Direkt zum Inhalt
Gesetzesvorhaben für die Tonne
ANZEIGE

Gesetzesvorhaben für die Tonne Das Ende der Antidiskriminierungsrichtlinie: Queere Verbände zwischen Verzweiflung und Kampfeslust

ms - 26.02.2025 - 16:00 Uhr
Loading audio player...

Kein besserer Schutz vor Diskriminierung in der Europäischen Union? Die EU-Kommission hat die geplante Antidiskriminierungsrichtlinie nun final zurückgezogen. Das höchstwahrscheinlich damit endgültige Scheitern kritisieren jetzt mit scharfen Worten mehrere queere, europäische Verbände. Auch andere Menschenrechtsorganisationen und Verbände wie der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) teilen die Kritik und sprechen von einem „verheerenden Signal für die Gleichstellung“. 

Wichtiger Schutz vor Diskriminierung

Die ILGA Europe betonte nun im Bündnis mit weiteren europäischen Organisationen wie dem queeren Lobbyverein IGLYO, der Anti-Rassismus-Stelle ENAR, dem Intersexuellen-Verband OII Europe sowie auch dem trans* Verein TGEU oder auch der lesbischen Gruppe EL*C die Wichtigkeit der einst geplanten Richtlinie: „Diese Richtlinie ist eine Verpflichtung zur Bekämpfung von Diskriminierung in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens, einschließlich des Zugangs zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Wohnraum und Sozialleistungen. Sie ist besonders wichtig für den Schutz vor Diskriminierung aufgrund der Religion oder der Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung und bildet eine Grundlage für die weitere Ausdehnung des umfassenden Schutzes auf alle von Ausgrenzung bedrohten Gruppen in allen Lebensbereichen.“ 

Eine lange Geschichte des Scheiterns

Die Geschichte des Gesetzentwurfes geht dabei auf das Jahr 2008 zurück, als die EU-Kommission erstmals eine Richtlinie ins Spiel brachte. Immer wieder wurde versucht, das Vorhaben umzusetzen, scheiterte aber stets, weil es keinen einstimmigen Beschluss der EU-Mitgliedsstaaten gab – nebst Italien und Tschechien blockierte vor allem auch Deutschland immer wieder das Vorhaben. 

Im Kern lehnte die Bundesregierung die Gesetzesinitiative als zu weitreichend ab, gerade im Zivilrecht, und betonte, dass Antidiskriminierung auf nationalstaatlicher Ebene geregelt werden sollte. „Infolgedessen sind Millionen von Menschen nach wie vor von systembedingter Diskriminierung betroffen, und es hat sich eine Hierarchie des Schutzes herausgebildet, bei der einige Formen der Diskriminierung umfassender behandelt werden als andere“, so die Schlussfolgerung der ILGA. 

Ist Gleichheit wieder verhandelbar?

Gerade in der aktuellen europäischen wie auch internationalen weltpolitischen Lage wäre ein finales Scheitern der Antidiskriminierungsrichtlinie fatal, wie das queere Bündnis überdies betonte: „Dieser Schritt erfolgt zu einer Zeit, in der rechtsextreme Kräfte in der EU und darüber hinaus an Dynamik gewinnen und eine erhebliche Bedrohung für Demokratie, Gleichberechtigung und Menschenrechte auf dem gesamten Kontinent darstellen. Anstatt entschiedene Maßnahmen zum Schutz von Gruppen zu ergreifen, die von Marginalisierung bedroht sind – darunter LGBTIQ+-Menschen – hat sich die Europäische Kommission für Untätigkeit entschieden und sendet damit die gefährliche Botschaft, dass Gleichheit verhandelbar ist. In einer Zeit, in der der Menschenrechtsschutz gestärkt werden sollte, kann sich die EU keinen Rückzug leisten.“ Mittels einer europäischen Petition, angestoßen von den EU-Bürgern, hoffen die Vereine nun, das endgültige Aus doch noch abwenden zu können. 

Die Grünen-Europaabgeordnete Katrin Langensiepen zog indes bereits ein bitteres Fazit: „Menschenrechte werden hiermit per Federstrich beerdigt. Antidiskriminierung spielt im Programm von Frau von der Leyen keine Rolle mehr. Erst keine Kommissarin mehr für Gleichstellung, nun auch gleich die ganze Direktive gestrichen.“ Die Chance für eine Wiederaufnahme des Gesetzesvorhabens nach rund 17 Jahren erfolglosem Kampf dafür dürften äußerst gering sein.  

Anzeige
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE

Auch Interessant

Reaktionen auf Amokfahrt

Entsetzen in der Community

Nach dem Terroranschlag auf den Berliner CSD läuft die Fahndung. Politik und Community reagieren mit Entsetzen.
Anschlag auf CSD Berlin

Eine Tote, mehrere Schwerverletzte

Bei einer Amokfahrt beim CSD in Berlin starb eine Frau, mehrere Menschen wurden lebensgefährlich verletzt. Der mutmaßliche Täter ist ein Islamist.
CSD Berlin abgebrochen

Auto rast in Menschenmenge

Der CSD in Berlin wurde am Samstagabend gegen 22 Uhr abgebrochen. Nach ersten Informationen ist ein Auto in eine Menschenmenge gerast.
Der schwule Gentleman-Dieb

Gegenentwurf zu Sherlock Holmes

Der viktorianische Meisterdieb Raffles gilt als schwuler Gegenentwurf zu Sherlock Holmes und wurde von realen schwulen Persönlichkeiten inspiriert.
War Chopin schwul?

Neue Studie über den Komponisten

Eine neue Studie untersuchte Chopins Briefe an Männer und stellt traditionelle Erzählungen über sein Liebesleben infrage. War der Komponist schwul?
Templo zeigt Kraft und Kunst

Schwuler Pole-Star auf Welttour

Der costa-ricanische schwule Pole-Performer Templo bringt beim World Pride 2026 queere Kunst, Athletik und lateinamerikanische Kultur auf die Bühne.
Glamour trotz Hitze

Drag-Queens in der CSD-Sonne

Wenn die Temperaturen wieder Rekorde brechen, liefern sich Make-up, Mode und Sommerhitze bei CSDs einen Kampf, den meist nur der Humor gewinnt.
Team LGBTIQ+ in Glasgow

Commonwealth Games 2026

Bei den Commonwealth Games 2026 in Glasgow treten mehrere LGBTIQ+-Athleten an und setzen trotz kleinerem Teilnehmerfeld ein Zeichen für Vielfalt.
Ekelhafter Angriff in Kiew

Abgehackte Schweineköpfe

Ein Kiewer Schönheitssalon wurde wegen seiner LGBTIQ+-Unterstützung angegriffen: Mit Schweineköpfen sollten die Betreiber eingeschüchtert werden.