richtlinien für inklusive Einstellungsverfahren im Beruf geben. 

Dabei betonte die EU-Gleichstellungskommissarin Hadja Lahbib das grundsätzliche Problem: „Errungenschaften werden infrage gestellt, was wir als akzeptiert glaubten, macht besorgniserregende Rückschritte. Europa muss dieser Leuchtturm, dieser Pionier bleiben.“ So gut die Idee der EU klingt, so fraglich ist, wie durchsetzungsfähig die Strategie tatsächlich ist. In den letzten fünf Jahren habe die EU im Bereich LGBTIQ+ „kläglich versagt“, so das Statement von mehr als einer queeren Organisation in Europa. 

Dazu kommt ein weiteres Problem: Laut dem letzten „Ipsos LGBT+ Pride Report 2025“ ist zum wiederholten Male ein weltweiter Rückgang von Akzeptanz gegenüber queeren Menschen zu verzeichnen. Aktuell unterstützt weniger als die Hälfte der Weltbürger (47%) noch LGBTIQ+-Personen – ein Rückgang um acht Prozentpunkte innerhalb von vier Jahren. Ipsos spricht von einer „signifikanten weltweiten Verschlechterung“. Anti-Diskriminierungsgesetze zum Schutz von queeren Menschen befürworten nur noch 51 Prozent, vor zwei Jahren waren es noch 57 Prozent. Lesben, Schwulen, Bisexuellen und trans* Menschen gestehen 72 Prozent einen grundsätzlichen Diskriminierungsschutz zu. 

Der Blick nach Deutschland 

In Deutschland konnten sich die Zahlen zuletzt zumindest stabilisieren. Die Mehrheit der Deutschen spricht sich auch nach wie vor für gleiche Rechte aus. Beim generellen Thema Schutz vor Diskriminierung sind die Werte sogar leicht wieder angestiegen, 78 Prozent der Befragten befürworten dies für Lesben, Schwule und Bisexuelle, 75 Prozent für trans* Personen. Erstaunlich allerdings: Wenn es um konkrete Anti-Diskriminierungsgesetze geht, wird dies nur noch von 49 Prozent der Deutschen befürwortet, jeder fünfte Bundesbürger (18%) will solche Gesetze keineswegs. 71 Prozent befürworten auch die Ehe für Schwule und Lesben – nur zehn Prozent sprechen sich hier dezidiert dagegen aus. 

Nach so vielen Daten, wie sieht die Lage also wirklich aus? Manchmal kann hier ein wenig Abstand helfen, die Dinge einzuordnen. Zudem ist es vielleicht besonders spannend zu sehen, wie queere Menschen in anderen Ländern zum Jahreswechsel auf Deutschland und die LGBTIQ+-Community blicken. SCHWULISSIMO fragte nach bei Daniel Furter von Pink Cross in der Schweiz, Direktor Rémy Bonny von Forbidden Colour in Belgien, Freek Janssens von COC in den Niederlanden sowie Direktorin Joanna Hindley von Stonewall UK und Direktor James Roberts von Human Gay Male UK, beide aus Großbritannien.

Wie blickt ihr auf LGBTIQ+ in Deutschland? 

Furter (Schweiz): Aus der Außenansicht nehme ich wahr, dass Deutschland bei der rechtlichen Gleichstellung von LGBTIQ+-Personen sehr fortschrittlich ist und nach der Ehe für alle und dem Gleichbehandlungsgesetz wichtige Schritte erreicht sind. Handlungsbedarf besteht sicherlich auch weiterhin in Bezug auf queere Elternschaft und ihre rechtliche Anerkennung. Betreffend Organisationen fällt positiv auf, dass es mit dem Verband Queere Vielfalt eine sehr breit aufgestellte Dachorganisationen gibt. In letzter Zeit war in der Schweiz vor allem die Diskussion um die Regenbogenfahne zum CSD auf dem Bundestag wahrnehmbar.

Bonny (Belgien): Deutschland bleibt einer der wichtigsten Bezugspunkte Europas für Menschenrechte, hat jedoch an Dynamik verloren. Während die rechtliche Gleichstellung beispielsweise durch das Selbstbestimmungsgesetz vorangekommen ist, hat sich die politische Stimme des Landes für LGBTIQ+-Rechte in Europa abgeschwächt. Vor einigen Jahren stand Deutschland im Zentrum der Koalition „Friends of the Rule of Law” in Brüssel, die Maßnahmen gegen den demokratischen Rückschritt in Ungarn und Polen koordinierte. Heute hat Berlin diese Gruppe stillschweigend verlassen. Dieser Rückzug sendet eine beunruhigende Botschaft aus: Wenn Deutschland, der Motor der Europäischen Union, langsamer wird, verliert die gesamte Union ihre Richtung.

