Direkt zum Inhalt

Pride-Verbot in Ungarn Scharfe Kritik am Kuschelkurs der EU-Kommission von Seiten queerer Vereine

Von ms - 02.04.2025 - 08:20 Uhr
Pride-Verbot in Ungarn
Foto: IMAGO / Depositphotos
ANZEIGE
Loading audio player...

Mitte März beschloss das Parlament in Ungarn unter Federführung von Ministerpräsident Victor Orbán, dass Pride-Demonstrationen im ganzen Land als Erweiterung des Anti-Homosexuellen-Gesetzes von 2021 verboten werden – die Organisation oder Teilnahme an einem solchen Marsch wird nun mit Geldstrafen, Überwachung oder sogar Gefängnis bestraft. Seitdem regt sich im Land massiver Widerstand, tausende Menschen sind Woche für Woche zu Demonstrationen auf die Straße gegangen. Die Empörung am System Orbán nimmt auch international an Lautstärke zu, nur die EU scheint bisher eher auf Kuschelkurs zu bleiben.  

Botschaften weltweit üben Kritik 

Bis heute haben bereits 22 Botschaften ihre große Besorgnis über das Pride-Verbot erklärt und betonten die Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf freie Meinungsäußerung, darunter auch Deutschland, Österreich, Polen, Frankreich, Großbritannien, Slowenien und Tschechien. Die Botschaften verweisen dabei überdies auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sowie die Europäische Menschenrechtskonvention. „Wir verpflichten uns zur Achtung, zum Schutz und zur Verwirklichung der Menschenrechte und Grundfreiheiten aller Menschen – unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder geschlechtlichen Merkmalen“, so die gemeinsame Erklärung. Nicht unterschrieben haben unter anderem die USA. 

Scharfe Kritik an der EU-Kommission 

Die internationale LGBTIQ+-Organisation Forbidden Colours bekräftigte jetzt überdies, dass bereits das Gesetz von 2021 verfassungswidrig gewesen sei – weswegen dagegen aktuell auch eine EU-Klage läuft. Nun müsse Europa endlich schnell reagieren, so Direktor Rémy Bonny: „Forbidden Colours fordert von der Europäischen Kommission sofortige rechtliche Schritte gegen das Gesetz zum Verbot von Pride-Märschen in Ungarn. Und wie hat die Europäische Kommission bisher darauf reagiert? Mit einem Tweet. Bundespräsidentin Ursula von der Leyen gab keine eigene Erklärung ab. Sie retweetete es. Das ist nicht genug. Nicht einmal annähernd. In einer Zeit, in der LGBTIQ+-Menschen in Ungarn zum Schweigen gebracht, überwacht und kriminalisiert werden, nur weil sie sich friedlich versammeln, ist es nicht die Aufgabe der Kommission, zuzuschauen – sie muss handeln. Gemäß den Verträgen ist sie rechtlich verpflichtet, die Werte der EU zu wahren und die Grundrechte zu verteidigen. Mit Tweets lässt sich der Pride nicht schützen.“

Rechte aller Menschen in akuter Gefahr

Dabei betont die Organisation sowie ihre Partner-Verbände weiter, dass es hierbei nicht „nur“ um die Community geht, sondern um grundsätzliche Rechte aller Menschen. So erlaubt das neue Verbot nicht nur Gefängnisstrafen von bis zu einem Jahr, sondern auch den Einsatz von Gesichtserkennung zur Identifizierung von Teilnehmern – erneut ein Verstoß gegen die EU-Grundrechtecharta und gegen Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. „Hier geht es nicht nur um Ungarn. Es geht um die Integrität der Rechtsordnung der Europäischen Union. Es geht darum, ob die EU-Bürger das Recht haben, sich in einem EU-Mitgliedstaat friedlich zu versammeln.“ Und weiter: „Die EU-Kommission hat die Instrumente. Sie hat das Mandat. Was ihr im Moment fehlt, ist der politische Wille. Wenn die Kommission nicht reagiert, signalisiert sie Ungarn – und allen Mitgliedstaaten –, dass die Unterdrückung von Minderheiten in der heutigen EU politisch akzeptabel ist“, betont Bonny. 

