Wie geht es den Schweizern? “Es wird versucht, Diskriminierungsschutz und Gleichstellung zu diskreditieren!“
Die Vorbereitungen laufen in der Schweiz gerade auf Hochtouren – in einer Woche startet in Zürich die knapp zweiwöchige 50-Jahr-Feier der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich), eine der ältesten LGBTI*-Organisationen in der Schweiz und zugleich ein Gradmesser für die Situation von LGBTI*-Menschen im Alpenstaat. Doch welche Themen brennen Schwulen, Lesben, Bisexuellen und queeren Menschen tatsächlich aktuell unter den Fingernägeln? SCHWULISSIMO fragte nach bei Co-Präsident Patrick Hadi Huber.
Es wird zahlreiche Workshops und Podiumsdiskussionen in den 13 Tagen geben. Was werden aus deiner Sicht die beherrschenden Themen sein?
Wir haben bewusst auf Themenvielfalt gesetzt. Unsere Community lässt sich nicht auf einzelne Schlagworte reduzieren, darum sprechen wir über Politik, über Beziehungen, über Diskriminierung, über Körperbilder. Wir haben einiges an Bildung geplant, zum Beispiel zu Online-Hass oder zu Rassismus, zu Intergeschlechtlichkeit und Trans. Dabei sind wir offen für alle Interessierten, bieten aber auch Schutzräume, zum Beispiel für Queers of Color oder Queers mit Behinderungen
Die Community in der Schweiz hat auf der einen Seite viel erreicht – Stichwort gleichgeschlechtliche Ehe – und auf der anderen Seite aber auch wie Deutschland noch mit vielen Problemen zu kämpfen, beispielsweise einem rapiden Anstieg der Hasskriminalität gegenüber LGBTI*-Menschen, in der Schweiz gerade in Zürich. Die Politik will mit Fördergeldern gegensteuern, aktuell gibt es gerade eine Plakataktion, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Was sind die größten Probleme der LGBTI*-Community in der Schweiz aus deiner Sicht aktuell?
Wir sehen mit großer Sorge, dass die politische Rechte zusammen mit anderen ultrakonservativen Organisationen zum Teil erfolgreich die Grenzen des Sagbaren verschiebt, wenn es um Gleichstellung, etwa Transrechte oder die Ehe für alle geht. Es wird versucht, Diskriminierungsschutz und Gleichstellung zu diskreditieren, Hassrede wird versucht unter Meinungsfreiheit zu framen. Das ist sehr gefährlich. Außerdem wird versucht, den Eindruck zu erwecken, queere Menschen hätten heute keine Probleme mehr. Jedes individuelle Ringen von queeren Personen, zu sich selbst zu stehen und stolz auf sich zu sein, zeigt uns, wie Queer-Sein auch heute noch stigmatisiert wird.
Der Impfstoff gegen die Affenpocken ist in der Schweiz noch immer nicht zugelassen, trotz einer aktuell laufenden Petition. Wie sehr beschäftigt das die Community?
Zurecht ist die schwule Community wütend, dass die Schweiz hier hinterherhinkt und bislang versäumt, vulnerable Teile der Bevölkerung mit einer Impfung oder guten Behandlungsoptionen zu schützen. Zugleich ist es gefährlich, die Krankheit als "schwules Problem" anzuschauen. Das schadet nicht nur uns, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft, die sich in falscher Sicherheit wiegt. Die Affenpocken sind keine sexuell übertragbare Krankheit, in jedem Club können Menschen sich anstecken.