Roberts (Großbritannien): Ich habe Deutschland immer als recht liberal und tolerant gegenüber Homosexualität angesehen, als Vorreiter in Europa in dieser gesellschaftlichen Frage. In den letzten Jahren scheint es jedoch eine „progressive“ Übertreibung gegeben zu haben, wie in weiten Teilen des Westens und insbesondere in den USA, wo Ideologien immer stärker Fuß fassen und keineswegs progressiv, sondern vielmehr autoritär sind. Wie überall, wo diese Ideologie vorherrscht, halte ich dies für die größte Bedrohung für homosexuelle Menschen in Deutschland. An zweiter Stelle könnte der steigende Anteil der Bevölkerung stehen, der einer Religion angehört, die offen und ausdrücklich homophob ist, der Islam. Für homosexuelle Menschen besteht in diesem demografischen Wandel ein besonderes Risiko, das dadurch verschärft wird, dass Menschen die Diskussion darüber vermeiden, wie wir Einwanderung und Integration erfolgreich bewältigen können.

Wie geht es Homosexuellen und queeren Menschen aus eurer Sicht aktuell in Deutschland?

Furter (Schweiz): Grundsätzlich habe ich den Eindruck, dass es LGBTIQ+-Menschen in Deutschland gut geht und das sie im Vergleich zur Schweiz ein sehr viel größeres und diverseres Angebot an queerer Kultur und Partys genießen können. Die Stimmungsmache der AfD verunsichert aber sicher einige Menschen und hier erscheint es wichtig, das prominente Stimmen aktiv gegensteuern. 

Bonny (Belgien): Im Inland genießt die LGBTIQ+-Gemeinschaft starken Schutz, aber das allgemeine Klima ist polarisierter geworden. Rechtsextreme Narrative haben Eingang in die Mainstream-Debatten gefunden und greifen häufig Transgender-Personen und Pride-Veranstaltungen an. Gleichzeitig tun Institutionen so, als sei der Fortschritt unumkehrbar. Das ist er jedoch nicht. Der Aufstieg der AfD und die Normalisierung von Hassreden sollten ein Weckruf sein. Deutschland muss die Gleichberechtigung sowohl im Inland als auch in ganz Europa proaktiv verteidigen.

Immer wieder betonen LGBTIQ+-Verbände die Wichtigkeit des Zusammenhalts. Würdet ihr euch auch mehr Zusammenhalt zwischen den Communitys der einzelnen Länder wünschen? 

Furter (Schweiz): Der Austausch zwischen verschiedenen Ländern und Organisationen ist sicher zu begrüßen. Leider scheitert dieser oft an den sehr beschränkten Ressourcen, über welche die einzelnen Akteur*innen verfügen. Aktuell kann beobachtet werden, wie queerfeindliche Kampagnen aus dem angelsächsischen Raum auch in verschiedenen europäischen Ländern ausgerollt werden. Eine Vernetzung könnte hier helfen, Gegensteuer zu geben und die Solidarität der LGBTIQ+-Gemeinschaft zu stärken.

Bonny (Belgien): Auf jeden Fall. Die Anti-LGBTIQ+-Bewegung agiert grenzüberschreitend, von Moskau über Washington bis nach Budapest und Berlin, und unsere Reaktion muss ebenso koordiniert sein. Bei Forbidden Colours bringen wir Aktivisten aus Budapest, Sofia und Warschau mit EU-Politikern und Spendern zusammen. So sieht echte Solidarität aus: Nicht nur Empathie, sondern auch eine gemeinsame Strategie und Schutz. Wenn Ungarn den Pride verbietet, wenn die Slowakei ihre Verfassung ändert, um den „Progressivismus“ anzugreifen, dann sind das keine lokalen Ereignisse – es sind Angriffe auf die Europäische Union selbst. Wir brauchen Solidarität, die diese geopolitische Realität versteht. Zivilgesellschaftliche Organisationen wie auch Forbidden Colours stehen vor einer Finanzierungskrise. Wir haben in den letzten Jahren wichtige Arbeit zum Schutz unserer Rechte geleistet, aber die Regierungen haben unsere Mittel drastisch gekürzt. Wenn wir wollen, dass Organisationen weiterhin unsere Gemeinschaft rechtlich schützen, müssen wir die Finanzierung aufstocken.