Wendepunkt für die EU-Kommission 

Ähnlich sieht das auch Esther Martinez, Geschäftsführerin von RECLAIM: „Es ist beunruhigend, dass so viel Aufmerksamkeit auf die Konfrontation mit Putin verwendet wird, aber kaum etwas unternommen wird, wenn sich die EU-Mitgliedstaaten genauso verhalten wie er. Das Verbot von Prides ist ein Weckruf. Wenn so etwas Extremes unwidersprochen bleibt, schafft das einen gefährlichen Präzedenzfall – wenn so etwas passieren kann, kann alles passieren. Wenn die Pride in einem EU-Mitgliedstaat ohne Konsequenzen verboten werden kann, ist der Präzedenzfall für andere geschaffen. Dies ist ein Wendepunkt. Und die Kommission ist nirgendwo zu finden.“

Und der juristische Leiter von Forbidden Colours, Vincent Reillon, fragt direkt: „Sind wir eine Union, die das Recht verteidigt, so zu sein, wie wir sind – oder eine, die sich hinter Social-Media-Posts versteckt, wenn es politisch unbequem wird? Dies ist ein entscheidender Moment für die Europäische Union!“ 

Die bisherige Antwort Ungarns zur massiven Kritik der queeren Verbände wie auch der Botschaften weltweit fällt indes eher dürftig aus: „Wir sind ein souveräner Staat. Wir haben es nie akzeptiert und werden es auch künftig nicht akzeptieren, dass uns jemand von außen vorschreibt, wie wir zu leben haben“, so Ungarns Außenminister Péter Szijjártó. Einmal mehr betonte der Politiker, dass das neue Gesetz zum Schutz der Kinder verabschiedet worden sei. 

Anzeige
ANZEIGE

QUEERE PRESSESCHAU

Süddeutsche ZeitungNews-Überblick: Das sind die Nachrichten des TagesSüddeutsche Zeitung„Sextortion“ in München: Er wollte sich zum Sex treffen. Dann wurde er erpresstrbb24Queere Demo in Kreuzberg: Mehrere tausend Menschen fordern Schutz queeren LebensndQueeres Leben | Casa Kuá Demo in Berlin: »Hände weg von Trans Leben!«Alle Meldungen ansehen
ANZEIGE

Umfrage der Woche

Welche Rolle sollten politische Forderungen auf CSDs spielen?

Choices
Artikel zur Umfrage lesen
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Streit um schwule Veteranen

Großbritannien sucht Einigung

Zwei schwule Ex-Soldaten kämpfen um Entschädigung für ihre erzwungene Entlassung. Die britische Regierung will jetzt einen Prozess vermeiden.
UEFA bestraft Fußballfans

Stadionkurve droht Sperre

Wegen homophober Fangesänge muss Olympique Lyon 20.000 Euro zahlen. Bei weiteren Vorfällen droht dem französischen Club eine Stadionsperre.
Mehr Druck auf die Türkei

Kanada betont LGBTIQ+-Rechte

Kanada baut seine Beziehungen zur Türkei aus, spricht aber zugleich die zunehmende Verfolgung von LGBTIQ+-Menschen unter Erdoğan an.
Putin soll Trump helfen

Kampf vor US-Zwischenwahlen

Russische Desinformationskampagnen sollen offenbar Demokraten vor den US-Kongresswahlen diskreditieren und Donald Trump politisch stärken.
Silva gewinnt Richtungswahl

Neue Hoffnung in LGBTIQ+-Community

Präsident Silvas Wahlsieg verhindert eine Rückkehr des Bolsonaro-Lagers an die Macht und weckt Hoffnungen auf eine offenere Gesellschaft.
Taiwan Pride setzt ein Zeichen

Solidarität statt Ausgrenzung

Vor der Pride am 31. Oktober fordern die Organisatoren Respekt für queere Menschen mit Behinderung, HIV und unterschiedlichen sexuellen Lebensweisen.
Phuket übt den queeren Empfang

InterPride tagt erstmals in Asien

Vor der InterPride-Konferenz schult Phuket Personal im Umgang mit internationalen LGBTIQ+-Gästen. Der Kongress beginnt am 29. Oktober.
Iga lehnt Ehe-Anmeldung ab

Bürgermeister fordert Reform

Die japanische Stadt Iga wollte die Ehe-Anmeldung eines gleichgeschlechtlichen Paars prüfen. Die Justizbehörde bestand auf einer Ablehnung.
Ärger um den sexy Jesus

Film lief trotz Protest in Genf

Civitas wollte „Hunky Jesus“ aus dem Genfer Festivalprogramm drängen. Der Film lief trotzdem. Nun erwägt die Organisation eine Anzeige.