Janssens (Niederlande): Internationale Solidarität ist immer wichtig und Teil unserer Strategie. Die europäische Dachorganisation ILGA Europe ermöglicht europäischen LGBTI+-Organisationen eine effiziente Zusammenarbeit.

Hindley (Großbritannien): Es gibt eine enorme Solidarität innerhalb der LGBTQ+-Bewegung weltweit und in Europa, aber die Wahrheit ist, dass Rechte aktiv eingeschränkt werden und repressive Regierungsregime das Leben für LGBTQ+-Personen extrem erschweren. Wir haben weltweit zahlreiche Beispiele dafür gesehen, wie Rechte in Frage gestellt, angefochten und zurückgenommen wurden. Stonewall unterhielt durch seine Arbeit in Afghanistan beispielsweise bereits enge Beziehungen zu Deutschland. Anfang 2025 schloss Deutschland jedoch seinen Neuansiedlungsweg für diese LGBTQ+-Personen, sodass viele nun in Afghanistan festsitzen oder im benachbarten Pakistan auf andere Optionen warten.

Roberts (Großbritannien): Echte Solidarität unter homosexuellen Menschen und Organisationen, insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Gruppen und Communitys in verschiedenen Regionen und Ländern, ist unerlässlich. 

Was sind derzeit die größten Probleme von LGBTIQ+-Menschen in eurer Heimat?

Furter (Schweiz): Nach der Einführung der Ehe für alle und dem Diskriminierungsschutz verbleiben vor allem bei der Familiengründung verschiedene Hürden. So besteht weiterhin in diversen Regenbogenfamilien-Konstellationen keine originäre Elternschaft und Kinder sind somit schlechter geschützt. Ebenfalls besteht Handlungsbedarf bei der systematischen Erfassung von Hate-Crimes und einer zielführenden Bekämpfung queerfeindlicher Gewalt. Ganz aktuell sind es politische Forderungen zur Einschränkung von Transitions-Behandlungen, wo wir aktiv mit Aufklärung und Vorstößen dagegenhalten.  

Bonny (Belgien): LGBTIQ+-Personen werden von denen, die die Demokratie zerstören wollen, als politische Waffe benutzt. Die Anti-Rechte-Bewegung importiert bewusst die Weltanschauung des Kremls und Trumps in die EU und stellt queere Menschen als Bedrohung für die nationale Identität dar. Vom ungarischen Gesetz gegen „LGBTIQ+-Propaganda“ bis hin zu den jüngsten Verfassungsänderungen in der Slowakei – hier kommt die Trojanische-Pferd-Strategie Russlands zum Tragen, die die EU von innen heraus schwächt. Das Problem ist nicht nur Hass, sondern auch die Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit und der europäischen Einheit.

Janssens (Niederlande): Wie im übrigen Europa scheint die Anti-Rechte-Bewegung auch  bei uns immer lauter zu werden, und die Rechte der Community müssen geschützt werden. Gleichzeitig wissen wir, dass die niederländische Bevölkerung die LGBTI+-Community nach wie vor unterstützt.

Hindley (Großbritannien): Hier im Vereinigten Königreich sind wir in der globalen Rangliste der LGBTQ+-Rechte zurückgefallen, und wir beobachten, dass Feindseligkeit, Diskriminierung und Spaltung offener zum Ausdruck gebracht werden. Die LGBTQ+-Rechte sind zwar hart erkämpft, aber nach wie vor fragil. In den letzten Monaten haben wir mehrere rückschrittliche Maßnahmen erlebt. Die Finanzierung der LGBTQ+-Bewegung ist weltweit zurückgegangen, und im Vereinigten Königreich sind die Mittel für LGBTQ+-Dienste unglaublich knapp. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist in den USA bedroht, und einige sagen, wir hätten das Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe hier im Vereinigten Königreich gar nicht erst verabschieden sollen. Viele Transgender-Personen stehen auf extrem langen Wartelisten für die Gesundheitsversorgung, was sie einem Risiko aussetzt. Viele Transgender-Personen und geschlechtsuntypische Frauen haben auch zunehmend Angst, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Vorurteile gegenüber marginalisierten Gruppen sind unannehmbar hoch. Diese Anti-LGBTQ+-Stimmung greift auch auf einige Arbeitsplätze über. Einige Organisationen schrauben ihre Aktivitäten im Bereich Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) zurück – und dort, wo sie sich weiterhin den DEI-Grundsätzen verpflichtet fühlen, benennen viele ihre Aktivitäten um oder legen sie mit anderen Abteilungen zusammen. 

Weltweit verzeichnen immer mehr LGBTIQ+-Organisationen ein Rollback, ein Zurückdrängen bereits erreichter Rechte für homosexuelle und queere Menschen. Dazu nehmen die gewalttätigen Angriffe zu, vielerorts sinkt außerdem die Akzeptanz in der Gesellschaft. Wie erlebt ihr die Situation vor Ort? 

Furter (Schweiz): Wir haben zwar in großen Teilen eine Gleichstellung vor dem Gesetz erreicht, das Sensibilisieren der Gesellschaft für die Rechte und gegen die Diskriminierung von LGBTIQ+-Personen ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Dies nutzen einige wenige laute Stimmen, um gezielt gegen queere Anliegen und Menschen zu hetzen. Wir haben aber letzten Sommer eine repräsentative Umfrage in der Schweiz durchgeführt und diese zeigt, dass über 80 Prozent der Bevölkerung für eine vollständige Gleichstellung von LGBTIQ+-Personen einstehen und entsprechende Diskriminierungen verurteilen. Diese Zahlen stimmen sehr positiv in Bezug auf die allgemeine Akzeptanz in der Gesellschaft.

Janssens (Niederlande): Wir können und müssen eine positive Alternative zu den angstgeschürten Narrativen der rechtsextremen Bewegung sein und in nationale und internationale Zusammenarbeit und Solidarität investieren.

Roberts (Großbritannien): Ich glaube nicht, dass die Akzeptanz von Homosexualität abnimmt, zumindest nicht nach meiner Erfahrung in Großbritannien oder nach dem, was ich über die Situation in den USA und ähnlichen westlichen Demokratien sehe und lese. Das Problem liegt darin, dass Menschen sich gegen die Nachteile der Geschlechtsidentität aussprechen und diese dabei mit Homosexualität verwechseln. 

Wie blickt ihr auf diese Entwicklung von LGBTIQ+ in Europa?

Furter (Schweiz): Die Entwicklungen zum Verbot von LGBTIQ+-Organisationen, welche in Russland ihren Anfang genommen haben und über verschiedene osteuropäische Länder zunehmend auch nach Westeuropa gelangen, machen Angst. Hier wäre es besonders wichtig, dass progressive Organisationen deutlich Gegensteuer geben.

Bonny (Belgien): Wir müssen diese Entwicklungen als Bedrohung für unsere Demokratie betrachten, nicht nur als soziale Probleme. Die Gleichstellung von LGBTIQ+ ist ein Test dafür, ob die EU noch für ihre Gründungswerte steht. Wir brauchen politischen Mut, nicht noch mehr symbolische Erklärungen. Die Europäische Kommission muss Gerichtsverfahren einleiten, wenn Gesetze gegen EU-Verträge verstoßen, und die Mitgliedstaaten müssen dies mit Taten unterstützen. Unsere unterfinanzierte Zivilgesellschaft kann dies nicht alleine bekämpfen. Wenn Regierungen queere Menschen zu Sündenböcken machen, ist das ein Warnsignal für alle. Die Verteidigung der Rechte von LGBTIQ+ bedeutet die Verteidigung der Europäischen Union selbst.

Hindley (Großbritannien): Europa ist ein großer Kontinent, und es ist sicherlich nicht so, dass alle Regierungen einen ähnlichen Ansatz verfolgen. Europa war früher eine Bastion der fortschrittlichen Gleichberechtigung, aber das kann man heute nicht mehr sagen. Wir wissen jedoch, dass es viele Menschen gibt, die die Bewegung unterstützen und sich wie bisher dafür einsetzen – sei es durch Teilnahme an Protesten, durch Briefe, durch Aktivitäten in den sozialen Medien, durch Argumente im Parlament oder einfach durch Solidarität. 

Müsste sich Deutschland mehr für LGBTIQ+-Rechte in Europa einsetzen? 

Furter (Schweiz): Es wäre sicher wünschenswert, dass die Länder, in denen die Menschenrechte und der Rechtsstaat eine große Bedeutung genießen, diese aktiv in Europa und auch gegenüber Ländern, in denen rückwärtsgewandte Entwicklungen sich abzeichnen, klar verteidigen. Dies muss in meinen Augen aber vor allem mit der Stärkung von LGBTIQ+-Organisationen vor Ort geschehen. Ein schönes Beispiel war die Budapest Pride mit rekordverdächtiger Teilnahme im letzten Jahr. 

Bonny (Belgien): Ja, viel mehr! Deutschland ist der Motor der Europäischen Union. Wenn Berlin zögert, fallen andere zurück. Wir haben jetzt Mitgliedstaaten wie Ungarn und die Slowakei, die als Trojanisches Pferd Russlands innerhalb der EU agieren und LGBTIQ+-Menschen als Zielscheibe nutzen, um die Demokratie zu zerstören und Europa zu spalten. Deutschland muss sich engagieren: klar, laut und mit Konsequenzen. Es kann damit beginnen, vor dem Europäischen Gerichtshof Klage gegen Ungarns Pride-Verbote und Anti-LGBTIQ+-Gesetze zu erheben. Schweigen ist Mittäterschaft. Europa braucht Deutschland als Vorreiter, nicht als Beobachter.

In wenigen Worten, woran denkt ihr, wenn ihr „Deutschland“ und „LGBTIQ+“ in einem Satz hört?

Furter (Schweiz): CSD Berlin und Köln Pride, Anne Will und Dunja Hayali, Teddy Award, Berghain und Lab. 

Bonny (Belgien): Lähmung. Deutschland könnte der moralische und politische Motor der Gleichberechtigung in Europa sein, muss aber seinen Mut wiederfinden. Unsere Union hängt davon ab.

Hindley (Großbritannien): Ein Wochenende voller Nachtleben in Berlin. Und ich vermute, dass viele schwule Männer außerhalb Deutschlands, insbesondere aber in Großbritannien und in London, ähnlich antworten würden beim Gedanken an Deutschland. 

Vielen Dank euch allen für das Gespräch.

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Finsternis über Russland

Putins eisiger Kampf gegen LGBTIQ+

Im Jahr 2025 hat Russland seinen Kampf gegen LGBTIQ+ immer weiter radikalisiert. Wie die Lage derzeit vor Ort ist, berichtet ein schwuler Flüchtling.
Die Zukunft des Mannes

Wohin entwickeln wir uns?

Wie sollen schwule Männer im 21. Jahrhundert sein? Und wohin entwickeln wir uns? SCHWULISSIMO sprach mit Männerexperte Markus Theunert.
Drogenkonsum in der Community

Die Zahl der Konsumenten steigt an

Chemsex ist nur eine Variante von Drogenkonsum in der Community, generell steigen die Fallzahlen immer weiter rapide an, warnen Experten.
Das Tor zur Hölle

Das Leben der Community in Uganda

Seit rund zwei Jahren gibt es in Uganda das Anti-Homosexuellen-Gesetz, seitdem hat sich die Lage für LGBTIQ+-Menschen dramatisch verschlechtert.
LGBTIQ+ in Flammen

Ein weltweites Rollback

Die Lebensrealität der Community wird weltweit immer öfter angegriffen, LGBTIQ+ steht in Flammen. Wie treten wir dem Rollback entgegen?
Queer-Beauftragte Sophie Koch

Exklusiv: Erstes Interview im Amt

SPD-Politiker Sophie Koch ist die neue Queer-Beauftragten der Bundesregierung. Im ersten Interview im Amt erklärte Sie SCHWULISSIMO ihre Schwerpunkte.
Gewalt unter Männern

Raus aus dem Tabu

Gewalt in Partnerschaften? Da haben wir sofort Angriffe gegen Frauen im Kopf, dabei ist jedes dritte Opfer männlich - auch in schwulen Beziehungen!
Ein Leben in der Hölle

LGBTIQ+ und die Taliban

Seit 2021 herrschen die Taliban erneut in Afghanistan. Für LGBTIQ+-Menschen ist das Leben vor Ort immer mehr zur Hölle geworden - ohne jeden Ausweg.
Wer kann Kanzler?

Die Grünen und Robert Habeck

Wer kann Kanzler? SCHWULISSIMO stellt die Kandidaten und ihre Ideen für die Bundestagswahl 2025 vor. Im Portrait: Die Grünen und Robert Habeck.